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Geselle Felix geht auf die Walz

Wunstorf Geselle Felix geht auf die Walz

Für Handwerker ist es Tradition, nach ihrer Lehre zur Wanderschaft aufzubrechen. Heute ist die sogenannte Walz etwas aus der Mode gekommen. Der 26-jährige Felix aus Luthe lässt sich davon nicht abschrecken.

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Handwerker Felix verlässt Wunstorf und geht mit Kollegen auf Wanderschaft. Vorher muss der 26-Jährige noch zwei Flaschen vergraben und über das Ortsschild klettern.Haas (3)

Quelle: Svenja Haas

Wunstorf. Es ist eine ungewöhnliche Gruppe, die da beim Wunstorfer Ortsschild Richtung Klein Heidorn zusammensteht. Auf dem schlammigen Grünstreifen drängeln sich Menschen in dunklen Winterjacken, dazwischen steht ein Dutzend Wandergesellen, trotz der Kälte in traditioneller Kluft. Einer von ihnen ist Felix. Der 26-Jährige wird heute von Familie und Freunden verabschiedet, denn nun geht er auf die Walz. Schon zu Beginn seiner Lehre stand für ihn fest: Er will die traditionelle Wanderschaft der Handwerker als fertig ausgebildeter Geselle antreten. „Was mich daran am Anfang fasziniert hat, weiß ich nicht mehr genau. Aber jetzt ist es diese Unabhängigkeit. Das Rausgehen und das In-die-Welt-Reingehen.“

An jenem Montag gegen 13 Uhr ist es so weit. Mit Filzhut, Hemd und schwarzem Jackett fällt Felix unter den Wandersleuten der Gesellenvereinigung „Axt und Kelle“ gar nicht auf. Das Tragen der Kluft gehört zur Tradition. Also hat der junge Zimmerer seine Punker-Kluft schweren Herzens für längere Zeit abgelegt. „Ich glaube schon, dass ich das vermissen werde. Aber ich habe bei der Kluft kleine Spielräume. Ich werde versuchen, mich da auszuleben. Zum Beispiel kann man was mit Aufnähern oder mit Nieten machen.“

Doch bevor sich der 26-Jährige, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, mit der Verschönerung seines Äußeren befassen kann, muss er sich erst einmal schmutzig machen. Auch das ist Tradition.

Mit einem Löffel, den er von seinen Wandergesellen gereicht bekommt, gräbt er mühsam im schlammigen Erdboden, während die Gesellen um ihn herum singen und Bier trinken. Glücklicherweise reicht ihm schließlich ein Freund einen Spaten, sodass schnell ein ansehnliches Loch vor ihm im Boden klafft. Er legt eine Flasche Schnaps und eine zweite Flasche mit Grüßen von Familie und Freunden hinein und schüttet es wieder zu. Erst in zwei Jahren und einem Tag darf Felix zurückkehren und die Flaschen ausgraben.

Vielleicht haben sich bis dahin einige Träume verwirklicht. Zum Beispiel sein liebstes Bauprojekt: „Ein riesengroßes Fachwerkhaus. Wo alles mit traditionellen Holzverbindungen gemacht und die Handwerkskunst zelebriert wird.“

Nun wird es ernst. Die Gruppe trennt sich. Freunde und Familie bleiben vor dem Ortsschild stehen, die Wandersleute gehen an ihm vorbei und verlassen Wunstorf. Felix ist noch nicht bei ihnen, er nimmt sich noch einen Moment, um Freunden und Familie Lebewohl zu sagen. Telefonnummern und Adressen werden in ein kleines Buch geschrieben, das Felix in sein Bündel aus Tüchern steckt. Nur das Nötigste kann er mitnehmen, doch auf die Taschenuhr, die er zu seinem 18. Geburtstag bekommen hat, und seinen Hammer wollte er nicht verzichten.

Ein Handy hat er jedoch nicht dabei, das verstößt gegen die Tradition. Doch Felix ist optimistisch, dass der Kontakt zu seinen Freunden halten wird. „Ich werde auf E-Mails und Briefe zurückgreifen. Was ich schön fand und schon ein paarmal gemacht habe, ist, Fotos als Postkarten zu verschicken.“

Dann wird Felix übergeben. Freunde und Familie heben ihn an, damit er auf das Ortsschild klettern kann. Von dort lässt er sich in die Arme der Wandergesellen fallen. Er nimmt seinen Wanderstock und folgt den neuen Kameraden. Umdrehen darf er sich jetzt nicht mehr.

Von Svenja Haas

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