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Aus der Stadt AWO Hannover feiert 100-jähriges Bestehen
Hannover Aus der Stadt AWO Hannover feiert 100-jähriges Bestehen
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06:00 22.01.2019
AWO-Gründerin Marie Juchacz hält eine Rede vor dem Parlament Quelle: AWO
Hannover

Heute würde man ihn wohl den Quotenmann nennen: Friedrich Feldmann, Vorsitzender des SPD Bezirks Hannover-Braunschweig, Gründer der AWO Hannover. Vor rund 100 Jahren war er in seiner Umgebung zumindest so eine Art Solitär. Die „Arbeiterwohlfahrt“ – wie sich der Zusammenschluss vieler kleiner Organisationen der Arbeiterbewegung zum großen sozialdemokratischen Wohlfahrtsverband 1919 nannte, war in ihren Anfängen vor allem Frauensache – und auch auf der Führungsebene erstaunlich weiblich besetzt. Es ist kein Zufall, dass die Jubiläen 100 Jahre Frauenwahlrecht und 100 Jahre AWO zeitlich so nah beieinander liegen. Frauenbewegung und Arbeiterwohlfahrt sind in diesen Jahren ein untrennbarer Begriff. Die Gründerin der bundesweiten „Selbsthilfe der Arbeiterschaft“, Marie Juchacz, war zugleich eine der ersten Frauen in der Weimarer Nationalversammlung – und die erste, die dort 1919 eine Rede hielt.

Zur Pressekonferenz anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der AWO am Montag waren AWO Bezirksverband und AWO Region Hannover immerhin zumindest paritätisch besetzt: Yasmin Fahimi (Präsidentin) und Marco Brunotte (Vorstandsvorsitzender) sprachen für den Bezirksverband, Silke Lesemann (Vorstandsvorsitzende) und Burkhard Teuber (Geschäftsführer) für die AWO Region Hannover. Die Unterstützung von Frauen bestimme mit Kitas, Frauenberatungsstellen und dem eigenen Frauenhaus auch gegenwärtig die praktische Arbeit, sagte Lesemann. Es sei zudem kein Zufall, dass die AWO als eine der erste Organisationen deutschlandweit 1924 eine Kinderbetreuung ins Leben gerufen habe und so, gegen alle damalige Kritik, Frauen die Berufstätigkeit ermöglichte. „Auch nach 100 Jahren ist der Kampf gegen Kinderarmut noch ein zentrales Thema“, sagte Yasmin Fahimi. Für Frauen bedeute mehr materielle Sicherheit hier auch mehr Unabhängigkeit vom Familienernährer.

Erstaunlich viele Frauen in der Geschichte der AWO hatten diese Hilfe aber gar nicht nötig. Im Gegenteil: Sie halfen selbst, gründeten Nähstuben, Gemeinschaftsküchen, in denen für arme Familien genäht und gekocht wurde. Auch die Leitungsfunktionen waren in weiblicher Hand. Emmy Lanzke beispielsweise, hannoversche SPD-Sozialpolitikerin und Ratsherrin, wird nach dem Zweiten Weltkrieg, 1946, Vorsitzende des ersten neuen AWO-Ortsausschusses. In der NS-Zeit war die Organisation verboten worden. Von ihrer Geschäftsstelle aus, einer Baracke auf dem Waterlooplatz 16, nimmt Lanzke damals den Kampf gegen Hunger und Elend auf. Für Ausgebombte, Flüchtlinge, Kriegsversehrte geht es schlicht ums Überleben. Essen muss beschafft und ausgegeben werden, die erste Kleiderkammer wird eröffnet, für halbverhungerte Kinder wird schon ein Jahr nach Kriegsende die Stadtranderholung eingerichtet, und als die ersten Care-Pakete aus den USA ankommen, gehört die AWO zu den Organisationen, die mit der Verteilung beauftragt sind. Wie stark Armut, Hunger und Kälte, das Leben prägen, kann man der Einladung der AWO Hannover zu ihrer ersten Weihnachtsfeier 1945 in der Weberstraße entnehmen: „Bitte bringen Sie für sich und Ihre Kinder je eine Tasse mit“, heißt es da: „Damit Sie nicht frieren, bitten wir um ein Stück Holz.“

 Lanzke zur Seite steht Margarete Hofmann, jahrzehntelang Kreisvorsitzende der hannoverschen AWO, zugleich viele Jahre Vorsitzende im hannoverschen Sozialausschuss. Sie will, als sie Anfang 1946 durch die Trümmer von Hannovers Altstadt zur SPD-Zentrale in der Odeonstraße marschiert, eigentlich Parteiarbeit machen. „Grete, wir brauchen dich bei der Arbeiterwohlfahrt“ heißt es vonseiten der Genossen aber kurz und bündig. Während ihr Mann in Hannover als Staatskommissar die Entnazifizierung vorantreibt, kümmert sie sich also um den Wiederaufbau der 1933 verbotenen Arbeiterorganisation - und packt tatkräftig selbst mit an, wenn Not am Mann beziehungsweise der Frau ist. Wieder entstehen Gemeinschaftsküchen, Nähstuben, Waschstuben, Kinderlandverschickungen, Kinder- und Säuglingsbetreuung werden organisiert. Die AWO betreut in Hannover acht Flüchtlingslager. Einmal, so beschreibt Hofmann es später, sei am Bahnhof ein Zug mit 800 Kindern angekommen, von denen die Hälfte die Masern hatte. Mit den 400 gesunden zieht die resolute Frau quer durch die zerstörte Stadt ins Lindener Fössebad, um deren Läuse abzuschrubben. Für die eigene Tochter allerdings bleibt keine Zeit – sie lebt fortan im Internat. „Was sollten wir machen“, sagt Grete Hofmann später: „Wir haben uns ehrenamtlich fast zu Tode gearbeitet“.

Oder Lotte Lemke. Mit einem Stipendium der Arbeiterwohlfahrt studiert die Tochter eines Tischlermeisters nach einer Ausbildung zur Fürsorgerin Politik in Berlin, wird 1929 Geschäftsführerin in SPD und AWO. In der Nazizeit wirkt sie in einer Tarnorganisation mit, hilft verfolgten Sozialdemokraten und deren Familien. Nach 1945 baut sie von Hannover aus die AWO als Geschäftsführerin, später als Vorsitzende des Bundesverbandes, deutschlandweit wieder auf. 1949 kehrt die im Krieg nach New York geflohene AWO-Gründerin Marie Juchacz nach Deutschland zurück, auch ihr erster Besuch gilt der Stadt, in der sich die AWO nach dem Krieg neu gründet: Hannover. Die niedersächsische Landeshauptstadt bleibt Sitz des AWO-Hauptausschusses bis 1952.

Heute vertrete der AWO Bezirksverband als „ein Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege“ 18 Kreisverbänden von Cuxhaven bis Göttingen, betonte Marco Brunotte am Montag: Die Wohlfahrt habe sich „längst von der reinen Armenfürsorge weg bewegt“. Die AWO Region Hannover verfügt nach Angaben von Geschäftsführer Burkhard Teuber über fast 200 Einrichtungen und Diensten in den Bereichen Erziehung, Bildung, Gesundheit, Beratung, Pflege und Psychosoziales. Innovation sei das Credo - anders als es der in die Historie zurückweisende Name „Arbeiterwohlfahrt“ manchmal vermuten lasse. Teuber nennt als ein Beispiel das 1967 in der Dunantstraße eröffnete Emmy-Lanzke-Haus, damals ein Wohnhaus für alleinerziehende Mütter, heute eines für Mütter und Väter. Die AWO habe damals als einziger Träger Kinder unter einem Jahr betreut, um den Frauen eine Ausbildung zu ermöglichen. „Man hat uns vorgeworfen, dass es so kleinen Kindern schadet, wenn man sie so früh den Müttern wegnimmt, sagte Teuber: „Heute werden wir in den Krippen täglich eines Besseren belehrt“.

Von Jutta Rinas

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