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Aus der Stadt “Ausgrenzung hat Anouk nicht erlebt“
Hannover Aus der Stadt “Ausgrenzung hat Anouk nicht erlebt“
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00:16 02.10.2018
Schreiben macht am meisten Spaß: Erstklässlerin Anouk (6) mit ihren Eltern Marc Tilmann (51) und Nicola Tilmann-Jäger (50). Quelle: Samantha Franson
Hannover

 Manche Eltern bringen ihr Kind das ganze erste Jahr zur Schule, Anouk hat schon am zweiten Tag klargemacht: „Ich kann alleine fahren.“

Ihr Schulweg ist weiter als die üblichen 15 Minuten Fußweg. Ein Taxi bringt die Sechsjährige jeden Morgen von Ledeburg nach Döhren zur Glockseeschule. Anouk hat das Downsyndrom. Als ihre Mutter Nicola Tilmann-Jäger (50) am zweiten Schultag am Gartenzaun stehen blieb und dem Taxi hinterherwinkte, sei ihr bewusst geworden, dass ihre Tochter einen weiteren Schritt hinaus ins Leben gemacht habe: „Anouk weiß, wo sie ankommt, und sie fühlt sich wohl dort.

Nicht dogmatisch entschieden

Schon als Einjährige – damals lebte die Familie in der Nordstadt – war sie in der Krippe, einer Elterninitiative, später besuchte sie einen städtischen Kindergarten in Vinnhorst – Inklusion, also das Miteinander von Kindern mit und ohne Handicap ist für sie Normalität: „Ausgrenzungen hat sie nicht erlebt, Krippe, Kindergarten, das war immer alles positiv, aber Anouk ist ja auch unkompliziert“, sagt Nicola Tilmann-Jäger, selbst Lehrerin an einer Realschule.

Bei immer mehr Kindern wird ein Förderbedarf festgestellt

Im vergangenen Schuljahr hatten von den 4544 Erstklässlern in der Stadt Hannover nur 73 eine diagnostizierte Beeinträchtigung, bei den 4521 Zweitklässlern waren es bereits 120. Oft wird ein sonderpädagogischer Förderbedarf erst im Laufe der Schulzeit festgestellt, insofern ist die Steigerung nicht weiter verwunderlich. Bei Kindern mit Down-Syndrom ist die Behinderung bereits bekannt, bei anderen Kindern stellt sich erst im Laufe der Schulzeit heraus, dass sie Lern- oder Sprachprobleme haben.

Nur wenn ein Kind einen anerkannten Förderbedarf hat, können die Schulen die ihm zustehenden Ressourcen, also etwa zusätzliche Stunden von Sonderpädagogen, geltend machen. Die Grünen sprechen von einem „Etikettierungsboom“. Die Zahl der Kinder mit Beeinträchtigung stieg von 4,5 auf 6 bis 7 Prozent.

„Aus Sicht der Schulen ist das verständlich, aus Sicht des Kindes nicht förderlich“, warnt Reinhard Fricke vom Verband Sonderpädagogik.

Seit der Einführung der Inklusion gab es schon drei Schulgesetzänderungen, zuletzt wurde bestehenden Förderschulen für lernbehinderte Kinder die Möglichkeit eingeräumt, doch noch bis 2028 bestehen zu bleiben. Fricke wünscht sich eine Ende der Schulreformen zur Inklusion: „Es kann nicht sein, dass in jeder Legislaturperiode ein neues Schulgesetz kommt, die Schule brauchen Ruhe.“

Wie ihr Mann Marc (51) ist sie zwar überzeugte Anhängerin der Inklusion, aber nicht so dogmatisch und ausschließlich, dass sie eine Auflösung aller Förderschulen fordert: „Solange die Regelschulen noch nicht so ausgestattet sind wie sie sein sollten, solange Sonderpädagogen und andere Fachkräfte wie Ergotherapeuten oder Heilerziehungspfleger fehlen, aber auch Differenzierungsräume, ist es gut, dass es noch beide Systeme gibt“, sagt Tilmann-Jäger.

Seit 2013 ermöglicht das Schulgesetz Eltern von behinderten Kindern, selbst zu entscheiden, ob sie ihre Tochter oder ihren Sohn auf eine Regel- oder auf eine Förderschule schicken wollen. Inzwischen gilt das Wahlrecht in den Jahrgängen 1 bis 10. Im vergangenen Schuljahr betrug die Inklusionsquote 64,3 Prozent: Von den 43 423 Kindern, bei denen ein sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf festgestellt worden war, gingen27 933 auf eine allgemeine Schule, 15 490 Kinder besuchten eine Förderschule.

„Alle Schulen müssen sich mit dem Thema Inklusion auseinandersetzen“, sagt Marc Tilmann. „Wir führen zu Veränderungen in der Schule“, fügt er hinzu, und mit „Wir“ meint er Familien mit behinderten Kindern.

Kinder wählen Lernangebote selbst aus

Für die Tilmann-Jägers wäre auch die Grundschule im Viertel, die Grundschule am Stöckener Bach, eine gute Wahl gewesen. Die Eltern reizte jedoch das freie Lernkonzept der Glockseeschule, Hannovers einziger Modellschule. Hier lernt man altersgemischt, selbstbestimmt und im eigenen Tempo. Die Kinder kommen in Ruhe an, machen gemeinsam Atemübungen, erzählen, was sie beschäftigt, lösen Rechenaufgaben, üben Wörter zu schreiben oder zu lesen. Lehrer sehen sich als Lernbegleiter, als eine Art Coach, nicht als Frontalwissensvermittler.

In Anouks Klasse gehen Kinder aus dem 1., 2. und 3. Jahrgang. Einige sind sechs, andere schon neun Jahre alt. Ein älterer Junge hat ebenfalls das Downsyndrom. „Man wird sehen, ob die beiden zusammenfinden oder nicht“, sagt Anouks Vater. Jede knüpfe seine eigenen Kontakte. Ob sie schon eine Freundin oder einen Freund gefunden hat? Anouk muss nicht lange überlegen, ihre Antwort kommt prompt. „Klar, Lotta.“ Lotta ist eigentlich Zweitklässlerin.

Als umständlich und mitunter nervenaufreibend empfinden die Eltern nicht den Schulalltag, sondern die Bürokratie, das Ausfüllen von Anträgen und Formularen, Entscheidungen von staatlichen Stellen, die sich lange hinziehen. „Drei Wochen vor Schulbeginn hatten wir noch keinen Schulbegleiter“, sagt Marc. Die Eltern haben sich auf eigene Faust eine Schulbegleiterin gesucht und eine Agentur, die sie anstellt. „Poollösungen wären besser“, sagt Tilmann-Jäger. Damit meint sie, dass an Schulen ein Team von Schulbegleitern angestellt ist und nicht für jedes einzelne Kind ein einzelner Begleiter beantragt werden muss.

Marc Tilmann schwärmt auch Wochen nach Schulbeginn noch von der Einschulungsfeier: „Das war bunt und fröhlich, man hat richtig gemerkt, wie willkommen die Erstklässler hier sind.“ Dem Vater gefällt auch, dass die Glockseeschule von der 1. bis zur 10. Klasse führt und „die Kinder nicht nach vier Jahren wieder auseinandergerissen werden“.

Bunt und fröhlich

Anouk hat einen langen Tag hinter sich, nach der Schule hat sie Vater Marc noch mit ins Büro genommen. Trotzdem wird sie nicht müde, in einem Heft Buchstaben zu schreiben, und zwischendurch noch mal nachzufragen, ob sie später noch eine Fernsehsendung angucken dürfe. Den Alltag mit dem Schulkind neu zu organisieren, sei eine Herausforderung gewesen, sagen beide Eltern: Beide arbeiten Vollzeit, sie als Lehrerin, er als Architekt. „Man braucht Gelassenheit, nicht immer klappt alles perfekt“, sagt er, „aber das bei Familien mit einem Inklusionskind genauso wie bei allen anderen.“

Selbstständigkeit lernen

„Na, rechnen, schreiben, lesen“, sagt die Muter. „Auch lebenspraktische Dinge“, ergänzt der Vater. Nicola Tilmann-Jäger wünscht sich, dass Anouk eine Form der Selbstständigkeit erreicht, die es ihr ermöglicht, ihr Leben eigenständig zu meistern. Bang ist den Eltern, die noch einen bereits erwachsenen Sohn haben, nicht um ihre Tocher. „Anouk ist kommunikativ, willensstark und kann klar sagen, was sie will und was nicht“, sagt Marc.

Jetzt will sie jedenfalls das Interview beenden. Es sei doch sicher schon spät, meint die Sechsjährige, die inzwischen nicht mehr schreibt, sondern mit dem Puppenhaus spielt. Es sei allmählich Zeit fürs Abendbrot, findet sie. Keine Frage, Anouk weiß, was sie will.

Von Saskia Döhner

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