Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Warum im Jobcenter Hannover ständig mit Wien telefoniert wird
Hannover Aus der Stadt Warum im Jobcenter Hannover ständig mit Wien telefoniert wird
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 12.10.2018
Der Dolmetscher als unsichtbarer Dritter im Raum: Alexander Heine (links) vom Jobcenter berät Qays Mohamed Al-Samarrai. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

An dem Beratungsgespräch im Jobcenter Hannover sind drei Personen beteiligt, im Raum sitzen aber nur zwei, der Dolmetscher ist als unsichtbarer Dritter per Telefon zugeschaltet. Alexander Heine (26), der sein Skateboard an die Regalseite gelehnt hat und mit einem breiten Lächeln Qays Mohamed Al-Samarrai (24) die Hand schüttelt, kann zwar ein paar Brocken Arabisch, aber längst nicht so gut, dass er ausführlich mit dem jungen Iraker über dessen Berufswünsche sprechen könnte. Bei der Verständigung hilft deshalb ein Dolmetscher, der über eine Hotline dazu gerufen wurde. Man kann feste Termine vereinbaren, zu denen sich ein Dolmetscher in der gewünschten Sprache bereithält, man aber aber auch einfach spontan anrufen.

Heine stellt eine Frage, der Dolmetscher übersetzt, Al-Samarrai antwortet. Es wird viel gelacht am Tisch – die Männer verstehen sich, auch wenn sie unterschiedliche Sprachen sprechen.

2017 wurden 1800 Flüchtlinge in Arbeit oder Ausbildung vermittelt

Knapp 13.000 anerkannte Flüchtlinge oder Asylbewerber, die über 15 Jahre alt und erwerbsfähig sind, beziehen vom Jobcenter Leistungen, davon sind rund 7700 männlich, zwischen 15 und 25 Jahre alt sind knapp 4000. In Ausbildung oder Arbeit vermittelt werden konnten im Jahr 2017 insgesamt 1856, in diesem Jahr waren es von Januar bis Mai bislang 1055. Die Anzahl der Haushalte in der Region Hannover, in denen mindestens ein anerkannter, erwerbsfähiger Flüchtling lebt und die Leistungen vom Jobcenter bekommen, beträgt 9222 (Stand Mai 2018), davon sind 3741 Haushalte mit Kindern unter 18 Jahren und 4609 Ein-Personen-Haushalte. dö

Der 24-jährige Flüchtling macht gerade einen Sprachkurs, steht kurz vor der Prüfung und will unbedingt weiterlernen: „Ich muss richtig gut Deutsch können“, sagt er. Im nächsten Sprachkursus möchte er aber lieber mit jüngeren Leuten zusammensitzen, in seinem Kurs seien viele Ältere gewesen, man sei viel zu langsam vorangekommen, findet er.

Man versteht sich – auch wenn man unterschiedliche Sprachen spricht: Jobcenter-Berater Alexander Heine (links)mit Qays Mohamed Al-Samarrai. Unterstützt wird er durch einen Dolmetscher via Telefon. Quelle: Moritz Frankenberg

Al-Samarrai möchte eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker machen. Um in der Berufsschule alles zu verstehen, müsse er schon auf B2-Niveau kommen, sagt Heine. Nach dem Sprachkurs könne er die Zeit bis zum Ausbildungsbeginn vielleicht mit einem Praktikum überbücken, schlägt Heine vor. Der nickt. Man ist sich einig: „Bis nächste Woche“, verabschiedet Heine seinen Kunden gut gelaunt.

Deutsch lernen steht an erster Stelle

Seit Juni 2016 arbeitet das Jobcenter mit der SAVD Videodolmetschen GmbH in Wien zusammen. Pro Monat wird die Hotline etwa für 400 bis 500 Gespräche genutzt. „Die Anonymität ist für ein Gespräch förderlich“, sagt Caren Gospodarek-Schwenk (57) , Mitglied der Jobcenter-Geschäftsführung.Wenn etwa ein Ehemann übersetze oder der älteste Sohn, sei eine Frau längst nicht so frei in ihren Äußerungen wie bei einem anonymen Dolmetscher am Telefon.

Aram Othman Rahman (23), der zweite Klient von Heine an diesem Vormittag, kommt ebenfalls aus dem Irak. Heine benötigt nun eine Dolmetscherin, die Kurdisch spricht. Ein Anruf bei der Hotline, ein Klicken, kurzes Warten, dann ist die Übersetzerin in der Leitung. Eigentlich könnten sich die beiden Männer auch auf Englisch verständigen, aber in der Muttersprache geht doch manches besser.

Auch Rahmann ist mit der Qualität seines Sprachkurses nicht zufrieden: „Wenn das so weitergeht, dann brauche ich nicht 300, sondern 3000 Stunden“, sagt er. Der Sprachlehrer beherrsche nicht einmal Englisch, moniert er. Im Irak hat er zwölf Jahre die Schule besucht, war auch auf einer Art College mit medizinischem Schwerpunkt, möchte jetzt aber Ökonomie studieren. Der 23-Jährige hat sein Abschlusszeugnis aus dem Irak angefordert und wartet jetzt auf seine Dokumente. „Ich kann jemanden vermitteln, der die Dokumente übersetzt“, sagt Heine und lächelt.

Aram Othman Rahman (23) wartet auf sein Abschlusszeugnis aus dem irak. Berater Alexander Heine zeigt ihm Perspektiven für seine berufliche Zukunft auf. Quelle: Moritz Frankenberg

Der dritte Flüchtling, den der 26-Jährige berät, ist Beshar Al Hamza aus Syrien. Er möchte Zahnmedizin studieren. Heine schlägt ihm entsprechende Vorbereitungskurse für ausländische Studenten an der Uni vor. Wieder ist der Ton – auch der des Dolmetschers am Telefon – höflich, zuvorkommend und freundlich.

Der Dolmetscher am Telefon hilft bei der Verständigung: Alexander Heine (rechts) vom Jobcenter mit Beshar Al Hamza, der Zahnarzt werden will. Quelle: Moritz Frankenberg

„Ich möchte mit meinen Kunden auf Augenhöhe reden“, sagt Heine. Jede Beratung sei anders, aber die jungen Erwachsenen seien alle sehr motiviert und wissbegierig. Er habe sich vor zwei Jahren bewusst für die Arbeit mit Flüchtlingen entschieden, natürlich erzählten einige auch ihre dramatischen Fluchtgeschichten, aber viel lieber als über die tragische Vergangenheit möchte Alexander Heine mit ihnen über ihre ihre Zukunft in Deutschland reden. Schön sei es, wenn jemand eine Ausbildung oder das gewünschte Studium beginne, einen Job finde oder sich selbstständig mache: „Aus Fremden können Freunde werden“, sagt er. Viel mehr kann man über Integration eigentlich nicht sagen.

Von Saskia Döhner

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Zum ersten Mal seit 15 Jahren steht Verbrauchern in Hannover eine Steigerung der Abwassergebühr bevor. Nicht allein die kostenintensive Erneuerung der ältesten Kläranlage Niedersachsens hat dazu geführt.

09.10.2018

Der Technologie- und Wissenschaftspark Hannover in Marienwerder wächst. Mit dem Taurus Technopark Hannover entsteht ein modernes Kompetenzzentrum für rund 30 Unternehmen und Forschungseinrichtungen.

12.10.2018

Die „Große Pause“ für Studenten und Mitarbeiter der Hochschule Hannover am Kronsberg wird voraussichtlich Ende Januar wiedereröffnet. Die Reinigungsarbeiten an den fettverschmierten Leitungen gehen voran.

08.10.2018