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Aus der Stadt Hannovers Spitzenforscher räumen ab
Hannover Aus der Stadt Hannovers Spitzenforscher räumen ab
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00:19 30.09.2018
Feiern den Erfolg: Physikpionier Herbert Welling, Uni-Präsident Volker Epping, Professor Karsten Danzmann und Professor Wolfgang Ertmer (von links nach rechts) im Institut für Gravitationsphysik. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Die Ungewissheit bleibt bis zuletzt. Da geht es Forschern ähnlich wie Kardinälen bei der Papstwahl. Wenn die Entscheidung über die neuen Exzellenzcluster fällt, ringen Wissenschaftler und Politiker im Auswahlgremium bis zur letzten Minute. Astrophysiker Karsten Danzmann erfährt gegen 16 Uhr inmitten von Mitarbeitern und Kollegen per Telefon vom Ergebnis: Vier Forschergruppen aus Hannover bekommen den Zuschlag für die begehrte Spitzenförderung. Im ersten Moment will es niemand glauben, dann bricht der Jubel los.

„Das ist ein Triumph für die Physik und ein grandioser Erfolg für Hannover. Die Physiker haben mal eben 140 Millionen eingesackt“, jubiliert Danzmann, selbst Sprecher des neuen Exzellenzclusters Quantum Frontiers zur Neuvermessung von Zeit und Raum. Die Leibniz-Universität hat ihre beiden Bewerbungen durchgebracht, beide im Kern mit physikalischen Fragestellungen, jedoch zugleich mit Beteiligung zahlreicher anderer Fachrichtungen. Die Medizinische Hochschule Hannover bekommt ebenfalls Förderung für zwei Spitzengruppen: Erstmals hat das Exzellenzcluster Resist zur Infektionsforschung Erfolg. Für die Forscher von Hearing4all zum Thema Hören gibt es zum zweiten Mal Geld, die Universität Oldenburg ist federführend, die MHH maßgeblich beteiligt. Die vier Exzellenzcluster können sieben Jahre lang mit stabiler Förderung rechnen. 88 Spitzenforschungsprojekte hatten sich beworben und gebangt, 57 haben das Rennen gemacht.

„Das Ergebnis ist von riesiger Bedeutung für die ganze Universität und für Niedersachsen“, glaubt Danzmann. Die beiden Hochschulen bewerben sich nun gemeinsam als Exzellenzverbund, bei Erfolg fließen weitere Forschungsmillionen. „Wir haben jetzt Gestaltungsspielraum und richtig viel Arbeit“, strahlt Prof. Uwe Morgner, Sprecher des Exzellenzclusters PhoenixD. „Wir wollen die digitale Optik neu erfinden“, verkündet Morgner. Preiswerte Präzisionsoptik wird eines Tages den Alltag umkrempeln, vor allem in der Medizin Anwendung finden. „Aber jetzt werden wir erst einmal Leute einstellen, Forschungspläne schreiben, Großgeräte beschaffen und neue Professuren besetzen.“

Enttäuschung für Göttinger Uni

Im aktuellen Exzellenz-Wettbewerb waren niedersächsische Hochschulen besonders erfolgreich: Von zehn Anträgen, die es in die jetzige Auswahlrunde geschafft hatten, sind sechs weitergekommen – damit hat sich die Anzahl der niedersächsischen Exzellenzcluster im Vergleich zu den bisher gelaufenen Wettbewerben verdoppelt. Das bedeute „mehr als 250 Millionen Euro bis 2025 für die Spitzenforschung in Niedersachsen“, rechnet Wissenschaftsminister Björn Thümler vor. Bundesweit wurden 57 Exzellenzcluster ausgewählt.

Die Technische Universität Braunschweig war mit einem Cluster zur Luftfahrtforschung erfolgreich. Zudem ist sie am Forschungsverbund Quantum Frontiers der hannoverschen Leibniz-Uni beteiligt. Für die Uni Göttingen, die früher bereits einmal zur Eliteuni gekürt worden war, ist dieser Wettbewerb enttäuschend ausgegangen: Von vier Anträgen, die im Rennen waren, ist am Donnerstag nur einer durchgekommen – bei dem Forschungsverbund geht es darum, Zellmechanismen zu erforschen. Weil nur eines der Göttinger Cluster gefördert wird, kann sich die Hochschule auch nicht mehr um den Titel einer Exzellenzuniversität bewerben – anders als die Kollegen aus Braunschweig und Hannover. Bundesweit können 17 Unis und Verbünde Anträge zur Exzellenzuni stellen, Bewerbungsschluss ist am 10. Dezember dieses Jahres; die Entscheidung fällt am 19. Juli 2019.

Bund und Länder wollen mit ihrer Exzellenzstrategie (zuvor Exzellenzinitiative) herausragende universitäre Forschung stärken und das internationale Scheinwerferlicht darauf lenken. Das Renommee ist immens. Mit bis zu zehn Millionen Euro kann ein Exzellenzcluster pro Jahr dabei rechnen. Dazu kommen aber meist noch erhebliche Drittmittel, die Forschergruppen mit dem begehrten Titel anderswo einwerben.

„Es ist eine große Anerkennung der Gutachter für das, was wir schon aufgebaut haben“, unterstreicht MHH-Virologe Prof. Thomas Schulz, Sprecher des Exzellenzclusters Resist. „Wir wollen besser verstehen, warum manche Menschen an eigentlich ganz trivialen Erregern schwer erkranken.“ Dafür haben die zahlreichen Wissenschafter in dem Verbund ab Januar 2019 nun sieben Jahre Zeit.

„Erfolg für Hannover“: Wilhelm Krull, Generalsekretär der Volkswagenstiftung, bewertet im Interview den Erfolg der Exzellenzstrategie.

Infektionen besser therapieren

Die Forscher in der Gruppe Resist wollen besser verstehen, warum manche Menschen besonders anfällig für bestimmte Infektionen sind. Eine Abwehrschwäche gegenüber Krankheitserregern kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Wenn Ärzte die Zusammenhänge erkennen, können sie zukünftig bessere Diagnosen stellen und Therapien individuell auf den Patienten abstimmen.

Leichter Hören

Vibrierende Hörgeräte, Implantate im Mittelhirn oder elektronische Prothesen im Innenohr: Seit sechs Jahren arbeiten Forscher an einer Vielzahl unterschiedlicher Entwicklungen, die Menschen mit Hörstörungen oder kompletten Hörverlust helfen. Zukünftig wollen die Wissenschaftler im Exzellenzcluster Hearing4all (auf Deutsch „Hören für alle“) verstärkt individuelle Therapien entwickeln, den Hörverlusts im Alter ausbremsen oder auch Smartphones als Hörgerät einsetzen.

Optische Geräte aus dem Drucker

Die Forscher in der Gruppe PhoenixD wollen hochpräzise Kameras schnell und kostengünstig in additiver Fertigung, also Schicht für Schicht wie im 3D-Druck, herstellen. Bislang entstehen optische Linsen aus Glas und das umgebende Gehäuse in mehreren Arbeitsschritten, oft in Handarbeit. Wenn die Kosten sinken, könnte Präzisionsoptik die Chemie auf dem Acker ersetzen. Ein Sensor erkennt Unkraut, das mit Laserbeschuss am Wachstum gehemmt wird. In der Diagnostik von Krankheiten wiederum ist eine schnellere Blutanalyse denkbar.

Suche nach dem Maß der Dinge

Bei Quantum Frontiers befassen sich die Forscher mit neuen Messtechnologien auf Nanoebene (ein Nanometer ist ein Milliardstelmeter). Sie wollen physikalische Grundeinheiten wie Masse, Länge und Zeit im allerkleinsten Maßstab präziser definieren. Die Grundlagenforschung wird sich in vielen Lebensbereichen auswirken, weil sie verbesserte Navigation und Erdbeobachtung, neue Materialentwicklung auf Nanoebene sowie kleinere Halbleitersysteme verspricht, die zentraler Bestandteil fast aller elektrischen Geräte sind.

Von Bärbel Hilbig

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