Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regen

Navigation:
Firma aus Wunstorf macht 1800 Jahre alte Schriftrollen lesbar

Computertomograph Firma aus Wunstorf macht 1800 Jahre alte Schriftrollen lesbar

Nach 1800 Jahren hat eine Wunstorfer Firma alte Schriftzeichen auf einer antiken Bleirolle wieder lesbar gemacht - mit Röntgentechnik. Das containergroße CT-Gerät durchleuchtet sonst Industrieprodukte wie Bohrkerne oder Autoteile.

Voriger Artikel
Feuer beschädigt Supermarktlager in Wunstorf
Nächster Artikel
Stadt will Alkohol auf Barneplatz verbieten

Das GE phoenixlx-ray Applikationszentrum für hochaufloesende Computertomographie durchleuchtet eine 1500 Jahre alte, mit Schriftzeichen beschriebene mandaeische Bleirolle.

Quelle: Steiner

Wenn erst einmal genug Zeit ins Land gegangen ist, kann selbst Banales eine immense Bedeutung bekommen. Es muss nur überliefert werden, während alles andere versinkt. Schon eine Küchentischnotiz wie „Komme heut später, Schatz, kannst du bitte den Müll runterbringen?!“, kann Historikern in ein paar Jahrtausenden ja viel verraten über Zeiteinteilung und Abfallentsorgung, Wohnverhältnisse und Geschlechtsrollen in der Gesellschaft des fernen 21. Jahrhunderts. Und der uralte Text, der gleich auf dem Bildschirm in dieser Industriehalle in Wunstorf erscheinen wird, ist in jedem Fall ein Relikt aus einer sehr fernen, sehr fremden Welt.

Auch deshalb blickt Dirk Neuber hoch konzentriert auf den Monitor. Wie ein Nebel drehen sich dort Bildpunkte, dann formieren sie sich zu einer Art ausgefranstem Zylinder, auf dem schließlich seltsame Schriftzeichen zu erkennen sind: „Seit 1800 Jahren hat niemand diese Zeichen mehr zu Gesicht bekommen“, sagt Neuber ehrfurchtsvoll. Wahrscheinlich hat ein mandäischer Priester sie irgendwo in Mesopotamien im 3. Jahrhundert in das weiche Blei geritzt, ehe er den Metallstreifen aufwickelte. Und jetzt hat der „V-tome-x 300“ sie wieder ans Licht gebracht, ein extrem leistungsfähiger Computertomograf, entwickelt von Neubers Firma „GE Sensing & Inspection Technologies“ in Wunstorf. Spuren einer uralten Kultur, entziffert mit modernster Technik.

Der aufgerollte Bleistreifen ist mit 3,6 Zentimetern Breite etwa so groß wie eine Zigarettenkippe oder ein USB-Stick, und er steht im Zentrum der wissenschaftlichen Masterarbeit von Katrin Lück. „Es geht darum, den alten Text lesbar zu machen, ohne den Streifen aufzurollen“, sagt die angehende Restauratorin aus Berlin. Das Blei ist spröde, beim Abwickeln könnte der Streifen zerbröseln wie eine trockene Waffelrolle. „Ein Restaurator muss immer Anwalt des Objekts sein“, sagt die 26-Jährige.

In der Bundesanstalt für Materialprüfung und im Berliner Helmholtz-Zentrum fragte Lück an, ob es möglich sei, das Schriftröllchen zu durchleuchten – doch vergeblich. Um Blei durchdringen zu können, muss ein Computertomograf eine extrem hohe Energieleistung haben. Nach langer Suche stieß Lück dann auf die Spezialisten von „Phoenix x-ray“. Die Firma, gegründet 1999 in einer Wunstorfer Doppelgarage, zählt heute als Teil des Großkonzerns GE weltweit zu den Branchenführern. Das Unternehmen exportiert alljährlich Hunderte von Röntgengeräten und CT-Apparaten von Wunstorf aus in alle Welt – wie etwa den vor gut zwei Jahren entwickelten „V-tome-x 300“.

Eine Firma für Röntgentechnik aus Wunstorf widmet sich einer ungewöhnlichen Aufgabe: Ihre Computertomographen durchleuchten etwa 1800 Jahre alte Schriftrollen aus Blei, um sie entziffern zu können, ohne sie auszurollen - denn dabei würden sie vermutlich zerstört.

Zur Bildergalerie

Das containergroße CT-Gerät durchleuchtet sonst Industrieprodukte wie Bohrkerne oder Autoteile. Es rückte der antiken Bleirolle mit 290 Kilovolt zuleibe – einem Vielfachen der Energie, die etwa in Krankenhaustomografen zum Einsatz kommt. „Binnen 50 Minuten haben wir 1200 Aufnahmen gemacht“, sagt Neuber. Schicht für Schicht puzzelte der Rechner ein hoch aufgelöstes Bild vom Inneren der beidseitig beschriebenen Bleirolle zusammen. „So etwas ist noch nie gelungen“, sagt Neuber. Einige der verborgenen Schriftzeichen sind nur dreißig Tausendstelmillimeter tief eingekratzt. Selbst wenn der Bleistreifen ausgerollt wäre, bräuchte man ein Mikroskop, um sie zu lesen.

Die antike Rolle, die in Privatbesitz ist, wurde auf Mandäisch beschrieben, einer semitischen Sprache, die dem Syrischen ähnlich ist oder dem Aramäischen, das Jesus sprach. Unter anderem im Irak leben noch heute einige Zehntausend Mandäer – Anhänger einer monotheistischen Religion, die um Christi Geburt entstand und in der jüdische, christliche und gnostische Elemente verschmolzen sind.

Was genau der Text bedeutet, ist noch unklar. Die riesige Datenmenge, die der „V-tome-x 300“ gewonnen hat, soll jetzt auf DVDs nach Heidelberg geschickt werden. „Dort hat eine Firma eine Software entwickelt, mit der man den Streifen virtuell entrollen kann, damit man ihn wie einen Brief vor sich hat“, sagt Neuber. In ganz Deutschland gibt es wohl nur eine Expertin, die den Text dann lesen kann, sagt Lück – eine Wissenschaftlerin in Erlangen. Gleichwohl hat auch sie selbst bereits eine Idee, worum es gehen könnte. Frühe mandäische Texte waren meist religiöser Natur: „Solche Bleirollen enthalten oft Beschwörungsformeln oder Zaubersprüche, es ging um die Abwehr von bösen Geistern und Krankheiten oder um Liebeszauber“, sagt Lück. Teils wurden die Rollen wohl als Amulett getragen. Und zum Lesen waren sie wohl nie bestimmt: „Das Blei auszurollen wäre möglicherweise eine Blasphemie gewesen“, sagt sie. Vom „V-tome-x 300“ hingegen konnten die antiken Mandäer-Priester noch nichts wissen.

Simon Benne

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
doc6x8441x5nxd1a26gtnyd
Bejubelte Premiere des Nussknacker-Balletts

Fotostrecke Wunstorf: Bejubelte Premiere des Nussknacker-Balletts