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Kochen für die Integration

Wunstorfer Flüchtlingsprojekt Kochen für die Integration

Alle zwei Wochen treffen sich in einer Wunstorfer Flüchtlingsunterkunft zehn syrische Frauen mit ihren Kindern und Ehrenamtliche zum Kochen. Es ist eines von nur wenigen Integrationsprojekten ausschließlich für Frauen. Es gelte schließlich nicht nur die Männer in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sagen die Organisatoren.

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Integration durch Kochen mit syrischen Frauen: Eine Aktion der Johanniter-Unfallhilfe in Wunstorf.

Quelle: Katrin Kutter

Wunstorf. Beim Hühnchenzerkleinern fängt Najah Zainab einfach an zu singen, und die Frauen an den Kochtöpfen neben ihr stimmen mit ein. „Kochen ist mein Hobby“, sagt die 61-Jährige. Und dann fügt sie noch hinzu: „Kochen ist in Syrien Frauensache.“ Männer würden eher selten kochen, nur wenn die Frau krank sei oder arbeiten müsse, aber dann seien das auch eher einfache Gerichte. Mädchen lernten so ab 15 von ihren Müttern kochen. „Wenn ein Mann eine Frau heiratet, die nicht kochen kann, dann ist das nicht so gut für ihn“, sagt Najah. An diesem Freitag gibt es Eintopf mit Huhn.

Seit August treffen sich in der Flüchtlingsunterkunft der Johanniter in Wunstorf regelmäßig alle zwei Wochen zehn syrische Frauen mit ihren Kindern und Ehrenamtliche zum Kochen. Es ist ein reines Frauenprojekt, männlich sind hier allenfalls die ein- bis dreijährigen Söhne der Teilnehmerinnen. Solche Aktionen sind selten. „Reine Frauenprojekte zur Integration von Flüchtlingen gibt es kaum“, sagt Petra Schulze-Ganseforth vom Strategy & Marketing Institute. Sie hat das Projekt „Mehr als Kochen“ zusammen mit ihren Freundinnen Sabine Manthei und Cornelia Tebben, mit denen sie gemeinsam einen Diversity-Studiengang an der Uni Hannover belegt hatte, und dem Johanniter-Verband ins Leben gerufen. „Es gilt schließlich, nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren“, sagt Ruth Hartmann, Integrationsbeauftragte der Johanniter-Unfallhilfe in der Region Hannover. „Wir wollen auch die stille Reserve an die Unternehmer bringen“, ergänzt Schulze-Ganseforth. Möglicherweise gelingt für einige Frauen so der Einstieg in die Gastronomiebranche.

Wunstorf: Integration durch Kochen mit syrischen Frauen, Aktion der Johanniter in Wunstorf. (Foto: Katrin Kutter)

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Der geeignete Ort war schnell gefunden. In dem Flüchtlingsheim in Wunstorf treffen sich jetzt Frauen, die dort früher selbst einmal ein paar Monate untergebracht waren, jetzt aber längst in Wohnungen in den umliegenden Gemeinden leben. Und die Küche in dem Heim ist auch gut geeignet. Jede Woche stellt eine andere Syrerin das dreigängige Menü zusammen. Erst wird gemeinsam eingekauft, dann geschnippelt, gekocht und abends dann zusammen gegessen. Viele Zutaten gebe es in arabischen und türkischen Supermärkten, erzählt Heimleiterin Pia Liebermann. Wie zum Beispiel Molokhia, ein Kraut, das an Pfefferminz erinnert und dieses Mal für die Suppe gebraucht wird. Manchmal müsse man aber auch bis Hannover fahren, um alles zu bekommen. Die Rezepte werden in einem Buch erfasst, das anschließend veröffentlicht werden soll. Die Übersetzerinnen, einige davon Studentinnen von der Universität Hannover, stellt das vor Herausforderungen. Da ist Genauigkeit gefragt: Wird etwas gebraten, pochiert oder gedünstet?

Das gemeinsame Kochen dient der Verständigung, zum Essen werden beispielsweise auch die Reinigungskräfte aus dem Heim eingeladen. Die Firma Primtec, die für Sicherheit und Sauberkeit in dem Haus verantwortlich ist, ist auch Kooperationspartner des Projekts. Es macht Spaß und gibt den Frauen nach traumatischen Fluchterfahrungen Zuversicht. „Sie erleben das auch als Wertschätzung für ihre Kultur“, sagt Schulze-Ganseforth. Es ist auch ein Schritt aus der Vereinsamung, die Kehrseite der dezentralen Unterbringung, so schön es sei, der Enge des Flüchtlingsheims zu entkommen, wer aus einer Großstadt komme und jetzt irgendwo in einem kleineren Dorf des hannoverschen Umlandes lebe, sehne sich oft nach Gemeinschaft, sagt die Unternehmensberaterin. In dem Wunstorfer Heim wohnen laut Leiterin Liebermann rund 125 Gäste aus 13 unterschiedlichen Nationen, die meisten stammen aus Syrien, Afghanistan, dem Iran oder dem Irak. Rund 20 sind Alleinerziehende, ein Drittel der Bewohner sind Kinder. Liebermann fasst es so zusammen: „Wir sind ein bunt gemischter Haufen.“ Das Heim besteht seit Dezember 2015, mittlerweile gibt es schon 182 Ehemalige, die jetzt in Wohnungen im Umland leben, wie die Teilnehmerinnen des Kochprojekts.

Rawda Al Kallas (23) ist vor drei Jahren aus Damaskus hierher gekommen. Inzwischen spricht sie so gut Deutsch, dass sie für die kochenden Frauen als Übersetzerin tätig sein kann. Auch sie kocht gern, zum Beispiel mit Hackfleisch gefülltes Gemüse: „Das ist mein Hobby.“ Zainab Amin (30), die eine zweijährige Tochter hat und im Dezember ihr zweites Kind erwartet, sagt: „Beim Kochen bin ich glücklich.“

Während die Gruppe kocht, interviewt Schulze-Ganseforth einzelne Frauen, fragt sie nach ihren Träumen und Wünschen für die Zukunft, nicht nach den schrecklichen Erlebnissen aus der Vergangenheit. Die Kinder kommen mit zum Kochen, es gibt sogar ein Betreuungsangebot für sie mit Basteln und Spielen. Für die meisten ist es aber viel interessanter nachzugucken, was ihre Mütter treiben. Vom Einkaufen übers Kochen bis zum Tischdecken, Essen und Geschirrspülen wird alles fotografisch dokumentiert. Und praktisches Sprachtraining ist es auch noch. Am Ende soll ein mehrsprachiges Buch, das auf Deutsch, Englisch und Arabisch erscheint, diese interkulturellen Begegnungen abbilden.

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