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Aus der Stadt Wer war der erfrorene Obdachlose?
Hannover Aus der Stadt Wer war der erfrorene Obdachlose?
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06:00 01.02.2019
„Hier hat er gelegen": Der Obdachlose Torsten zeigt, wo er Tommi gefunden habe, der infolge von Unterkühlung starb. Quelle: Benne
Hannover

Es ist nicht viel, was sie auf der Straße über Tommi wissen. Obwohl er hier gelebt hat. Es ist fast so, als hätte er sein altes Leben in einer anderen Welt zurückgelassen. „Woher er kam, weiß ich nicht, darüber hat er nicht gesprochen“, sagt Torsten. Torsten, bullige Statur, Fellmütze, Lederjacke, wird auch „Papa der Straße“ genannt. Seit fast acht Jahren lebt er „auf Platte“, wie er sagt. Er hat Tommi gekannt, und er hat Tommi gefunden. „Er lag auf der dritten Stufe von unten“, sagt Torsten, „ich hab‘ den Rettungswagen gerufen und ihm noch auf die Klappe gehauen, dass er aufwacht.“

Tommi ist nicht wieder aufgewacht. Der Obdachlose Thomas Heck (Name geändert) starb in der vergangenen Woche mit nur 54 Jahren an den Folgen von Unterkühlung in einem Krankenhaus. Das erste Kälteopfer des Winters, erfroren nicht in einem entlegenen Winkel, sondern im Herzen der Stadt, am Kröpcke, dort, wo die Rolltreppe zur Schlemmer-Kate hinabführt.

Thomas Heck hatte einmal ein geordnetes Leben. Nach Recherchen der HAZ arbeitete er Jahrzehnte lang in einem Reisebüro, er hatte eine aufgeräumte Wohnung in der Innenstadt, war verheiratet. „Der Abstieg kam schleichend“, sagt eine Frau, die Tommi schon kannte, als er noch nicht auf der Straße lebte. Sie erzählt, dass er sehr unter dem Tod seiner Frau gelitten habe. Der Kontakt zu anderen Familienmitgliedern brach ab. „Das größte Problem war der Alkohol“, sagt sie.

Schleichender Abstieg

Bei der Arbeit bekam Tommi Probleme, weil er eine Fahne hatte oder gar nicht mehr kam. Sein Arbeitgeber versuchte lange, ihn zu halten, sagt seine Bekannte. Tommi habe einen Entzug gemacht – und sei sofort wieder rückfällig geworden. Irgendwann muss er dann aufgehört haben, seine Post zu öffnen und Rechnungen zu bezahlen. Als er die Wohnung verlor, kam er zunächst noch bei Freunden unter, teils schlief er in einer Gartenlaube – und zum Schluss saß er am Kröpcke.

„Ich habe ihn liebevoll ,Tüten-Paul‘ genannt“, sagt Torsten, der ihn dort kennenlernte. Das ist das erste, was ihm zu Tommi einfällt. Das zweite ist, dass Tommi immer zu viel getrunken hat. „Er hatte ein Alkoholproblem, das ist normal auf der Straße“, sagt der 50-Jährige. Zig mal sei Tommi ausgeraubt worden, wie viele Obdachlose. Und wenn Tommi Geld hatte, sei er ziellos mit der Bahn herumgefahren, weil es da wenigstens warm war. Zwei Tage vor seinem Kältetod habe er ihn noch getroffen, sagt Torsten, seine letzten Worte habe er noch im Ohr: „Bringst du mir einen Kurzen mit?“

Die Obdachlosen, die in der U-Bahn-Station am Kröpcke Schutz vor dem Wetter suchen, können nicht viel über Tommi berichten. Von „Billigfraß“ habe er sich ernährt, heißt es. Manche wissen, das er mal einen guten Job hatte. „Aber das ist lange her, und dann ist er abgestürzt“, sagt ein Mann. Viel erzählt habe Tommi nicht: „Er war ein Alleinmensch.“

Einsames Leben

Frank, der seit vier Jahren auf der Straße lebt, sagt, dass Tommi irgendwann Miete und Strom nicht mehr bezahlen konnte. Dass er mit einem Schufa-Eintrag keine Wohnung bekam und ohne Wohnung den Schufa-Eintrag nicht los wurde. „So einfach ist das“, sagt er. Es klingt, als wollte er sagen: So schnell geht das. „Wenn er was erzählt hat, wusste man aber nie, ob das auch stimmt“, sagt Frank. Es ist ja nicht so, dass viele Obdachlosen mit Erfolgsgeschichten prahlen könnten oder viel von sich preisgeben möchten. „Man kennt sich hier meist nicht so richtig“, sagt Frank, „und wenn man wen kennenlernt, gibt‘s doch bald Streit um eine Pulle Schnaps oder so. Irgendwas ist immer.“

Es ist fast paradox: Zum Leben auf offener Straße gehört die Anonymität; man weiß teils wenig voneinander. Sozialarbeiter arbeiten in Treffpunkten wie dem Kontaktladen Mecki oder dem Kompass auch daran, die Vereinsamung aufzubrechen. Doch dort war Tommi eher ein flüchtiger Bekannter.

Beziehungslosigkeit und Einsamkeit kennzeichnen das Leben vieler Obdachloser. „So etwas kann Teil des Überlebenskampfes sein“, sagt Norbert Herschel, Leiter der Wohnungslosenhilfe der Diakonie. Wenn das Denken darum kreist, wo man die nächste Nacht verbringt, bleibt manchmal wenig Raum für die Pflege von Freundschaften oder für die Reflexion der eigenen Biografie. „Das Heute ist oft wichtiger als die Vergangenheit“, sagt Herschel. Dann bleibt jeder mit seiner Geschichte allein. Im Fall von Tommi bis in den Tod.

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Von Simon Benne

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