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Aus der Stadt So erleben Wachkoma-Patienten Public Viewing zur WM
Hannover Aus der Stadt So erleben Wachkoma-Patienten Public Viewing zur WM
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00:19 30.06.2018
Gemeinschaftliches Erlebnis: Bewohner, Patienten und Angehörige beim Public Viewing in der Pflegeeinrichtung Noi Vita. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Der Raum ist mit Flaggen geschmückt. Draußen auf der Terrasse werden Würstchen gegrillt, drinnen hängen Girlanden und Wimpel neben der großen Leinwand. Eine schwarz-rot-goldene Kulisse. Deutschland an einem WM-Tag im Juni, alles ganz normal. Nur dass die Normalität hier außergewöhnlich ist, weil die Menschen, die hier sind, in einer eigenen Welt leben und niemand hundertprozentig sicher sein kann, was so ein Fußballnachmittag für sie eigentlich ist.

„Wir sind immer fußballbegeistert gewesen“, sagt Michael Schmitz. Der 57-Jährige ist zu Besuch, seine Frau lebt seit einigen Monaten hier. Ihr Rollstuhl steht zwischen einem guten Dutzend anderer Rollstühle in der Noi-Vita-Pflegeeinrichtung. Nach einem Herzstillstand mit Sauerstoffunterversorgung vor drei Jahren ist Eun-Young Lee-Schmitz im Wachkoma. Die 56-Jährige stammt aus Südkorea, ihr Mann hat zwei südkoreanische Flaggen an ihren Rollstuhl gesteckt. „Ich halte zu meiner Frau“, sagt er.

Als die Spieler einlaufen, drückt er ihre Hand. „Sie erkennt die Fangesänge, die Hymnen wecken in ihr Erinnerungen – sie bekommt so etwas mit“, sagt der Maschinenbau-Ingenieur. In solchen Momenten erkennt er ein Lächeln auf ihrem Gesicht und bemerkt, wie sie versucht, sich zu artikulieren. „Oft heißt es, dass Wachkoma-Patienten nichts mitbekommen, aber das stimmt nicht“, sagt er.

Grillgeruch und Schwarz-Rot-Gold

Insgesamt 36 Menschen leben in der Pflegeeinrichtung in Bothfeld, die auf Schwerstpflege spezialisiert ist, gut die Hälfte davon sind Wachkoma-Patienten. Viele von ihnen haben die Pflegekräfte zum Public Viewing in den Saal geschoben. „Wir möchten unsere Bewohner am aktuellen Geschehen teilhaben lassen“, sagt Heimleiter Thorsten Marquardt. Auf der Internetseite der Einrichtung ist von „erlebnisorientierter Bezugspflege“ die Rede – was neben Gedächtnistraining oder Kreativgruppenarbeit eben auch Public Viewing und Grillgeruch und Schwarz-Rot-Gold meinen kann.

Blumenkränze und Luftschlangen in den Nationalfarben prägen das Bild im Saal. Daneben brummt ein Sauerstoffkonzentrator. Ob Özil flankt, ob Gomez köpft – die Ernährungspumpen und Beatmungsgeräte tun verlässlich ihren Dienst. Pflegerinnen tupfen Patientenlippen, während Angehörige sich zur Halbzeitpause ein Bier aufmachen.

Public Viewing gilt gemeinhin als ultimative Form der Gemeinschaftsbildung; der einzelne Fan geht dabei in der Masse auf. Das ist hier nicht so. Bei einem Foul gibt es keine Empörung, bei einer Balleroberung keinen Jubel der Bewohner. Aktion ohne Reaktion – das gehört für Angehörige und Pfleger zum Leben mit Wachkoma-Patienten dazu. Auf Außenstehende wirkt die Mischung aus stummen Patienten und fröhlicher Kulisse vielleicht beklemmend. Doch dass ist eine Frage der Perspektive. Für Betroffene ist es ein Stück geteilter Alltag, ein gemeinsames Erlebnis mit ihren Angehörigen, zu denen sie sonst oft nur schwer durchdringen können – und es ist auch ein Stück Stimulation für die Patienten.

Emotionen im Wachkoma dank Fußball

Heimleiter Marquardt kann von Bewohnern berichten, die beim Besuch von Tieren oder Kindern plötzlich Reaktionen zeigten, im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Davon, dass sonst scheinbar teilnahmslose Patienten plötzlich die Lippen bewegen, wenn bei der Weihnachtsfeier ein Akkordeon spielt. Oder dass ihnen in solchen Situationen die Tränen kommen. Und was weckt schon so viele Emotionen wie Fußball?

„Mein Mann hat sich immer für Sport interessiert“, sagt eine ältere Dame. Vor einem Jahr erlitt ihr Mann einen Schlaganfall, jetzt sitzt er im Rollstuhl neben ihr. Über dem Beatmungsgerät vor seiner Brust hängen Luftschlangen in den Farben Deutschlands. „Dass wir dieses Spiel hier erfolgen, ist ein Stück Gemeinsamkeit – das ist schon ein Highlight“, sagt die 75-Jährige.

Das Public Viewing gehört auch zu dem, was Heimleiter Marquardt „Biografiearbeit“ nennt. Welche Musik hat ein Patient vor seinem Unfall gehört? War er ein Langschläfer? Ein Fußballfan? „So etwas fließt in unsere tägliche Arbeit ein“, sagt er.

Eine Frau in seiner Einrichtung sei nach drei Jahren im Wachkoma wieder aufgewacht. „Sie hat wieder Essen und Trinken, Laufen und Sprechen gelernt“, sagt Marquardt. „Wunder gibt es immer wieder – und wir geben die Hoffnung nie auf.“ Das gilt auch für die Besucher, die mit der Deutschen Mannschaft mitfiebern. Nicht alle Patienten halten die anstrengende Partie bis zum Schlusspfiff durch; einige werden vorzeitig von den Pflegern zurück in ihre Zimmer geschoben. Am Ende hat Deutschland das Spiel verloren. Aber das ist eigentlich gar nicht so wichtig.

Apallisches Syndrom

Wachkoma-Patienten leiden am sogenannten Apallischen Syndrom: Dies ist ein neurologisches Krankheitsbild, das oft durch Unfälle mit schweren Kopfverletzungen oder Sauerstoffmangel hervorgerufen wird. Dabei fallen Großhirnfunktionen aus, während lebensserhaltende Funktionen durch den Hirnstamm aufrecht erhalten werden. Betroffene wirken wach, teils reagieren sie auf Reize, sie sind jedoch nicht bei vollem Bewusstsein und können mit der Umwelt auch nicht kommunizieren. Viele Betroffene sind Langzeitpatienten, die intensiver Pflege bedürfen. In Deutschland soll es mehr als 10 000 Patienten in diesem Dämmerzustand geben. Ihre Zahl wächst, seit die Intensivmedizin Betroffene dauerhaft am Leben erhalten kann. Patienten können wieder erwachen, doch zum Zeitpunkt und zum Grad einer möglichen Genesung lassen sich kaum Prognosen treffen. Neue Forschungsergebnisse lassen darauf schließen, dass bei manchen Wachkoma-Patienten durchaus ein Bewusstsein vorhanden ist. Umso wichtiger erscheinen spezielle Therapien, Stimulation der Sinne, ständige Ansprache und emotionale Zuwendung.

Von Simon Benne

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