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Aus der Stadt “Das Besondere ist die menschliche Seite“
Hannover Aus der Stadt “Das Besondere ist die menschliche Seite“
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13:15 17.10.2018
MHH, Pflegeschule. Interview mit Schulleiterin Kerstin Bugow und den Gesundheits- und Krankenpflegeschülerinnen Justina Tieck (links) und Vanessa Nadaloutti. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Justina Tieck regt sich nicht wirklich auf, wenn sie über ihren Beruf spricht. Dabei hätte die angehende Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin allen Grund dazu. Geringe Bezahlung, zu viele Patienten pro Pflegekraft und zu wenig Zeit – der Pflegeberuf genießt aktuell keinen sonderlich guten Ruf. Die 25-Jährige bekommt all das auch schon in der Lehre zu spüren. „Das pflegerische Ideal, das man in der Schule gelernt hat, kann man nicht wirklich durchsetzen“, sagt sie. Es seien zu viele andere Dinge, um den Betrieb überhaupt am Laufen zu halten. Und dennoch hat Tieck keine Zweifel, dass sie sich für den richtigen Beruf entschieden hat: „Das besondere ist die menschliche Seite – für die Kinder und ihre Eltern da zu sein“.

Tieck hat gerade ihr drittes Jahr an der Pflegeschule der Medizinischen Hochschule Hannover begonnen. Sie hofft, trotz der Probleme in den Kliniken als Person einen Unterschied machen zu können. So, wie die 54 anderen Azubis, die zum Oktober an der Pflegeschule angefangen haben. In der Schule gibt es keine Lücken, die Lehrstellen sind alle besetzt. Trotzdem scheint die Ausbildung der angehenden Pflegekräfte nicht zu genügen, um die Löcher in der Personaldecke der MHH zu stopfen. Wegen Personalmangels musste die Hochschule in diesem Jahr nach eigenen Angaben 300 Patienten abweisen, darunter zahlreiche schwerkranke Kinder. Begründet wurde das mit Qualitätsstandards: Man könne sonst nicht für alle Patienten die Anforderungen erfüllen.

Die Leiterin der MHH-Pflegeschule, Kerstin Bugow, hält das für die richtige Entscheidung: „Besser wir versorgen 90 Patienten richtig als 100 mies“. Der Pflegenotstand liege auch nicht an der Ausbildung, sondern an den Jahren danach. Viele Pflegekräfte arbeiten nur in Teilzeit oder steigen nach kurzer Zeit wieder aus dem Beruf aus. Nominell gebe es zwar gar nicht viel weniger Personal, aber der Arbeitsaufwand sei gestiegen, sagt Bugow. Das liegt daran, dass die Patienten heute häufig eine intensivere Betreuung als früher benötigen. Den Pflegekräften steht in der Praxis pro Person trotzdem weniger Zeit zur Verfügung.

Unter den Bedingungen leiden nicht nur die Patienten, sondern auch die Auszubildenden. Die Schule hat in den letzten Jahren mehr mit psychischen Erkrankungen von Schülern zu tun, sagt Bugow. Ob die Ursache an der Überlastung der angehenden Pflegekräfte liegt, kann sie nicht sicher sagen. „Aber es ist klar, dass so etwas unter dem Druck leichter aufbricht.“ Eigentlich würde sie sich für die Schüler wünschen, dass die Verhältnisse auf den Stationen so wären, dass man den sinnvollen und schönen Beruf auch ohne die aktuellen Umstände ausüben könne.

Aber auch für diese Umstände werden Justina Tieck und ihre Kollegin Vanessa Nadaloutti ausgebildet. „Wir müssen im Alltag unterschiedlich schwierige Situationen meistern können“, sagt Nadaloutti, die auch schon in Italien als Pflegekraft gearbeitet hat. Zustände wie in deutschen Nachtschichten, bei denen zwei Personen für über 30 Patienten zuständig seien, habe sie dort aber nicht kennengelernt.

In den Praxisphasen kollidieren ihre Wunschvorstellungen vom Beruf mit der harten Realität. Dabei sind die beiden älter und auch erfahrener als viele ihrer Mitschüler. Der Frust ist trotzdem groß, wenn sie ihren eigenen Qualitätsansprüchen nicht mehr gerecht werden können.„Wenn Auszubildende mit ihrem Ideal auf frustrierte Kollegen auf den Stationen stoßen, trägt das nicht zur Attraktivität des Berufs bei“, sagt die Schulleiterin. Die Anzahl der Schüler, die nach der Lehre an der MHH bleiben ist zunächst hoch. Nur eine Person von 40 Auszubildenden sei im letzten Jahr nicht geblieben, meint Bugow. Das Problem sieht sie vielmehr in der Fluktuation in den ersten Berufsjahren: Sie könnten die schönste Ausbildung machen, wenn die Leute nur zwei Jahre im Job blieben.

Politik unter Druck setzen

Bugow sorgt sich um die Attraktivität der Pflege in der Zukunft. Über 30 Bewerbungen musste sie selbst schreiben, um eine Lehrstelle im Pflegebereich zu bekommen. Das ist viele Jahre her. Heute erzählt sie von Auszubildenden, die sich ihre Stelle unter mehreren Angeboten aussuchen können. In diesem Jahr blieb zwar kein Platz an der Pflegeschule unbesetzt, aber der Kreis der Bewerber sei deutlich kleiner geworden und teilweise sei die Qualifikation geringer, sagt Bugow.

Tieck und Nadaloutti sind froh, dass die Pflegebranche und auch ihre Probleme endlich im öffentlichen Fokus stehen. Auch vor Jahren war der Mangel an Pflegekräften schon akut. „Wir müssen die Präsenz nutzen, um die Politik unter Druck setzen“, sagt Nadaloutti. Tieck meint, die Pflege in Deutschland stecke gerade noch in der Entwicklung. „Wir sind vielleicht die neue Generation, die den Unterschied machen kann.“

Von Sebastian Stein

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