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Aus der Stadt Ist die Kulturhauptstadt-Bewerbung noch zu retten?
Hannover Aus der Stadt Ist die Kulturhauptstadt-Bewerbung noch zu retten?
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21:27 27.07.2018
Die Bewerbung Hannovers um den Titel Kulturhauptstadt Europas kommt derzeit schleppend voran. Quelle: Foto: Katrin Kutter
Hannover

Das Jahr 2025 scheint noch in weiter Ferne zu sein. Hannover hat inzwischen einen neuen Oberbürgermeister gewählt. Kinder, die in die erste Klasse kommen, sind noch nicht gezeugt. Das Rathaus steht dagegen mit Blick auf das Jahr 2025 unter extremem Zeitdruck: Die Landeshauptstadt will in diesem Jahr europäische Kulturhauptstadt werden. Und dafür muss bereits im Herbst 2019 ein konkurrenzfähiges Konzept vorliegen. Doch das Bewerbungsverfahren schleppt sich dahin. Es geht um Personal, Ideen, Zuständigkeiten und Geld. Manche in der Stadt zweifeln, ob die Zeit noch reicht.

Schon beim Personal wird es eng. Koordiniert wird die Bewerbung im Kulturhauptstadtbüro von Melanie Botzki. Hier wird das so genannte „Bid Book“ entworfen, die umfängliche Bewerbungsmappe für eine internationale Jury. Botzki teilt sich die Arbeit bislang mit einer einzigen Kollegin und einer Sekretärin. Drei weitere Stellen hat die Stadt jetzt ausgeschrieben, sie sollen „schnellstmöglich“ besetzt werden. Gesucht werden Fachkräfte für Fundraising, Controlling und Marketing. Erfahrungsgemäß dauert es in einer öffentlichen Verwaltung jedoch Wochen bis Monate, ehe neues Personal eingestellt ist. „Das hätte alles längst passieren müssen“, sagt ein Insider, aber wegen der quälenden Rathausaffäre um OB Stefan Schostok und den früheren Kulturdezernenten Harald Härke habe sich alles verzögert. „Die neuen Mitarbeiter fangen jetzt womöglich erst im Winter an.“

Dabei sind die Anforderungen an das bislang offenkundig unterbesetzte Büro erheblich. Es müssen nicht nur überzeugende Ideen her, um gegen konkurrierende Städte zu bestehen – die Jury erwartet auch ein Programm, das über 2025 hinaus reicht. Gefordert wird ein Kulturentwicklungsplan, er soll bis ins Jahr 2030 reichen. Darin geht es nicht allein um schöne Ideen für Hannovers Kultur nach dem Jubeljahr 2025, die Stadt muss den Plan mit finanziellen Garantien hinterlegen. Solch einen Plan gibt es in der Verwaltung bisher nicht.

Zudem sollen in Hannovers Bewerbung Vorschläge aus der städtischen Kulturszene und Ideen aus der Bürgerschaft einfließen. Diesen Prozess wird wohl eine Agentur moderieren, die auf Beteiligungsprozesse spezialisiert ist. Das Kulturhauptstadtbüro muss zudem einen Finanzierungsplan erstellen. Bislang ist von einem Budget zwischen 40 und 70 Millionen Euro die Rede. Wie hoch der Etat am Ende sein mag: Neben städtischem Geld müssen Sponsoren Bewerbung und Ausrichtung unterstützen.

In der Ratspolitik regen sich erste Zweifel, ob das alles bis zum Bewerbungsschluss zu schaffen ist. Als hohe Belastung wird dabei auch das Durcheinander während der Rathausaffäre empfunden, als die Verantwortlichen für das Verfahren ständig wechselten. „Wir fragen uns, wer für die Bewerbung eigentlich den Hut aufhat?“, sagt CDU-Fraktionschef Jens Seidel.

Eigentlich sollte nach der Affäre an der Stadtspitze alles ganz schnell gehen, denn auch im Rathaus war jedem klar, dass die Uhr tickt. Zu übersichtlicheren Strukturen hat dies bisher nicht geführt. Der aktuelle Stand: Rita Maria Rzyski, eigentlich Bildungsdezernentin, übernahm vom suspendierten Harald Härke das Kulturdezernat. Im Kulturdezernat ist auch das Kulturhauptstadtbüro als Stabsstelle angesiedelt. Doch für die Kulturhauptstadtbewerbung ist neuerdings offenbar Sozialdezernentin Konstanze Beckedorf zuständig – während das Kulturhauptstadtbüro möglicherweise in eine noch zu gründende GmbH ausgelagert werden soll. Selbst im Rathaus hat mancher den Überblick verloren, wer eigentlich zuständig ist.

Der Vorschlag für die Ausgliederung kam aus der Ratspolitik, um das Kulturhauptstadtbüro aus der schwerfälligen Verwaltung herauszulösen. Man könne doch die Bewerbung aus einer GmbH heraus führen, etwa unter dem Dach der Hannover Veranstaltungsgesellschaft (HVG), die unter anderem das Maschseefest organisiert. Dadurch sollten Entscheidungen beschleunigt und Personal schneller eingestellt werden. Bei der Vergabe öffentlicher Aufträge sind oft europaweite zeitraubende Verfahren notwendig, eine GmbH wäre wesentlich flexibler. Die Ratsfraktionen entwarfen vor drei Wochen eine Pressemitteilung, um die neue Idee zu verkünden, doch sie wurde nie veröffentlicht. Offenbar stockt der Vorgang, die Ausschreibung der drei Kultur-Stellen geht jetzt ihren gewohnten, langwierigen Gang innerhalb der Verwaltung. Inzwischen gab es Gespräche zwischen Schostok und HVG-Chef Hans Nolte. Inhalt: Nolte könnte den kaufmännischen Teil der Bewerbung abwickeln und das Kulturhauptstadtbüro beim Marketing unterstützen. Er hat zugesagt: „Das ist unser täglich Brot.“

Unzufrieden sind Ratspolitiker inzwischen auch mit dem niederländischen Berater Oeds Westerhof. Die Stadt engagierte den Kulturberater, um die Bewerbung voranzubringen. Westerhof weiß, was in ein überzeugendes „Bid Book“ gehört. „Herr Westerhof hat es aber noch nicht für nötig befunden, das Gespräch mit der Kulturpolitik zu suchen“, ärgert sich FDP-Fraktionschef Wilfried Engelke. Er kritisiert, dass der Niederländer nicht dauerhaft in Hannover weilt, sondern nur zeitweise vorbeischaut. Westerhof hat mitgeholfen, dass Leeuwarden aus den Niederlanden in diesem Jahr Kulturhauptstadt Europas wurde. Für sein Beraterjahr in Hannover bekommt er 100.000 Euro.

Auch das Kulturhauptstadtbüro von Melanie Botzki muss Kritik einstecken. Mancher hat den Eindruck, dass von dort keine pfiffigen Vorschläge für die Bewerbung kämen, man verließe sich allein auf Westerhof und Agenturen, die noch zu beauftragen seien. Andere Stimmen weisen diese Vorwürfe zurück: Es gebe bereits etliche Projektideen. Wohl schon aus Gründen der Konkurrenz können diese aber nicht vorzeitig öffentlich gemacht werden.

   

Was bisher geschah

Ein Blick auf die vergangenen Monate zeigt, wie stark die Rathausaffäre die Bewerbung Hannovers um den Titel Kulturhauptstadt gehemmt hat. Ursprünglich betraute Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) Kulturdezernent Harald Härke mit der Aufgabe, ein Konzept zu erstellen. Auch als die Rathausaffäre mit einem Disziplinarverfahren gegen Härke im Oktober 2017 ihren Anfang nahm, hielt Schostok an Härke als oberstem Bewerbungsmanager fest. Doch kurze Zeit später verlor der OB das Vertrauen und riss das Verfahren an sich. Sein Geschäftsbereichsleiter Frank Herbert erstellte ein erstes Bewerbungskonzept unter dem Motto „In aller Bescheidenheit“. Darin schlug er vor, einen neuen Konzertsaal für 400 bis 800 Zuhörer zu bauen. Die Ratspolitik war verärgert, fühlte sich übergangen und kassierte das Konzept. Man einigte sich fraktionsübergreifend auf das Motto „Nachbarschaft“ und erteilte Neubauplänen eine Absage.

Anfang des Jahres nahm Härke wieder die Zügel in die Hand, danach überschlugen sich die Ereignisse. Gegen Härke, Herbert und auch gegen Schostok nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue auf. Anlass waren rechtswidrige Gehaltszuschläge , die Herbert jahrelang kassierte. Inzwischen ist Kulturdezernent Härke suspendiert und Herbert nicht mehr Büroleiter Schostoks.

Von Andreas Schinkel, Karl Doeleke und Gunnar Menkens

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