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Aus der Stadt Expertengespräch: Wie werden wir in Zukunft lernen?
Hannover Aus der Stadt Expertengespräch: Wie werden wir in Zukunft lernen?
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15:15 27.08.2018
Auf dem Podium diskutieren Moderator Mirko Drotschmann (v.li.), Tanja Böhm von Microsoft Deutschland, Buchautor Gunter Dueck, Roberta-Leiterin Ina May und Start-up-Gründer Ali Mahlodji. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Wer über künftige Bildung sprechen will, denkt an Laptopklassen, Lernsoftware und digitale Tafeln – aber nicht an Hühner. In der Veranstaltungsreihe „ÜberMorgen“, immer gut für ungewöhnliche Ideen, bekommt das Federvieh am Donnerstagabend beim Expertengespräch zum Thema Bildung sogar einen kurzen Auftritt, im Arm von HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt. Das Publikum in der Aula der Internationalen Schule ist amüsiert, das Huhn bleibt unaufgeregt. Sparkassenvorstandschef Heinrich Jagau, ebenso wie Brandt Gastgeber des Abends, erklärt, was es damit auf sich hat: Das Tier gehört zum Hühnermobil, einem Lernangebot für Schul- und Kitakinder. „Die Schüler erfahren, dass Eier nicht im Karton im Supermarkt wachsen, und dass der Umgang mit Tieren auch ein Thema von Verantwortung und Fürsorge ist“, sagt Jagau.

Das sagen die Gäste der Veranstaltungsreihe „Übermorgen“:

Das Huhn ist nicht der einzige Gast. Eine illustre Expertenrunde gibt an diesem Abend Antworten auf brennende Bildungsfragen. Ist es sinnvoll, Schülern möglichst früh das Programmieren beizubringen? Wie weckt man Begeisterung für Technik? Wie sollen Unternehmen ihre Mitarbeiter fit für den digitalen Wandel machen? „Wir wollen den Dingen auf den Grund gehen“, sagt HAZ-Chefredakteur Brandt. Moderiert wird die Diskussion von TV-Journalist Mirko Drotschmann. Rund 300 geladene Gäste haben sich in der Aula der Schule versammelt.

Zunächst geht es um schulisches Lernen. Poetry Slammer Nicolas Schmidt gibt einen amüsanten Einblick in den Schulalltag. Schmidt weiß, wovon er spricht, schließlich unterrichtet er in Bayern und hat jüngst den Deutschen Lehrerpreis bekommen.

Wer sich für Technik interessiert, hat es in der Schule nicht leicht. Insbesondere technikbegeisterte Mädchen gelten schnell als uncoole Außenseiter. Gegen dieses Vorurteil kämpft Ina May, Leiterin der Roboter-Lernwerkstatt Roberta. May und ihr Team zeigen Schülern, wie Lego-Roboter programmiert werden, spielerisch und ohne eine Programmiersprache zu lernen. „Inzwischen haben wir mehr Zulauf von Mädchen“, sagt May. Robotik-Schülerin Johanna jedenfalls ist begeistert. „Programmieren macht unglaublich Spaß“, sagt sie.

Für Tanja Böhm, Leiterin des Teams Corporate Affairs bei Microsoft Deutschland, hat Technik auch einen spielerischen Aspekt. „Mit 10 Jahren habe ich mir einen Commodore gewünscht. Ich fand das toll“, sagt Böhm. Auf dem Rechner habe sie aber nicht nur herumgedaddelt, sondern auch programmiert. „Leider fehlen in der Computerbranche noch immer Vorbilder für Mädchen“, sagt Böhm. Dennoch glaubt sie nicht, dass jeder in der Schule Programmieren lernen müsse. „Wir sollten den Kindern die Möglichkeit geben, Technik zu verstehen und zu erleben“, sagt sie.

Wissbegierige Kinder für Technik zu begeistern, ist einfach. Schwieriger wird es bei Schülern, die aus bildungsfernen Schichten stammen. Ali Mahlodji, EU-Jugendbotschafter und Start-up-Gründer, spricht häufig mit Jugendlichen in Brennpunktschulen. „Das wichtigste ist, den Kindern ein Selbstwertgefühl zu geben“, sagt Mahlodji. Die Jugendlichen sollten sich keinesfalls als „Fehler im System“ begreifen. Zudem komme es darauf an, dass Schulen technisch gut ausgestattet sind. Der gebürtige Iraner weiß, wovon er redet. Er ist als Flüchtling nach Europa gekommen und hat die Schule abgebrochen. Später hat er „Whatchado“, eine Internetplatform zur beruflichen Orientierung gegründet.

Noch steiniger wird der Weg für Kinder, die sich der Schule komplett verweigern und nicht mehr zum Unterricht erscheinen. In Hannover ist die Zahl der Schulschwänzer in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Die Gründe seien vielfältig, sagt Michael Kunze vom Fachbereich Jugend und Familie der Stadt Hannover. Trennung der Eltern, Gewalt durch Eltern und Sprachprobleme können Ursachen sein. „Wir bieten an 37 Standorten Hilfe von Schulsozialarbeitern an“, sagt er.

Die Digitalisierung beeinflusst nicht nur das schulische Lernen. Etliche Berufe sind massiven Veränderungen unterworfen. Wissen, das einmal erworben wurde, kann nach wenigen Jahren schon wieder überholt sein. Das ist auch für Unternehmer eine Herausforderung. „Wir brauchen Mitarbeiter, die deutlich komplexer denken können“ , sagt Andreas Sennheiser, Geschäftsführer des gleichnamigen Elektronik-Unternehmens. Zudem sei man als Arbeitgeber gefordert, auf die Lebensmodelle der Angestellten Rücksicht zu nehmen und flexibel zu bleiben.

Der Siegeszug der digitalen Technik bleibt nicht ohne Widersprüche: Auf der einen Seite nutzt fast jeder am Arbeitsplatz und im privaten Leben Computertechnik, doch viele fürchten, dass diese Technik irgendwann den Arbeitsplatz verdrängt. „Ist das nicht schizophren?“, meint Moderator Drotschmann. „Das ist völlig normal“, sagt Gunter Dueck, Mathematiker und Buchautor. Er plädiert für einen entspannten Umgang mit der Digitalisierung. Was man wirklich können müsse in Zukunft sei: Empathisch sein, auf den anderen hören.Und Geduld haben, ergänzt Mahlodji. Das sei etwas, das Jugendliche in der Konsumgesellschaft kaum noch lernten.

Das ist ÜberMorgen

Das Projekt „ÜberMorgen“ ist eine Ideen- und Diskussionsplattform von HAZ und SparkasseHannover. In der gedruckten HAZ, auf einer Multimedia-Internetseite unter uebermorgen.haz.de und bei Veranstaltungen wie von Burgdorf bis Wennigsen werden Informationen zu den wichtigsten Zukunftsfragen gesammelt. In diesem Jahr steht das Thema Bildung im Fokus. Themenpartner ist erneut Hannoverimpuls. „Als Sparkasse sind wir seit fast 200 Jahren in der Region Hannover aktiv. Und genauso lange bewegen uns die Zukunftsfragen für das Umfeld, in dem wir arbeiten“, sagt Heinrich Jagau, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hannover. „Was kommt auf die Menschen, die Unternehmen und die Kommunen zu? Auf was müssen wir uns heute einstellen, damit wir hier auch übermorgen gut leben? Mit der Initiative ÜberMorgen wollen wir helfen, gute Antworten in einer sehr komplex gewordenen Welt zu finden. Nicht irgendwo im Silicon Valley, sondern in unserer Region“, sagt Jagau.

Mehr auf uebermorgen.haz.de

Von Andreas Schinkel

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