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Aus der Stadt LAN-Party in Hannover: Eltern testen die Spiele ihrer Kinder
Hannover Aus der Stadt LAN-Party in Hannover: Eltern testen die Spiele ihrer Kinder
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20:04 08.11.2018
Klaus Körner versucht sich im Spiel „Counter-Strike, damit er Zuhause bei seinen drei Jungs mitreden kann. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

Die etwa 40-Jährige bewegt einem am Fallschirm befestigten Bus durch die animierte Welt, um dann irgendwo auf der Karte zu landen. Die linke Hand auf der Tastatur, die rechte an der Maus. Über den Ohren klemmt das Headset. Doch an der Koordination hapert es noch etwas. „Sie müssen die W-Taste drücken, dann geht’s nach vorne“, erklärt einer der Spielanleiter. Die virtuelle Spielfigur hält eine überdimensionale Spitzhacke in der Hand –um Rohstoffe abzubauen. „Und womit kann ich Gegner schlagen?“, fragt die Frau. „Die Regel ist: Auf alles schießen, was sich bewegt.“ Eine Welt, die der Frau noch erkennbar fremd ist. Doch sie will sie kennenlernen und ist deshalb mit 120 anderen Erwachsenen, die meisten sind Väter und Mütter von computerbegeisterten Kindern, in die dritte Etage der Sportakademie im Ferdinand-Wilhelm-Fricke-Weg gekommen, um zu spielen.

Counter-Strike, Minecraft oder League of Legends: Die Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen (LJS) hat eingeladen zum Probezocken für Erwachsene. Einmal erfahren, wie es sich anfühlt, in die fremde Welt einzutauchen, die für ihre Kinder doch so alltäglich ist. An vielen Stationen können die Eltern das volle Paket aus klassischen Computerspielen, neuen Konsolen und innovativen Virtual Reality-Brillen testen. „Damit sie auf Augenhöhe mit ihren Kindern sprechen können“, sagt Andrea Urban, Leiterin der Landesstelle Jugendschutz. Denn die Spieleindustrie boomt. Und mit ihr wächst das Interesse der Eltern, zu verstehen, was genau ihre Kinder so reizt, Stunden oder ganze Tage vor diversen Bildschirmen verbringen. Allein in Deutschland ist der Umsatz im Games-Markt von 2016 bis 2017 um 15 Prozent gestiegen und lag damit bei 3,3 Milliarden Euro.

125 Millionen Menschen spielen Fortnite

Der aktuelle Renner unter den Games ist Fortnite. 125 Millionen Menschen sollen es spielen, nur knapp eine Handvoll der Eltern im Raum hat es überhaupt einmal gesehen. Der Pulk an Interessierten um die vier Fortnite-Computer ist dementsprechend am größten. Im angesagten „Battle Royale“-Modus geht es darum, die Gegner in einer Comic-Landschaft nach dem Last-Man-Standing-Prinzip zu eliminieren. Heute Abend muss statt der Jugendlichen die Mutter am Computer zunächst einmal fliehen. Denn es braut sich ein Sturm zusammen und man hat bloß zwei Minuten, um zu entkommen. Und dann sind da noch die 99 Gegner im Spiel. Schnell wird klar, warum sich viele Eltern um ihren Nachwuchs sorgen: Das Spiel erzeugt aus ihrer Sicht unentwegt Druck.

„Fortnite Battle Royale“ ist ein reines Online-Spiel, was die Alterskennzeichnung schwieriger macht. Auf den Spielehüllen in den Elektronikmärkten prangt ein deutliches 6, 12, 16 oder 18 in verschiedenen Farben. Die Kennzeichnung wird nach Kriterien wie Stress, Gewalt oder Realismus eingeteilt. „Wir wissen, dass ganz viele Grundschüler schon spielen“, sagt Eva Hanel, Medienreferentin der LJS. Und nur selten hätten Eltern Jugendschutzprogramme installiert. Häufig würden sie selbst ihren Kindern die Spiele schenken.

Diskussionen über die Spielzeit

Die tägliche Auseinandersetzung über die Spielzeit der Kinder kennen die meisten Eltern trotzdem. Klaus Körner hat mit seinen Jungs im Alter von 11, 14 und 23 Jahren dreimal die gleiche Erfahrung gemacht. Alle Kinder spielen fast täglich und vor allem am Wochenende mehrere Stunden. Die Jüngeren versuchten immerzu, dem großen Bruder nachzueifern. Er ist hergekommen, um sich mit anderen Eltern auszutauschen. Auch seine Söhne spielen Fortnite. Mit dem 14-jährigen habe Körner deshalb einen Abend zusammengesessen, um das Phänomen zu verstehen. Begeistert ist er immer noch nicht, „aber ich kann es mir jetzt besser vorstellen“, sagt der 51-jährige Versicherungsbetriebswirt. Die Begrenzung der Spielzeit funktioniere bei ihm Zuhause, wenn seine Frau oder er dabei wären. Aber selbst technische Hilfsmittel würden von den Kindern irgendwann ausgetrickst.

Trotz der großen Verbreitung von Videospielen geistern immer noch Fehlannahmen durch die Elternkreise. Viele haben Angst vor schädlichen Auswirkungen der Spiele auf die Psyche ihrer Kinder. Reinhold Gravelmann vom Bundesverband Erziehungshilfe versucht mit einigen Vorurteilen aufzuräumen. Vor allem Spiele, die nah an der Lebensrealität sind, würden die Kinder beeinflussen. Junge Kinder sind davon besonders betroffen. Allerdings bestehe kein Zusammenhang zwischen einer Verrohung oder Abstumpfung in Spielen und in der Gesellschaft. „Sie brauchen also keine Angst zu haben, dass ihr Kind zum Massenmörder wird.“

Ein Großteil der anwesenden Eltern ist zwischen 30 und Ende 50. Die LAN-Party als Event ist vielen nicht ganz unbekannt, schließlich können sich einige selbst zur Generation zählen, die mit Spieleklassikern wie FIFA oder Super Mario aufgewachsen sind. Ihre Fingerfertigkeit und geübte Züge auf der Tastatur stellen einige auch gleich zur Schau. Genau darin liegt laut Gravelmann der große Vorteil. Es gebe viele kreative Spiele, die die Kinder anregen oder die Geschicklichkeit stärken. „Eltern müssen das Interesse der Kinder deshalb ernst nehmen“, sagt er.

Wann wird das Spielen zur Sucht?

Schwieriger ist es, wenn das Interesse zur Sucht wird. Unter Eltern ist dieses Urteil schnell gefällt, wenn die Kinder aus ihrer Sicht zu lange zocken. Doch von Sucht sprechen Experten erst, wenn ein Kriterienkatalog erfüllt ist, den die Ambulanz für Spielesucht in Mainz erarbeitet hat. Demnach müssen unter anderem Entzugserscheinungen, die Vernachlässigung von Pflichten und eine starke gedankliche Beschäftigung mit dem Spiel zusammenkommen. Erst dann sollten Eltern ihre Kinder zur Therapie bringen.

Wer spielt was und wie viel?

Welche Altersgruppe wie lange spielt und welche Computerspiele zu den beliebtesten gehören, wird jährlich in den sogenannten KIM- und JIM-Studien untersucht. Unter den Sechs-bis 13-Jährigen sind 70 Prozent der Kinder regelmäßig (mindestens einmal pro Woche) mit digitalen Spielen beschäftigt. FIFA, Die Sims, Minecraft, Mario Kart und Super Mario liegen in der Liste der Lieblingsspiele vorn. Die Zwölf- bis 19-Jährigen greifen häufiger auch zu Strategiespielen wie Clash of Clans oder Kriegsspielen wie Call of Cuty oder Battlefield. In beiden Altersklassen sind Jungen spielaffiner als Mädchen.

Reinhold Gravelmann vom Bundesverband für Erziehungshilfe empfiehlt, den Kindern Hinweise auf pädagogisch wertvolle und dennoch interessante Spiele zu geben, die unter www.spieleratgeber-nrw.de zu finden sind. Zudem sollten Eltern Handlungsalternativen in der „realen Welt“ anbieten.

Von Sebastian Stein

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