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Aus der Stadt Erinnerung an den Bombenkrieg
Hannover Aus der Stadt Erinnerung an den Bombenkrieg
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00:16 30.09.2018
Nach dem Inferno: Hildegard Ottmers (l.) als Kind mit einer Freundin inmitten der Trümmer des zerstörten Hannover. Quelle: privat
Hannover

Sie ist diesen Weg seit 75 Jahren nicht mehr gegangen. Als sie die Unterführung südlich des Hauptbahnhofes zum bisher letzten Mal durchquerte, war Hildegard Ottmers gerade acht Jahre alt. „Damals hatten wir uns nasse Handtücher um den Kopf gebunden, damit die Haare nicht verbrennen“, sagt die 83-Jährige, als sie in den Tunnel tritt. Zuletzt war sie hier in der Nacht zum 9. Oktober 1943, und um sie herum tobte ein Inferno. „In der verräucherten Unterführung drängten sich Menschen, die aus der brennenden Oststadt zum Ernst-August-Platz flüchten wollten“, sagt sie.

Hannovers verlorene Orte: Viele Bauwerke in Hannover haben die Zeit nicht überdauert. Einige wurden während des Krieges zerstört, andere existieren aus anderen Gründen nicht mehr – und sind für immer verloren.

Diese Nacht ging als das Datum in die Geschichte ein, an dem das alte Hannover unterging. Während des ganzen Bombenkrieges starben hier 6782 Menschen; allein in dieser Nacht waren es beim verheerendsten aller Angriffe 1245. Die Innenstadt wurde praktisch ausradiert. Der Historiker Jörg Friedrich urteilte, keiner vergleichbaren Stadt habe der Bombenkrieg derart „das Gesicht weggeschnitten“ wie Hannover.

Hildegard Ottmers wohnte damals im Postscheckamt unweit des Raschplatzes, wo ihr Vater arbeitete. Beim 429. Alarm seit Kriegsbeginn ging sie mit ihrer Familie zunächst in den Keller. „Das war schon Gewohnheit geworden“, sagt sie. „Wenn die Bomben fielen, zitterten die Wände – doch als Kind konnte ich die Gewahr Gott sei Dank noch nicht ermessen.“

„Alles war voller Rauch“

In dieser Nacht war es noch schlimmer als sonst. „Irgendwann war alles voller Rauch – wir mussten raus“, sagt sie. Zunächst suchten sie im Keller des Amtsgerichts Zuflucht, doch auch dort wurde die Luft knapp. Also versuchten sie, auf die andere Seite der Bahngleise zu fliehen.

Mehr als 400 britische Flugzeuge waren am 8. Oktober von Feldflugplätzen an der englischen Ostküste aufgestiegen. Sie täuschten zunächst an, Kurs auf Berlin zu halten. Doch dann entluden sie ihre tödliche Fracht über Hannover. Die Feuerpolizei zählte etwa 3000 Spreng- und Zehntausende von Phosphor- und Stabbrandbomben, die über der Stadt niedergingen und diese in ein Flammenmeer verwandelten. Die Wetterstation in der Kröpcke-Uhr verzeichnete in der Nacht einen Temperaturanstieg von zehn auf fast 35 Grad.

An der Hand ihrer Mutter versuchte Hildegard Ottmers, durch die Unterführung zum Ernst-August-Platz zu gelangen. „Wir dachten, dort wären wir in Sicherheit.“ Tausende stolperten durch die brennende Stadt und kämpften ums Überleben. Augenzeugen berichteten, dass Menschen im geschmolzenen Asphalt stecken blieben und wie lebendige Fackeln verbrannten. Andere wurden von herabstürzenden Trümmern erschlagen, verschmorten in heruntergerissenen Oberleitungen der Straßenbahn oder erstickten in Kellern.

Spielzeug war verkohlt

Schon 1940 war die britische Royal Air Force in dem von Deutschland entfesselten Krieg zu Flächenbombardements auf Städte übergegangen. Dabei ging es nicht nur um die Zerstörung von Industrieanlagen kriegswichtiger Betriebe wie Hanomag oder Continental, sondern auch darum, die Zivilbevölkerung mittels „Moral Bombing“ zu demoralisieren. In Hannover flogen die Amerkaner tagsüber Angriffe auf Industrieanlagen, die Briten bombardierten die Stadt großflächig nachts.

„Als wir die Unterführung durchquert hatten, rief jemand, dass wir zurück müssten“, sagt Hildegard Ottmers. Sie weiß noch, dass ein Baum am Ernst-August-Platz lichterloh brannte. „Auch die Gebäude vorm Bahnhof standen in hellen Flammen.“ Dann sind da Lücken in ihrer Erinnerung. Wie sie die Nacht überstand, weiß sie nicht mehr genau.

In den Morgenstunden des 9. Oktober hatten sich Tausende in den Maschpark gerettet, wo sie apathisch und mit rußgeschwärzten Gesichtern auf Hilfe warteten. Hildegard Ottmers kehrte nach der Schreckensnacht noch einmal in ihre ausgebrannte Wohnung zurück. Ihr Wellensittich war in seinem Käfig verbrannt, Bücher und Spielzeug waren verkohlt. „Ich fand noch meinen kleinen Silberlöffel, doch er zerfiel, als ich ihn berührte“, sagt sie. Das, was einst ihr Hab und Gut gewesen war, mussten ihre Eltern mit der Schaufel entsorgen. „Wir besaßen fast nur noch, was wir am Leibe trugen.“

Hildegard Ottmers hat bei alledem noch viel mehr Glück gehabt als andere; ihre Seele wurde nicht traumatisiert. Sie spielte später in Trümmern, ging Kohlen klauen und Steine abklopfen. „Ich hatte eine schöne Kindheit“, sagt sie, als sie die Unterführung hinter sich gelassen hat und auf dem Ernst-August-Platz steht. „Doch was hier in dieser Nacht geschah, darf niemals in Vergessenheit geraten.“

HAZ-Forum im Historischen Museum

Mit der Zerstörung Hannovers im Luftkrieg beschäftigt sich ein HAZ-Forum im Historischen Museum. Anlässlich des 75. Jahrestages der Bombardierungen kommen dabei Zeitzeugen zu Wort, die von den Ereignissen in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943 aus eigener Anschauung berichten. Der Historiker Andreas Fahl wird die Ereignisse in den geschichtlichen Zusammenhang einordnen und Filmaufnahmen präsentieren, die erst vor kurzem aufgetaucht sind und Hannover nach den Bombenangriffen vom Sommer 1943 zeigen.

„Es gibt nur wenige Filmdokumente von Zerstörungen“, sagt Dr. Peter Stettner, der Leiter des Filminstituts Hannover: „Solche Bilder waren von der NS-Führung nicht gewünscht, sie wurden eher geheim aufgenommen.“ Stettner stellt bei dem HAZ-Forum Filmdokumente vor, die von den Alliierten produziert wurden. Die bislang teils kaum bekannten Aufnahmen zeigen unter anderem Flugzeuge, die in England mit dem Ziel Hannover starten, sowie Luftaufnahmen der zerstörten Stadt, die nur wenige Stunden nach der Einnahme Hannovers durch die Amerikaner 1945 entstanden.

Das HAZ-Forum zu Hannover im Bombenkrieg beginnt im Historischen Museum am Hohen Ufer am 8. Oktober um 18 Uhr. Es moderiert HAZ-Redakteur Simon Benne. Der Eintritt ist frei, um eine Spende für die HAZ-Weihnachtshilfe wird gebeten.

Von Simon Benne

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