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Aus der Stadt So gehen muslimische Tradition und Bestattungsrecht zusammen
Hannover Aus der Stadt So gehen muslimische Tradition und Bestattungsrecht zusammen
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00:18 15.07.2018
Frau Wächtler am Stadtfriedhof Stöcke. Quelle: im Schaarschmidt
Hannover

Liebevoll hebt Aydin mit einer kleinen Schaufel ein Loch auf dem Grab ihres Vaters aus. Eine der dunkelgrünen Plastik-Vasen, wie sie auf Friedhöfen gang und gäbe sind, lässt sie vorsichtig in den Boden ein. Der große, bunte Blumenstrauß findet dort seinen Platz. Ein wenig Wasser soll ihn durch die nächsten heißen Tage bringen.

„Ich bepflanze und schmücke das Grab erst seit ein paar Monaten“, sagt die 23-Jährige. Aus ihrer Heimat kennt sie das so nicht: Sie stammt aus Syrien und ist Muslima. Vor zwei Jahren ist ihr Vater gestorben und auf dem Stadtfriedhof Stöcken begraben worden. So oft wie möglich schaut Aydin an seinem Grab vorbei –auch das kennt sie aus ihrer Kultur eigentlich so nicht: „Wir trauern nicht am Grab, wir machen das daheim oder in der Moschee.“ Aber es sei schön zu sehen, wie bunt die anderen Gräber auf dem Friedhof sind und wie viele Menschen dorthin kämen, um zu trauern. „Irgendwann habe ich dann auch damit angefangen.“

Zusammenarbeit mit der Schura

Aydins Vater ist auf dem muslimischen Gräberfeld auf dem Stadtfriedhof Stöcken beigesetzt. Es ist das einzige seiner Art in Hannover. Seit 1989 können Muslime ihre Toten dort mit ihren Ritualen und Traditionen beisetzen. „Wir haben uns mit der Schura zusammengesetzt und einen Kompromiss gefunden“, sagt Cordula Wächtler, zuständig bei der Stadt für die Friedhöfe. Diese Kooperation mit dem Landesverband der Muslime in Niedersachsen habe auch für sie viele neue Erkenntnisse gebracht und schnell deutlich gemacht: Integration ist etwas, das über den Tod hinausgehen muss.

Wer über die muslimischen Gräber schaut, der mag aus christlich-deutscher Sicht das Gefühl bekommen, manch eines von ihnen wirke lieblos, gar ungepflegt. Viele Gräber sind nur mit grünen Büschen oder Platten bedacht.Die Reihengräber der Kinder haben keinen Stein, sondern nur ein hölzernes Schild. Wer weiß, dass im Islam die Gräber im Anschluss meist wochenlang, teils gar nicht mehr besucht werden, weil sie nicht als Ort der Trauer gelten, versteht es leichter. „In vielen muslimischen Ländern ist auch das Klima und der Boden etwas ganz anderes“, weiß Wächtler – Blumen und Gestecke seien dort undenkbar, weil sie auf Grund der Trockenheit sofort eingehen würden. „So entsteht natürlich eine ganz andere Bestattungskultur.“

Ein Grab auf dem Stadtfriedhof. Quelle: Tim Schaarschmidt

Bestattung ohne Sarg

„Einen Sarg gibt es bei uns auch nicht“, sagt Aydin. In ihrer Tradition wird der Tote rituell gewaschen und gesalbt –und nur in einem Leichentuch eingehüllt am Ende zu Grabe getragen. Für die Waschung gibt es in der Kapelle des Stadtfriedhofs Stöcken inzwischen einen Extraraum. Auch die Bestattung nur in Leichentüchern ist dort möglich. „Wir mussten allerdings ein wenig kreativ werden“, sagt Wächtler. So sei es im Islam üblich, dass die Toten von den Familienangehörigen direkt in den Boden gebettet werden – bei einer in Niedersachsen vorgeschriebenen Mindest-Tiefe von 1,80 Meter gehe das nicht. Was viele nicht wissen: Auch in Deutschland wurde der Sarg erst im 19. Jahrhundert eingeführt – unter anderem aus hygienischen Gründen, als die Pest wütete. Lange Zeit war er nur den Reichen und dem Adel vorbehalten.

Bei der Frage nach dem Sarg half daher ebenfalls der Austausch mit der Schura. „Wir haben jetzt eine Art Falltür über dem Grab entwickelt“, beschreibt es Wächtler. An Leinentüchern können die Angehörigen dann ihren Verstorbenen vorsichtig – und vor allem sicher – hinunter in den Boden lassen. „Wir beten dabei die ganze Zeit“, sagt Aydin.

Es braucht für Spaziergänger kein Finderglück, um den muslimischen Bereich des Stadtfriedhofs in Stöcken zu finden: Auf dem 15 Hektar großen Gelände dominieren klare Strukturen. Alles wirkt lineal – die Wege, die Gräber. Die Architekten über die Jahrhunderte hinweg haben sich selten auf freie, verwunschene Ecken eingelassen. Auch das änderte sich 1989 mit den muslimischen Gräbern: „Unsere Gräber sind alle in Richtung Mekka ausgerichtet“, erklärt es Aydin. Und naja – Mekka liegt von Stöcken aus gesehen nicht immer im 90-Grad-Winkel zum Weg. So wirkt das Gräberfeld fast wie ein Stilbruch im sonst so sortierten Gelände.

Ob muslimische oder orthodoxe Gräberfelder, ein Kinderfriedhof oder die eindrucksvollen Mausoleen aus der Gründungszeit: Auf dem Stadtfriedhof Stöcken zeigen sich seit 1891 verschiedene Kulturen und gesellschaftliche Entwicklungen. 17.000 Menschen liegen dort begraben.

„Ich habe Stiefmütterchen gepflanzt“

Wenn Wächtler und Aydin unabhängig voneinander über den Stadtfriedhof spazieren, fällt ihnen doch dasselbe auf: Christen, Atheisten, Muslime, Orthodoxe – man schaut voneinander ab, man lernt, man bereichert sich gegenseitig. „Ich habe sogar Stiefmütterchen gepflanzt“, sagt Aydin und muss lachen – sie kennt den „spießigen Ruf“ der bunten Blumen. Als ihr Vater damals beerdigt wurde, habe eine Frau auf dem Friedhof Tage später zu ihr gesagt: „Ich habe das gesehen, und ich fand es wirklich schön, wie viel Familie und Freunde mit dabei waren. Das ist bei uns leider nicht mehr selbstverständlich.“

Für eine weitere Frage wird es in ein paar Jahren wohl noch viel interkulturellen Austausch brauchen: Im Islam haben die Toten ein ewiges Ruherecht – in Deutschland werden Gräber in der Regel nach 20 Jahren neu belegt. „Wir haben uns jetzt erst einmal auf 40 Jahre verständigt“, sagt Wächtler. Dann müsse man weiterschauen.

Nur zu gern erinnert sich Wächtler auf dem Weg zum Ausgang an der neugothischen Kapelle an eine multikuturelle Führung über den Stadtfriedhof – ein Imam und ein Priester hatten damals gemeinsam vor den Gräbern für die Toten gebetet. Und so sind im Sterben vielleicht doch alle gleich – die Menschen suchen Trost und Halt, egal in welcher Religion.

Weitere Geschichten entlang der Linie 5 können Sie hier in unserer Multimedia-Geschichte nachlesen.

Von Carina Bahl

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