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Aus der Stadt Gundlach baut Hannovers erstes Recyclinghaus am Kronsberg
Hannover Aus der Stadt Gundlach baut Hannovers erstes Recyclinghaus am Kronsberg
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20:20 17.10.2018
Noch ist es eingerüstet: So sieht das erste Recyclinghaus mit hohem Energiestandard aus. Viele Innenbilder zeigen wir in unserer Galerie. Quelle: Leonie Friebel
Hannover

Um das Ergebnis gleich vorwegzunehmen: Nein, es hat nicht geklappt, ein Neubauhaus zu 100 Prozent aus Recyclingmaterial zu errichten. „Es soll ein Experiment sein, und wenn da alles glatt laufen würde, dann wäre es kein echtes Experiment gewesen“, sagt Franz-Josef Gerbens, der Ökobeauftragte des Bauunternehmens Gundlach. Aber was die Planer nach dreijähriger Vorbereitungszeit am Kronsberg geschafft haben, das ist doch beachtenswert. Mehr als die Hälfte des Baumaterials für das Fünfpersonenhaus ist wiederverwendet, schätzen die Fachleute, und fast alles andere ist so eingebaut, dass es später wiederverwendet werden kann. „Beim Standardneubau gibt es einen Systemfehler“, sagt Architekt Nils Nolting vom Büro Cityförster: „Es wird viel auf den späteren Energieverbrauch geachtet aber kaum darauf, wie viel Energie und Rohstoffe beim Bau des Hauses verschwendet wird.“ Das jedenfalls war beim Recyclinghaus anders.

Türen und Treppenstufen wiederverwendet

Fensterrahmen, Ziegelsteine, Türen und sogar die Trittschalldämmung zwischen den Etagen sind komplett aus Recyclingmaterial. Heizkörper, Treppenstufen und einige Sichtholzwände auch. Aber vor allem bei Dichtungen oder Wasserleitungen und konstruktiven Werkstoffen mussten die Planer Kompromisse schließen –schließlich braucht in Deutschland fast alles eine Norm, ist die gibt es für Gebrauchtmaterial oft nicht.

Historische Türen und intelligente Trittschalldämmung: Das Ökologieteam von Gundlach zeigt, wie man ausgediente Baustoffe sinnvoll weiterverwenden kann. Unsere Bildergalerie zeigt Impressionen.

Die Idee war vor etwa drei Jahren geboren, und die Entstehung sagt viel darüber aus, wie bei Gundlach gearbeitet wird. Das Unternehmen war schon unter Seniorchef Peter Hansen immer für ungewöhnliche Bauprojekte gut, erstellte Frauenhäuser und Musikerwohnungen, Sozialcafés in Problemstadtteilen und ungewöhnliche Wohnquartiere. Sohn Lorenz Hansen und Mitgeschäftsführer Frank Eretge führen die Tradition fort. Und so gibt es bei Gundlach seit einigen Jahren eine Ökologiegruppe, in der sich acht Mitarbeiter aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen neben dem Kernjob um Fragen der Nachhaltigkeit kümmern – vom Papierverbrauch im Büro bis zur Anlage bienenfreundlicher Grünanlagen an Gundlach-Häusern. Dort entstand auch die Idee zum Recyclinghaus.

„Ich habe das Grundstück am Kronsberg vor drei Jahren in die Gruppe mitgebracht und gefragt, was wir dort Besonderes machen wollen“, sagt Gerbens. Über Lehm- und Strohhäuser wurde nachgedacht und schließlich auch über den Versuch, ein Recyclinghaus unter höchsten Energieeffizienzansprüchen zu bauen, wie sie im Expo-Stadtteil Kronsberg gelten.

Einfach war es nicht, gesteht Projektleiterin Corinna Stubendorff. „Ein gewöhnliches Haus plant man, indem man ein Grundstück findet, dafür den Entwurf plant, den Bauantrag einreicht und dann baut. Bei diesem Projekt aber war die entscheidende Frage, welches Material wir woher bekommen und wie wir es verwenden können.“ Und so änderte sich die Planung im Lauf der Jahre immer wieder, je nachdem, welche Bauteile zur Verfügung standen.

Recycling ist nicht billiger

Preiswerter, das ist ein Fazit des Planungsteams, ist Bauen mit Recyclingmaterial leider nicht. „Wegwerfen und neu kaufen ist oft billiger als wiederwendenden“, sagt Architekt Nolting: „Das ist ja in der gesamten Gesellschaft ein Problem.“ Handarbeit ist teurer. Für Innenwände etwa wurden Ziegelsteine aus einem Scheunenabbruch in Bothfeld verwendet – die Steine aber mussten einzeln von altem Mörtel befreit werden – das kostet Zeit und Geld. Für die Fassade wurden sowohl Glasfassadenteile aus einem Abbruchhaus wie auch gebrauchte Faserplatten verwendet – die aber mussten in Einzelarbeit neu zugeschnitten und lackiert werden. Oder die Fenster. Das Planungsteam hatte das Glück, dass Gundlach parallel das ehemalige evangelische Jugendzentrum in Linden zu Wohnungen komplett umbaut. Dort waren erst 2007 neue Fenster eingebaut worden, die aber viel größer waren, als für das Haus am Kronsberg eigentlich vorgesehen. Also konzipierten die Architekten neu. Dann aber mussten Dichtungen und Glasscheiben ausgetauscht werden. Unterm Strich wären neue Fenster vielleicht einfacher und billiger gewesen. „Aber es ging ja darum, Erfahrungen zu sammeln, was möglich ist“, sagt Frank Scharnowski aus der Ökologie-Gruppe. Dafür sind zwei alte Türblätter aus der Scheune und eine alte Eichenbohlenwand jetzt echte Blickfänge im Haus.

Fassadendämmung aus Kakaobohen-Jutesäcken

150 Quadratmeter Wohnfläche und eine große Dachterrasse bietet der Neubau, der wohl im Frühjahr bezugsfertig ist – ganz klar ist der Termin nicht, weil sich auch jetzt noch ständig Planungen ändern, je nach Materialreserven. „Hier könnte entweder eine Familie einziehen oder eine Wohngemeinschaft“, sagt Projektleiterin Stubendorff: Die Grundrisse sind so gehalten, dass beides möglich ist. Rund 10 Euro pro Quadratmeter soll die Kaltmiete betragen – das ist preiswert im Vergleich zu anderen Neubauten und ein Zuschussgeschäft für Gundlach. Dafür habe das Unternehmen echte Erkenntnisse gewonnen, sagt Gerbens. Zum Beispiel, dass man als Trittschalldämmung in Fußböden alte Gehwegplatten einbauen kann. Oder, besonders schön: Die Fassadendämmung besteht aus recycelten Jutesäcken, mit denen sich Schokoladenhersteller Rittersport Kakaobohnen anliefern lässt.

Hannover profitiert ganz unmittelbar von dem Experiment. Für die Fundamentplatte sollte Recyclingbeton genutzt werden. In dem wird statt Flusskieseln Abbruchmaterial als Zuschlagstoff verwendet. Recyclingbeton aber gab es nur von Baustofffirmen aus Stuttgart und Hamburg. „Wir wollten das Material nicht quer durch die Republik transportieren“, sagt Stubendorff. Und so wurde mit der Firma Papenburg verhandelt, die sich schließlich eine Generalzulassung für Recyclingbeton organisierte –und jetzt im Raum Hannover das Material anbieten darf.

An diesem Sonntag, 21. Oktober, ist das erste Recyclinghaus von 14 bis 16 Uhr zu besichtigen: Kronsberg, Ecke Treppenkamp/Funkenkamp.

Gebrauchtes Baumaterial gibt es in der Bauteilbörse Hannover

Wer selbst gebrauchtes Baumaterial sucht, wird in der Bauteilbörse Hannover fündig. Historische Türen und fenster, Dachsteine und allerlei anderes Baumaterial sammelt ein kleines Team in einer großen Halle im Jugendzentrum Glocksee. Geöffnet ist die Bauteilbörse jeden Dienstag 15 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung, Ansprechpartner ist Gert Schmidt unter Telefon (0151) 15780266. Die Bauteilbörse bietet auch Gruppenbesuche etwa für Schulklassen und Workshops an.

Von Conrad von Meding

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