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Aus der Stadt Nach Untreue-Verdacht gegen Geschäftsführer: ASB plant zusätzliches Kontrollsystem
Hannover Aus der Stadt Nach Untreue-Verdacht gegen Geschäftsführer: ASB plant zusätzliches Kontrollsystem
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06:00 11.03.2019
Blicken trotz der Ermittlungen gegen den ehemaligen Geschäftsführer positiv in die Zukunft: Marc- Oliver Berndt, Julia- Marie Meisenburg und ASB-Interims-Geschäftsführer Udo Zachries. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Sie fahren Essen aus, bringen Kranke in die Klinik und helfen Menschen im Stadion – die festangestellten und ehrenamtlichen Helfer des Arbeiter Samariter Bundes (ASB) in der Stadt und dem Umland. Doch seit gut einer Woche ist bei der Hilfsorganisation nichts mehr, wie es vorher war. Am Nachmittag des 27. Februar rollten mehrere Autos auf den Hof des ASB an der Peterstraße in Hainholz. „Gut gekleidete Menschen in Zivil“ stiegen aus den Wagen und fragten nach dem 46-jährigen Geschäftsführer einer Tochtergesellschaft des ASB-Landesverbandes Niedersachsen, die für den Betrieb von Flüchtlingsunterkünften zuständig ist. „Das war tatsächlich wie im Film, die Leute haben sich erst nicht zu erkennen gegeben, keiner wusste, was los war, erst später haben sie ihre Dienstausweise gezeigt“, sagt Julia-Marie Meisenburg. Sie ist beim ASB für Fundraising zuständig.

Geschäftsführer des ASB wurde festgenommen

Die Steuerfahnder und die Ermittler des Landeskriminalamts nahmen an jenem Nachmittag nicht nur jede Menge Unterlagen, sie verhafteten auch den Geschäftsführer der ASB-Tochter. Die Strafverfolger werfen ihm vor, gemeinsam mit Komplizen 3,5 Millionen Euro veruntreut zu haben. Geld, das eigentlich für die Versorgung von Flüchtlingen bestimmt gewesen ist. Eine Strafanzeige einer Bank, in der auf einen möglichen Verdacht von Geldwäsche hingewiesen wurde, brachten die Ermittlungen gegen den 46-Jährigen, seinen Stellvertreter beim ASB und den Betreiber eines Sicherheitsunternehmens in Gang.

Anwalt des verdächtigen Geschäftsführers beantragt Haftprüfung

Rund eine Woche nach der Durchsuchung der Räume des ASB in Hainholz und der Sicherstellung zahlreicher Beweisstücke werten die Ermittler die Akten noch aus. „Es gibt derzeit keinen neuen Sachstand in der Angelegenheit“, sagt Erster Staatsanwalt Oliver Eisenhauer. Michael Bruns, der Rechtsanwalt des inhaftierten ASB-Geschäftsführers, hat unterdessen Haftprüfung für seinen Mandanten beantragt. Der Strafverteidiger will erreichen, dass der 46-Jährige, aus der Untersuchungshaft entlassen wird. „Ein Termin wird voraussichtlich für nächste Woche angesetzt“, sagt Bruns. Sein Mandant bestreitet weiterhin, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zutreffen. Eine Stellungnahme des Anwalts des Verdächtigen steht noch aus. „Ich habe erst einen Teil der Akten gesehen, weil die Ermittlungen noch laufen, deshalb ist es dafür noch zu früh“, sagt Bruns.

Die Durchsuchung der Büros und das Wissen um die schlimmen Verdächtigungen gegen den ehemaligen Geschäftsführer, versetzten viele Helfer zunächst in einen Schock. „Gerade die Ehrenamtlichen haben in der Flüchtlingskrise zum Teil gearbeitet, bis zum Umfallen und jetzt erfahren sie, dass sich möglicherweise einige Leute zeitgleich die Taschen voll gemacht haben – das ist nur schwer zu verstehen“, sagt Marc-Oliver Berndt vom ASB. Zeitgleich leiteten die Verantwortlichen alle erforderlichen Schritte ein. „Wir haben eine außerordentliche Gesellschafterversammlung einberufen und eine E-Mail an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschickt“, sagt Interims-Geschäftsführer Udo Zachries. Darin habe er auch deutlich gemacht, dass es bei den Ermittlungen gegen die Verdächtigen nicht um die Spendengelder und die Mitgliedsbeiträge gehe.

Zwei Dutzend Kündigungen wegen des Untreuefalls

In den Tagen nach der Razzia habe es viele positive Reaktionen gegeben, von Kunden und von anderen Hilfsorganisationen. „Die meisten haben schnell begriffen, dass der Fall mit unserer eigentlichen Arbeit nichts zu tun hat und dass wir weiterhin unsere Arbeit gut machen“, sagt Marc-Oliver Berndt vom ASB. Doch nicht alle waren in der Lage die Hilfsorganisation nicht in Sippenhaft zu nehmen. Zwei Dutzend Kündigungen habe es gegeben. „Die meisten von ihnen mit dem Hinweis auf die Ermittlungen gegen den Geschäftsführer“, sagt Julia-Marie Meisenburg.

Dabei habe der ASB grundsätzlich ein funktionierendes Kontrollsystem, was die Finanzflüsse angehe. Dennoch soll auch an dieser Stelle nachgebessert werden. „Wir haben ein externes Unternehmen beauftragt, dass die betroffene Tochterfirma unter die Lupe nehmen und weitere Verbesserungen ausarbeiten soll“, sagt Udo Zachries. Eines ist dem Interims-Geschäftsführer aber auch klar: „Wer es mit aller Macht darauf anlegt, Gelder beiseite zu schaffen, dem gelingt das auch, egal wie sicher ein Kontrollsystem auch ist“, sagt Zachries.

Blick in die Zukunft

Inzwischen blickt die Hilfsorganisation wieder etwas positiver in die Zukunft. Der Neubau auf dem Gelände an der Peterstraße wächst. Er soll am 21. September eröffnet werden. Das Team vom Wünschewagen, das schwer kranken Menschen einen letzten Herzenswunsch erfüllt, bereitet sich auf die 100. Fahrt vor. „Wir werden als Partner von Hannover 96 und Hannover Concerts in diesem Sommer 14 Großkonzerte betreuen, was eine besonders schöne Herausforderung für uns darstellt“, sagt Marc-Oliver Berndt. Angelaufen sind auch die Planungen für die Teilnahme des ASB an der Interschutz im Jahr 2020, der wichtigsten Messe für Feuerwehr, Rettungswesen, Sicherheit und Bevölkerungsschutz, die wieder in Hannover stattfinden wird. „Wir wissen, dass wir gute Arbeit leisten, also bleibt uns nichts anders übrig, als uns einmal zu schütteln und dann weiter zu machen“, sagt Udo Zachries. Der Interims-Geschäftsführer weiß aber auch, dass es beim ASB mindestens noch ein Mal unruhig werden wird, nämlich dann, wenn es tatsächlich zum Verfahren gegen den 46-Jährigen und dessen Komplizen kommen sollte. „Dann ist das wieder auch in den Medien präsent, einige Mitarbeiter müssen möglicherweise als zeige aussagen“, sagt Zachries. Sollte der ehemalige ASB-Geschäftsführer verurteilt werden, schließt der Landesverband bereits jetzt nicht aus, auch zivilrechtlich gegen den Mann vorzugehen, also Schadensersatzansprüchen geltend zu machen.

Von Tobias Morchner

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