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Aus der Stadt So gauditauglich ist die Wiesn in Hannover
Hannover Aus der Stadt So gauditauglich ist die Wiesn in Hannover
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00:15 14.10.2018
In München ist Schluss, in Hannover geht’s erst richtig los: Die Wiesn in München beim diesjährigen Kehraus. Quelle: Christian Behrens (Archiv)
Hannover

Oktoberfest gehört längst nicht mehr nur den Bayern – auch in Norddeutschland hat jeder Ort, der was auf sich hält, mittlerweile eine Wiesn mit Brezn und Maßkrügen. Doch woher kommt die Faszination für Dirndl, Krachlederne und Blasmusik?

Frau Veiz, Sie haben eine sozialpsychologische Abhandlung über das Oktoberfest geschrieben, Untertitel: „Masse,. Rausch und Ritual.“ Warum?

Ich hab als Kind schon Kirchweih geliebt. Als ich dann nach München gezogen bin, gab es kein Halten mehr. Ich wusste auch sehr bald, dass ich ein Buch über die Wiesn schreiben wollte. Mich als Theaterwissenschaftlerin hat das Dramatische von Beginn an begeistert, das Oktoberfest ist ja selbst wie ein großes Theaterstück. Großes Drama auf kleinem Raum. Junge, Alte, alle Schichten, man streitet sich, man verliebt sich. Da ich ein Psychologiestudium drangehängt hatte, bot sich das Thema als Diplomarbeit geradezu an.

Haben Sie speziell recherchiert?

Ja. Auf zwei Oktoberfesten habe ich Interviews geführt. Mindestens zwölf Stunden war ich jeden Tag da. Mit Apfelschorle und Wasser. War gar nicht so einfach.

Seit Freitag hat Hannover ein Oktoberfest auf der Gilde-Parkbühne, zwei Wochenenden lang wird dort gefeiert.

Warum?

Ich habe halbstündige Interviews geführt. Bei der Lautstärke war das sehr anstrengend, und die Leute durften auch nicht zu betrunken sein. Aber es sind sehr gute Sachen dabei heruasgekommen.

Sie sind in ihrer Analyse bis zu Platon zurückgegangen. Was hat Platon mit dem Oktoberfest zu tun?

Platon hat über die leeren Krüge und die Bodenlosigkeit des Rausches und der Sucht geschrieben. Das beschreibt er so toll, als ob er auf der Wies‘n gewesen wäre. Das Oktoberfest ist ein Suchtzustand. Die Leute wollen etwas befriedigen, sie wollen offen und bunt sein, sie verkleiden sich, sie wollen bayerisch sein, aus dem Alltag raus. So wie Platon das beschreibt, hat er es voll getroffen. Auch Nietzsche und sein dionysischer Rausch passen. „Alle Lust will Ewigkeit“, das gehört zur Wies‘n, und Dionysos ist ja der alte Rauschgott der Griechen.

Ist das Oktoberfest mittlerweile eine reine Touristenveranstaltung?

Das Bayerische findet sich immer noch klar wieder. Die Stadt München will es nicht zu einer Art Ballermann verkommen lassen. Es gab Jahre, da kamen viele Junge und haben sich einfach nur besoffen. Daraufhin wurde die Lautstärke in den Zelten runtergefahren, damit die Stimmung nicht mehr so hochfährt. Und nachmittags wurden Landler statt Pophits gespielt, Da sprang dann keiner auf den Tisch und tanzte. Das hat sich aber schon wieder gebessert. Im Augustinerzelt beispielsweise sitzen die bayerischen Männer. Und die „Oide Wies‘n“ zeigt, wie es vor 200 Jahren zuging. Das war eigentlich nur für das Jubiläumsjahr 2010 gedacht, aber die Leute wollten es weiterhin haben.

Geprügelt wurde aber immer schon, oder?

Früher wurde mehr gerauft. Es gab den berüchtigten Maurer-Montag, da hatten die Handwerker ihr Geld bekommen, gingen auf die Wies‘n und haben gescheit geprügelt. In den Zwanzigerjahren gab es mal eine Rauferei, die ging vom Oktoberfest bis zum Hauptbahnhof. Keiner wusste am Ende mehr, warum er den anderen haut. So was gibt es nicht mehr. Es gibt jetzt Taschenkontrollen und eine strenge Security.

Kommt man als Nichtbiertrinker eigentlich klar auf dem Oktoberfest?

Es gibt auch Alkoholfreies dort. Aber der Maßkrug ist das Ritualgefäß, mit dem man am Tisch anstößt und sich verbrüdert. Wenn man das nicht in der Hand hat, ist man aus dem Ritual raus. Außerdem dämpft der Alkohol die Lautstärke ein wenig ab. Muss ja kein Vollrausch sein, aber ein bisschen angedudelt ist es erträglicher.

Viele versuchen das Oktoberfest zu kopieren, zu imitieren, zu importieren. Funktioniert das? Oder geht das nur in München?

Man kann es nicht kopieren. Und zwar aufgrund der schieren Größe. Ein Bierzelt kann jeder hinstellen oder bayerische Musik spielen oder sich so anziehen. Aber auf dem Oktoberfest gibt es zwölf Zelte mit je 10000 Menschen – diese Dimension kann man nicht kopieren.

Wie ist der Norddeutsche im Vergleich zu den feiernden Bayern?

Ich glaube, dass die Hannoveraner zum Beispiel nicht so gaudiaffin sind. Die, die ich kennengelernt habe, gehen nicht so aus sich heraus. Sie tanzen, feiern und trinken auch. Die Gaudiburschen würde ich erstmal trotzdem nicht in Hannover vermuten. Aber ich habe da mal etwas Besonderes erlebt.

Was denn? 

Es gab mal eine Ekstasekonferenz an der Uni. Hat ein Psychologe aufgezogen. Superspannende Themen, aber alle haben sich gefragt, warum eine Ekstasekonferenz gerade in Hannover ist. Ich besuche am Wochenende die Hannover-Wies‘n, da bin ich gespannt auf ekstatische Zustände.

Am Sonntag um 11 Uhr ist Brigitte Veiz zu Gast bei einer Diskussion zum „Mythos Oktoberfest“ und der Gaudi-Affinität der Hannoveraner im Regionshaus Hannover.

Von Uwe Janssen

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