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Aus der Stadt Was passiert mit den Briten in Hannover?
Hannover Aus der Stadt Was passiert mit den Briten in Hannover?
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00:16 15.03.2019
„Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen“: Dean Yon in der Markthalle. Quelle: Michael Thomas
Hannover

Eigentlich ist er ein gestandener Geschäftsmann, den nichts so leicht aus der Bahn wirft. „Aber dieser Brief war für mich ein echter Schock“, sagt Dean Yon. In den Händen hält der bodenständige Brite jenes Schreiben der Region Hannover, das ihm „den Boden unter den Füßen weggezogen hat“, wie er selbst sagt.

Kurz und knapp klärt der Brief den Briten darüber auf, dass das Vereinigte Königreich voraussichtlich am 29. März um Mitternacht die Europäische Union verlassen wird – und dass er selbst daher künftig einen „Aufenthaltstitel“ braucht, um weiter in Deutschland leben zu können. Er möge sich bitte rechtzeitig bei der Regionsverwaltung melden, um einen entsprechenden Antrag zu stellen.

„Ich hatte hier doch längst meinen Platz gefunden“, sagt Yon. Seit fast 20 Jahren lebt der 48-Jährige in Deutschland, seine Frau und seine Kinder sind Deutsche, er selbst vertreibt in seiner Bushbar in der Markthalle Wein und Kunst aus Südafrika und beschäftigt ein halbes Dutzend Mitarbeiter. Er hatte immer geglaubt, sich über eine Aufenthaltsgenehmigung nie wieder Gedanken machen zu müssen. „Und jetzt soll ich plötzlich zu Behörden gehen, um zu klären, wie ich in Deutschland bleiben kann“, sagt er kopfschüttelnd.

Zahl der Einbürgerungen steigt

„Noch ist ja völlig unklar, ob es einen geregelten oder ungeregelten Brexit geben wird“, sagt Carmen Pförtner von der Regionsverwaltung. Davon werde es aber abhängen, welchen aufenthaltsrechtlichen Status Briten künftig haben. „Für jene, die schon lange in Deutschland leben, wird es natürlich irgendeine Art von dauerhaftem Aufenthaltsrecht geben“, versichert sie – doch viele Details seien eben noch offen. Im Umland haben daher 692 Briten einen Brief wie Dean Yon bekommen. Weitere 830 mit Wohnsitz in der Landeshauptstadt sollen ein ähnliches Schreiben erhalten, wenn sich die politische Lage geklärt hat. Für viele Betroffene könnte damit eine Lebensentscheidung anstehen – der Wechsel der eigenen Nationalität.

In der Landeshauptstadt steigt die Zahl der Einbürgerungsanträge von Briten explosionsartig. Im Jahr 2015 wurden nur fünf Briten eingebürgert, in diesem Jahr haben bis Ende Februar bereits 56 einen Antrag gestellt. „Bei unseren Einbürgerungsfeiern ist derzeit rund die Hälfte der Menschen britischer Abstammung“, sagt Regionssprecherin Pförtner. Der Ansturm ist auch deshalb so groß, weil Engländer ihren britischen Pass voraussichtlich behalten können, wenn sie ihre Einbürgerung vor dem 30. März beantragen.

Ein Funke Hoffnung

„Es kann doch aber nicht die Lösung sein, dass alle Briten in Deutschland jetzt ihre Nationalität aufgeben“, sagt Dean Yon. Auch er selbst ist nicht begeistert von dieser Idee: „Ich würde auf viele Rechte in Großbritannien verzichten, womöglich bräuchte ich dann irgendwann ein Visum, um dorthin zu reisen“, sagt er . „Zwingt mich der Brexit jetzt, meine Identität aufzugeben?“

Hat noch Yon einen Funken Hoffnung. Am heutigen Dienstag beginnt mit einer Abstimmung über das Austrittsabkommen im Londoner Unterhaus eine „Schicksalswoche“, an deren Ende ein EU-Austritt ohne Deal ebenso stehen könnte wie eine Verschiebung des Brexit. „Vielleicht gibt es ja doch noch ein zweites Referendum“, sagt er, „und vielleicht sehen die Briten ja ein, dass es nur ein Europa gibt – und dann sieht alles anders aus.“

Termine für Einbürgerungstests ausgebucht

Um Deutsche zu werden, müssen Antragsteller in 60 Minuten 33 Fragen beantworten – und mindestens 17 Antworten müssen richtig sein. Bei Einbürgerungstests geht es um die Rechts- und Gesellschaftsordnung Deutschlands ebenso wie um politische Fragen und Weihnachtsbräuche. Bei den Volkshochschulen, die für Einbürgerungstests zuständig sind, sind die Termine infolge des drohenden Brexits derzeit auf Monate im Voraus ausgebucht. Rund 70 Prozent der am Test interessierten sind Briten. An der Volkshochschule Hannover wurden für sie eigens Zusatztermine eingerichtet. „Doch auch diese sind momentan restlos vergeben“, sagt Stadtsprecher Udo Möller.

Von Simon Benne

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