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Aus der Stadt Landesbischof Meister kritisiert Asyldebatte
Hannover Aus der Stadt Landesbischof Meister kritisiert Asyldebatte
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00:16 15.07.2018
„Mauern von Armut und Ungerechtigkeit müssen abgerissen werden“: Landesbischof Ralf Meister. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Eigentlich gilt er eher als Mann der leisten Töne. Im HAZ-Interview über die Flüchtlingsdebatte findet Hannovers Landesbischof Ralf Meister jedoch deutliche Worte.

Herr Landesbischof, Sie leben in Ihrer Bischofskanzlei mit acht syrischen Flüchtlingen unter einem Dach. Wie erleben Sie die jüngste Diskussion um Flüchtlinge, Transitzentren und sogenannten Asyltourismus?

Es ist ein Desaster, wie über das Thema Migration gegenwärtig geredet wird. Diese Art einer stark verkürzten Diskussion ist gefährlich für unsere politische Kultur und für unseren Umgang mit Flüchtlingen. Es ist beschämend, wie wir damit unser Humanitätsideal verraten.

Mit Verlaub, Herr Landesbischof, aber wenn Kirchenvertreter sich zum Thema Flüchtlinge äußern, weiß man immer schon, dass sie mehr Nächstenliebe fordern, und am Ende sollen alle Grenzen für jeden offen sein ...

Das vertritt so kein vernünftiger Mensch. Aber der jetzt vorgestellte Masterplan von Bundesinnenminister Horst Seehofer geht fast ausschließlich von Fragen der inneren Sicherheit und der Sicherung von Grenzen aus. Die globale Dimension des Themas greift er kaum auf. Wir müssen aber die Ursachen der Flucht differenzierter in den Blick nehmen, als es in diesem Masterplan geschieht. Wenn wir die grundlegenden humanitären Fragen nicht ins Zentrum stellen, werden wir in einer humanitären Katastrophe landen.

Ist es nicht sinnvoll, dass Länder ihre Grenzen sichern?

Migration wird das wichtigste globale Thema im 21. Jahrhundert sein. So hoch kann man Mauern und Zäune gar nicht bauen, dass wir verzweifelte Menschen in Not abhalten können, zu uns zu kommen. Solche Masterpläne suggerieren Sicherheitsideale, die sich nicht einlösen lassen. Die entscheidende Frage jedoch, welche humanitären Schritte wir ergreifen könnten, fehlt in der gegenwärtigen Debatte fast komplett. Politik und Wirtschaft können viel mehr tun als bisher. Es wird Grenzen geben. Aber: Für jede Grenze, die gezogen wird, müssen anderswo Mauern von Armut und Ungerechtigkeit abgerissen werden.

Die Probleme in den Herkunftsländern werden aber auch durch Migration nicht gelöst, und wir können nicht alle ins Land lassen, die zu uns kommen wollen.

Nein, aber gerade deshalb brauchen wir endlich ein vernünftiges Einwanderungsgesetz. Wir müssen qualifizierten Menschen einen Weg ins Land ermöglichen, der sie nicht in Schlauchbooten übers Mittelmeer zwingt.Derzeit müssen Menschen auch aus demokratischen Musterländern in Afrika einen Asylantrag stellen, wenn sie zu uns kommen wollen, weil sie gar keine andere Möglichkeit haben – das ist doch widersinnig.

Flüchtlinge kommen aus vielfältigen Gründen: Krieg, Terror, Klimawandel, wirtschaftliche Not. Wie wollen Sie denn das Leid der Welt so lindern, dass sie daheim eine Perspektive haben?

Wir dürfen vor der globalen Größe nicht erstarren. Jeder kann in seinem Umfeld tun, was in seiner Macht steht, um die Not von Menschen zu lindern. Es gibt schon konkrete Hilfen. Natürlich sind das dann kleine Schritte. Man kann immer sagen, dass das nur ein Tropfen im Ozean ist. Aber auch ein Ozean ist nach einem solchen Tropfen nicht mehr der gleiche, der er vorher war. Die Alternative wäre, fortwährende Ungerechtigkeit zu akzeptieren, und damit den massenhaften Tod von Menschen. Jeder weiß, dass das keine Option ist. Es ist dekadent, dass wir bei Kreuzfahrten über Meere schippern, die für andere zur Todesfalle werden.

Was tut denn Ihre Kirche konkret?

Wir unterstützen zum Beispiel mit mehreren Hunderttausend Euro eine Initiative in Äthiopien, wo 700 000 Flüchtlinge aus dem Südsudan leben, damit diese eine wirtschaftliche Perspektiven bekommen. Und wir fördern ein Projekt, das den Bestand von Schulen in syrischen Kriegsgebieten sichert. Im Herbst geht ein Dutzend Lehramtsstudierende von den Universitäten Hildesheim und Göttingen in Flüchtlingslager im Libanon, um dort syrische Kinder zu unterrichten. Jedes einzelne Kind, das Bildung bekommt, ist ein kleiner Lichtblick für eine bessere Welt.

Die christliche Ethik vertritt aber so hohe Ideale, dass ihr in der Praxis kaum jemand gerecht werden kann – das überfordert auch manchen Gutwilligen.

Wir leben nicht mehr im Paradies, und ich weiß, dass ich alleine die Welt nicht friedlich und gerecht machen kann. Ich kann aber als Christ entdecken, was mir, in einem der sichersten und reichsten Länder der Erde lebend, möglich ist– und darauf hoffen, dass Gott mir Kraft schenkt, Dinge zu verändern. Die christliche Hoffnung ist die Triebfeder und Motivation für mich zu helfen. Als 2015 viele Flüchtlinge kamen, hatten wir eine Willkommenskultur. Derzeit verharren alle reichen europäischen Gesellschaften in einer Ablehnungskultur. Damals halfen mehr als 50 Prozent der Deutschen in irgendeiner Weise Flüchtlingen und machten dabei mehrheitlich positive Erfahrungen. Das hat durchaus eine Menge verändert.

Warum ist die Stimmung dennoch gekippt?

Aus verschiedenen Gründen. Unter anderem, weil es furchtbare Einzelfälle von Gewalt durch Flüchtlinge gab. Bestimmte politische Akteure nutzten das zur generellen Stimmungsmache. Doch insgesamt zeigt die Kriminalitätsstatistik, dass unser Land nicht unsicherer geworden ist. Zudem ringen wir an einer entscheidenden Frage: Wieviel „Fremdheit“ wollen wir, wieviel können wir in unserer liberalen, offenen Gesellschaft akzeptieren? Welche Grenzen wollen oder müssen wir ziehen?

Vielleicht wirkten diese Einzelfälle auch deshalb so desillusionierend, weil Idealisten Flüchtlinge per se für gute Menschen hielten?

Nein. Diese Menschen wurden vor allem als Menschen in Not wahrgenommen, die akut Hilfe brauchten. Auch bei Naturkatastrophen gibt es oft Solidaritätsreflexe, die Freund und Feind zusammenstehen lassen. So eine Gemeinschaft zerbricht danach auch schnell wieder. Jetzt haben alle Anteil genommen am Schicksal der thailändischen Jungen, die in der Höhle eingeschlossen waren. Diese Mitleidsgemeinschaft war leicht, weil wir ihre Gesichter sahen und alle glaubten, ihre Geschichte zu kennen. Wenn wir mehr wüssten über die Erzählungen einzelner Menschen, die im Schlauchboot über das Mittelmeer fliehen, würden sich viele Ressentiments von selbst erledigen. Es kommt darauf an, sich von der Wahrnehmung einer Masse von Flüchtlingen zu lösen. Wir dürfen nicht taub werden für die einzelnen Geschichten der Not.

Interview: Simon Benne

Landesbischof Ralf Meister

Seit 2011 ist Ralf Meister Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, die weite Teile Niedersachsens umfasst und der rund 2,6 Millionen Protestanten angehören. Der 56-jährige Theologe beschäftigt sich immer wieder mit Fragen von Ökologie und sozialer Gerechtigkeit. Er bereiste selbst die Kriegsgebiete in Syrien. In dem Haus, in dem er mit seiner Familie wohnt, hat er vor drei Jahren eine Einliegerwohnung für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt.

Von Simon Benne

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