Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Wenn der Lehrer seinen Wissensvorsprung verliert - und Grundschüler Informatik lernen
Hannover Aus der Stadt Wenn der Lehrer seinen Wissensvorsprung verliert - und Grundschüler Informatik lernen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 22.03.2019
Man kann gar nicht früh genug beginnen: Lehrer Thorsten Köhler und seine Schülerinnen Lana (li,10 ) und Lena (9) Quelle: Foto: Heidrich
Hannover

Analoge Schulbücher gibt es in der Oberschule Gehrden schon seit einigen Jahren nicht mehr. Gelernt wird nur noch digital und längst nicht mehr nur im Klassenzimmer, sondern auch auf dem Flur oder draußen. Denn Netz gibt es hier überall, Freiheit und Kreativität sind Pfeiler des Konzepts. Der Apple-Konzern hat die Oberschule deshalb bereits 2017 für das innovative Lernkonzept ausgezeichnet. Doch die Oberschule ist nicht die einzige Schule in der Region, die bei der Digitalisierung schon sehr viel weiter ist als die meisten: Die Stadt Hannover hat an sechs Pilotschulen ein Modellprojekt zum digitalen Lernen gestartet. An der Gerhart-Hauptmann-Realschule etwa arbeiten – bis auf eine achte Klasse und der zehnte Jahrgang – alle Schüler mit Tablets. Die Sechstklässler lernen in der Biologiestunde von Regina Spiekermann nicht nur alles über Fledermäuse, sondern auch noch nebenbei, was Urheberrechte sind und dass man nicht mal so eben Bilder aus Google herunterladen und in elektronische Steckbriefe einfügen kann. Digitales Lernen heißt für die Lehrerin aber auch, im Notfall noch ein paar analoge Arbeitsblätter dabei zu haben. Es kann immer mal sein, dass ein Tablet zur Wartung ist oder zu Hause vergessen wurde.

"Lange genug geredet“

Es gibt sie also, die Modellschulen, in denen ein Umgang mit digitalen Geräten, Medien und Inhalten vorgelebt wird, den viele andere Schulen erst noch lernen wollen oder sollen. Doch wie sieht Digitalisierung an den Schulen tatsächlich aus? Wird damit alles Lernen auf den Kopf gestellt? Und ist der Digitalschub tatsächlich für alle Schulen die Antwort auf ihre Probleme?

Lehrer Thorsten Köhler hilft an der interaktiven Tafel beim Programmieren der Mikrocontroller. Quelle: Clemens Heidrich

Die Politik jedenfalls hat sich mittlerweile nach langer Diskussion auf den Weg gemacht: Am 15. März hat der Bundesrat einstimmig die Änderung des Grundgesetzes beschlossen, sodass der Digitalpakt in Kraft treten kann. „Es wurde lange genug darüber geredet und verhandelt“, sagt Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne. „Wir wollen jetzt Geld für unsere Schulen zur Verfügung stellen, damit das Lernen mit digitalen Medien besser umgesetzt werden kann“, sagt der Minister. Jede Schule soll 30 000 Euro bekommen. Und darüber hinaus noch Geld für Weiteres wie WLAN-Ausstattung, Serverstrukturen und Whiteboards.

„Wie fühlt es sich, wenn die alten Methoden nichts mehr wert sind?“: Prof. Klemens Skibicki spricht beim Kongress Mobile Schule an der Uni Oldenburg. Quelle: Saskia Döhner

Doch Digitalisierung geht darüber hinaus. Breitband, Hardware, Software – die technische Bereitstellung ist das eine. Der theoretische Überbau das andere. „Das Lernen ändert sich komplett“, sagt Klemens Skibicki bei der Tagung zum Thema Mobile Schule, die jüngst an der Universität Oldenburg stattfand. Der Marketingprofessor forscht an der Co­logne Business School zu Digitaler Transformation und ist seit 2015 auch Digitalbotschafter des Wirtschaftsministers Nordrhein-Westfalens. Skibicki sagt: Informationen werden heute nicht mehr nacheinander hierarchisch von oben nach unten verteilt, gefiltert vom Lehrer, sondern gleichzeitig und von überall aufgenommen und in Echtzeit ausgetauscht. Das ist nicht weniger als eine Revolution: Der Lehrer verliert seinen Wissensvorsprung.

Schüler individueller fördern

„Wie fühlt sich das an, wenn die alten Lehrmethoden nichts mehr wert sind?“, fragt der 46-jährige Skibicki sein Publikum in Oldenburg – rund 950 Lehrer aus ganz Deutschland. „Nicht schön, oder?“ Man müsse sich von dem Gedanken verabschieden, dass etwas besser sei, nur weil man es so gelernt habe. „Mein Vater hat mal zu mir gesagt, dass die jüngeren Leute ja gar keine Straßenkarten mehr lesen könnten, weil sie sich auf ihr Navi im Auto verlassen“, erzählt Skibicki. „Na und, ich kann ja auch nicht mehr mit zwei Steinen Feuer machen“, habe er darauf geantwortet.

In Oldenburg informieren sich mehr als 900 Pädagogen über Lernen mit digitalen Medien. Quelle: Saskia Döhner

Digitalisierung – das ist eben viel mehr als nur das Austauschen von Tafeln gegen Whiteboards oder Papier gegen Tabletcomputer. Die Technik könne helfen, Schülern die individuelle Förderung zu geben, die sie im heutigen Schulalltag mit 30 Schülern auf einen Pädagogen viel zu selten bekämen, freuen sich Enthusiasten. „Lehrer können dann einfacher analysieren, wo welches Kind im Stoff steht und welche Unterstützung es braucht“, meint etwa Jörg Dräger, Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung im HAZ-Interview.

Technik, die begeistert: Die Döhrener Grundschüler Jan (10) und David (10). Quelle: Clemens Heidrich

Vorteile, die Rainer Lubert nachvollziehen kann: „Eine Digitalisierung bewerte ich persönlich positiv.“ Doch für den Leiter der Pestalozzischule in Anderten gibt es dringendere Sorgen als die Frage, ob der Mathematikunterricht auf Computern, Whiteboards oder Kreidetafeln abgehalten wird: „Die Schülerzahlen nehmen durch Schulformwechsler und Zuzüge an den Oberschulen massiv zu“, sagt Lubert, „Diese Schülerinnen und Schüler finden nur sehr schwer einen neuen Schulplatz. Unserer Schule fehlen zahlreiche Räume. Gemäß Standardraumprogramm der Stadt Hannover, das aber nur Anwendung für Neubauten und grundlegende Sanierungen findet, fehlen uns schon jetzt als zweizügige Schule sechsunddreißig Räume.“

Die Klasse 4a und ihr Lehrer Thorsten Köhler schwören auf Technik-Baukästen und den Calliope Mini. Quelle: Clemens Heidrich

Ausstattung muss besser werden

Der Schulleiter sagt deutlich: „Ein regulärer Unterricht ist nur unter schwersten Bedingungen möglich. Weitere Schülerinnen und Schüler können in den Jahrgängen sechs bis neun schon jetzt nicht mehr aufgenommen werden.“ Luberts Forderung für die Digitalisierungspläne: „Es reicht natürlich nicht, dass Kabel verlegt werden. Die technische Ausstattung der Schulen muss deutlich verbessert und dann auch angepasst werden. Eine Betreuung der Systeme durch Fachleute ist erforderlich. Zusätzlich müssen die Lehrkräfte fortgebildet und begleitet werden.“

Digitalisierung – das ist eben in den Schulen nicht selten auch das harte Zusammentreffen von Wunsch und Wirklichkeit. Da wird von digitaler Lernstandserfassung und individualisierten Inhalten gesprochen, aber in der Schule funktioniert das WLAN nicht. Und wenn der Computer kaputt ist, dann gibt es oftmals keinen Wartungsdienst, sodass der Kollege mit den besten Computerkenntnissen sein Glück versuchen muss. Das eine darf man nicht mit dem anderen vermengen, mahnen Wissenschaftler. Digitalisierung sei kein Allheilmittel und kein Teufelszeug. Letztlich handele es sich um die Wahl verschiedener Werkzeuge – ein Stift, ein Tablet, ein Handy oder eine Kreidetafel seien immer Mittel und nie Zweck.

„Twittern ist nicht doof“

Auch beim Einsatz von digitalen Medien: Es gehe um Menschen, nicht um Technologie, sagt Klemens Skibicki. „Twitter ist nicht doof, nur weil US-Präsident Donald Trump es nutzt.“ Skibicki hält es für falsch, zwischen der Online- und der Offlinewelt zu unterscheiden, zwischen echten Gesprächen und Chats, zwischen richtigen Freunden und Facebook-Freunden. „Alles ist echt.“ Da 64 Prozent der Deutschen älter als 35 Jahre seien, sei die Skepsis gegenüber der Technik der Jungen verständlich, sagt Skibicki. Die Uhr lasse sich aber nicht mehr zurückdrehen. „Die Menschen machen das, was sie immer schon gemacht hätten, wenn sie die Möglichkeiten dazu gehabt hätten.“ Es gehe darum, in einer vernetzten Welt die Richtigen zusammenzubringen. Die Daten seien der Schlüssel. Dabei gelte es, zwischen Datenschutz und Datensicherheit zu unterscheiden. „Für meine 14-jährige Nichte ist es Datenschutz, wenn sie ihre Mutter bei Instagram blockiert und ihre Oma zulässt.“

Und letztlich lassen sich auch nicht alle Probleme auf einmal lösen. Axel Seebohm vom Institut für Qualitätssicherung an Schulen in Schleswig-Holstein mahnt zur Gelassenheit. „Digitalisierung passiert nicht in einem Handstreich, das ist eher eine Evolution als eine Revolution“, sagt Seebohm.

Calliope: Der heiße Draht zur Technik von morgen

Sie haben einen schummelsicheren Würfel und ihre eigene Chatsprache entwickelt, sie komponieren mithilfe von Informatikbefehlen „Happy Birthday“, setzen eine Murmel auf einer Murmelbahn ohne Berührung in Bewegung, zählen mit ihrem Mikrocontroller, wie oft man sich meldet oder den heißen Draht berührt. Die Kinder in der Klasse 4a der Döhrener Heinrich-Wilhelm-Olbers-Grundschule sind schon versiert im Umgang mit dem Calliope Mini.

Stadt und Region Hannover wollen den Mikrocontroller Calliope jetzt in einem Modellprojekt an 15 Grundschulen einsetzen, um Kinder in altersgerechter Weise fit zu machen für die digitale Welt. Später sollen auch andere Standorte davon profitieren. Für Thorsten Köhler, Lehrer an der Olbers-Schule, ist es insbesondere die Verbindung zwischen dem alten Werken und der neuen Technik das Reizvolle – die Viertklässler konstruieren mit den Kitec-Baukästen einen heißen Draht oder eine Murmelbahn aus Holz und steuern sie über den Calliope Mini. „Der Kompetenzbereich Technik kommt in der Grundschule meist zu kurz“, sagt Lehrer Köhler. Dabei hätten die Kinder in diesem Alter, egal ob Mädchen oder Jungen, noch keine Schwellenängste und Hemmungen bei dem Thema. „Man kann gar nicht früh genug anfangen, einen vertrauensvollen Umgang mit den neuen Medien zu lernen.“ Wer sich in der Grundschule mit Informatik und Technik befasse, für den seien auch später naturwissenschaftliche Fächer selbstverständlicher. Technikförderung ist immer auch ein Stück Nachwuchswerbung für den Arbeitsmarkt.

Zwei Mädchen in der 4a haben ihr eigenes Chatprogramm entwickelt „Das hat viel Spaß gemacht“, sagt die neunjährige Tuana. „Und man braucht dafür nicht mal ein Handy“, fügt die gleichaltrige Melis hinzu. „Ich bastele gern“, sagt David, deshalb seien die Stunden mit dem Calliope Mini besonders interessant. Man müsse nicht die ganze Zeit auf dem Stuhl sitzen, sondern könne tüfteln und ausprobieren, loben die Schüler. Sophie (10) und Liah (9) sind stolz auf ihren Calliope-Würfel, den sie programmiert haben – „schummeln geht damit nicht.“

Der Weg zur „digitalen Schule“: Das müssen Sie zum Thema wissen

Die HAZ-Themenseite: Alle Beiträge zum Thema „digitale“ Schule auf einen Blick

Der „Digitalpakt:“ Das Kultusministerium beantwortet häufig gestellte Fragen

Schädlicher Staub in den Klassenräumen: Der Streit um die Abschaffung der Kreidetafeln

Ein Blick in die Praxis: „Regulärer Unterricht ist nur unter schwersten Bedingungen möglich“

Interview: Sollten Tablets und Smartphones die Schulbücher ersetzen?

Interview: Brauchen wir wirklich Tablets und Smartphones im Klassenzimmer?

Mehr aktuelle Berichte aus Hannovers Schulen

Aktuelle Infos für Lehrer, Eltern und Schüler in Hannover: Die HAZ berichtet laufend über Themen rund um die Schulen der Stadt. Auf dieser Seite finden Sie alle Artikel auf einen Blick.

Von Saskia Döhner

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Rainer Lubert von der Pestalozzischule steht der Digitalisierung positiv gegenüber. Seine Oberschule habe aber dringendere Probleme, es fehlten Räume und Plätze für Schulformwechsler. Regulärer Unterricht sei kaum noch möglich.

22.03.2019

Die Grünen im Landtag unterstützen eine Petition, die den geplanten Kiesabbau bei Wilkenburg verhindern will. Sie wollen das Areal eines antiken Römerlagers als Bodendenkmal erhalten.

19.03.2019

Die leuchtende Rot war verblasst; jetzt bekommt der Hellebardier am Maschsee einen neuen Anstrich. Die Skulptur des Künstlers Alexander Calder ist bereits eingerüstet, in der kommenden Woche werden die Arbeiten beginnen.

22.03.2019