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Aus der Stadt Hannovers Verkehrswende lahmt – wer hat Schuld?
Hannover Aus der Stadt Hannovers Verkehrswende lahmt – wer hat Schuld?
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00:18 04.11.2018
Reicht Hannovers Verkehrspolitik, um den Umstieg auf Rad, Bus und Bahn attraktiv zu machen? In Der Goethestraße trägt Dirk Olfermann die rote Radspurmarkierung auf – sie soll Radfahren sicherer machen. Quelle: Conrad von Meding
Hannover

Die neuesten Zahlen des Bundes sind eine Ohrfeige für Hannovers Verkehrspolitik. Das vom Rat beschlossene Ziel, mehr Menschen zum Umstieg vom Auto auf Rad, Bus und Bahn zu bewegen, ist gescheitert. In den vergangenen sechs Jahren jedenfalls hat sich nichts verändert: Konstant legen die Hannoveraner 19 Prozent ihrer Wege mit dem Rad zurück, 19 Prozent mit dem Öffentlichen Nahverkehr. Der Autoverkehr hat von 28 auf 27 Prozent minimal abgenommen, Fußgänger machen jetzt 26 statt 25 Prozent aus. Der Vorschlag des Regions-Wirtschaftsdezernenten Ulf-Birger Franz aber, bei der geforderten Verkehrswende „mehr Mut“ zu zeigen und zum Beispiel Parkgebühren in der Innenstadt zu verteuern und die Zahl der Stellplätze zu reduzieren, erntete am Donnerstag kräftig Schelte. „Die Frage ist, ob Herr Franz dann zum Kröpcke kommt und als letzter das Licht ausmacht“, sagt Martin Prenzler von der Kaufleutevereinigung City-Gemeinschaft.

Auch die Stadtpolitik ist vergrätzt. „Das ist unfair“, sagt SPD-Stadtchef Alptekin Kirci: „Der für den Nahverkehr zuständige Regionsdezernent macht sich einen schlanken Fuß.“ Die Ratsmehrheit aus SPD, Grünen und FDP arbeite intensiv daran, Ampelschaltungen zu verbessern, Radverkehr attraktiver zu gestalten und den Öffentlichen Nahverkehr auszubauen. SPD-Baupolitiker Lars Kelich weist darauf hin, dass die Stadtbevölkerung seit Jahren stark wächst, das habe eine Zunahme des Autoverkehrs zur Folge – „da ist es schon ein enormer Erfolg, dass der Radverkehr offenbar genauso wächst zunimmt und prozentual nicht abnimmt“.

FDP-Fraktionschef Wilfried Engelke wirft Franz vor: „Er mischt sich in unsere Kompetenzen ein.“ Bei Radverkehr und Ampelschaltungen sei Hannover „auf gutem Wege“, beim Nahverkehr allerdings habe der Rat das 1-Euro-Ticket gefordert – und sei damit beim Dezernenten abgeblitzt. „Bei der Region scheint zu gelten: Alles was aus der Stadt Hannover kommt, ist schlecht – das muss endlich ein Ende haben“, findet Engelke.

Einzig bei den Grünen gibt sich Ratsfraktionsvize Elisabeth Clausen-Muradian selbstkritisch. „Uns ärgern die Zahlen enorm, die der Bund vorgelegt hat. Wir können damit nicht zufrieden sein.“ Auch sie fordert das 1-Euro-Ticket für den Nahverkehr, aber auch einen deutlich konsequenteren Ausbau des Radwegenetzes und eine intelligentere Bewirtschaftung des Parkraums. Parken am Straßenrand in der Innenstadt müsse massiv verteuert werden, damit Autofahrer in die Parkhäuser fahren oder auf den Nahverkehr umsteigen.

Hannover hat beschlossen, dass der Radverkehrsanteil bis 2025 auf 25 Prozent steigen soll, auch ÖPNV-Nutzung und Fußwege sollen auf je ein Viertel anwachsen. Bei der Radfahrerlobby ADFC spottet Sprecher Eberhard Röhrig-van der Meer angesichts der neuen Zahlen: „Die Stadt bleibt hinter ihren eigenen Erwartungen zurück.“ Zwar habe sich der Zustand der Radwege in den vergangenen Jahren verbessert, „aber es ist Stückwerk: Einige Hundert Meter sind sie gut ausgebaut, dann steht man wieder vor einer gefährlichen oder holprigen Stelle“. Der ADFC fordert den Ausbau von Velorouten, auf denen sich weite Strecken durch die Stadt bewältigen lassen: „Nur so bekommt man mehr Menschen im Alltag aufs Rad.“ Der Sprecher will nicht nur Negatives sagen. „Es gibt auch positive Projekte, etwa das Stadtradeln – aber das kommt nicht von der Stadt, sondern von der Region.“

Auch Ralf Strobach von der Bürgerinitiative Umweltschutz (BIU) findet die neuen Zahlen „nicht überraschend“. Die Radverkehrsförderung der Verwaltung bestehe „im Wesentlichen aus gestrichelten Linien auf der Fahrbahn oder aus dem Aufstellen von Schildern für Fahrradstraßen: So begeistert man keine Menschen für das Radfahren.“ Die BIU fordert, dass der Rat Fachplaner aus den Niederlanden und Kopenhagen nach Hannover holt und sich ein Fahrradkonzept erstellen lässt. Dort liegt der Radverkehrsanteil deutlich höher.

Bei der Ratsmehrheit gibt es noch keine konkreten Ideen, wie man auf die traurigen Zahlen reagieren will. Die Baupolitiker sind derzeit in Wien und lassen sich dort erklären, wie moderne Verkehrspolitik geht. Sie berichten von drei Meter breiten Radwegen und Neubaugebieten, die schon vor Bezug mit neuen Stadtbahntrassen erschlossen sind. SPD-Chef Kirci kündigt an, der SPD-Unterbezirk werde im kommenden Jahr ein Mobilitätskonzept erstellen.

Regionsdezernent Franz dagegen erzählt, dass bei der jüngsten Neufassung des Nahverkehrsplans aus 20 von 21 Regionskommunen die Forderung nach mehr Nahverkehr kam, nur aus einer Stadt nicht. „Hannover wollte in der Kurt-Schumacher-Straße keine Regiobusse mehr – dabei ist dort nicht der öffentliche Nahverkehr das Problem, sondern der Autoverkehr, der an manchen Tagen die Kreuzungen verstopft.“ Hannover müsse sich davon verabschieden, dem Autoverkehr den Vorrang zu geben – sonst werde die Stadt irgendwann nicht mehr lebenswert sein.

Von Conrad von Meding

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