Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt „Helikopter-Eltern“: AWO will Kita-Platz von Zweijähriger kündigen
Hannover Aus der Stadt „Helikopter-Eltern“: AWO will Kita-Platz von Zweijähriger kündigen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:56 24.12.2018
Anwalt Thomas-M. Cluesmann (M.) steht den Eltern zur Seite - und hat die Kündigung gestoppt. Quelle: Michael Zgoll
Hannover

Dass es Unstimmigkeiten zwischen Eltern und Kindertagesstätten-Personal gibt, kann passieren. Dass ein Konflikt allerdings so ausartet, dass eine Kita den Betreuungsvertrag mit den Eltern eines Krippenkinds mit Sechs-Wochen-Frist kündigt, hat Seltenheitswert. Eine Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) überreichte einer Mutter am 15. November ein Kündigungsschreiben: Die Kita könne ihre zweieinhalbjährige Tochter ab dem 1. Januar 2019 nicht mehr betreuen, da die Vertrauensbasis mit den Eltern zerstört sei.

Die 41-Jährige und ihr Ehemann (42), beide bei renommierten hannoverschen Arbeitgebern in Lohn und Brot, wollten diese Kündigung nicht akzeptieren, ihr Anwalt Thomas-M. Cluesmann reichte beim Landgericht Hannover einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung ein. Demnach sollte die Kita verurteilt werden, das Mädchen bis zum regulären Vertragsende im Juli 2019 zu betreuen.

Vater soll mehr helfen

Zweieinhalb Stunden dauerte die mündliche Verhandlung vor der 1. Zivilkammer, bei der beide Seiten ihre Differenzen – oder besser gesagt: einen kleinen Teil dieser Differenzen – vor Richterin Alexandra Siemering ausbreiteten. Diese signalisierte der stellvertretenden AWO-Fachbereichsleiterin und ihrer Anwältin Mechthild Wulfert-Markert recht bald, dass die Kündigung wahrscheinlich nicht rechtens sei: Die Begründung sei zu wenig konkret, auch hätte die Kita den Eltern wohl erst eine Abmahnung schicken müssen.

Doch ein Urteilsspruch, so die Richterin, sei in diesem Fall sicher nicht das Wesentliche, schließlich gehe es in erster Linie um das Wohl des Kindes. Und so einigten sich die Parteien nach zähem Ringen schließlich auf einen Vergleich. Demnach wird die Zweieinhalbjährige weiter im Stadtteil ihrer Eltern betreut – und der Vater kommt verstärkt zum Einsatz.

Mitarbeiterinnen fühlten sich gemobbt

Die Konflikte zwischen Kita-Leiterin und Erzieherinnen einerseits und der Mutter andererseits währen schon seit einem Jahr, in der Verhandlung fiel auch das Stichwort „Helikopter-Eltern“. Die Einrichtung wirft der 41-Jährigen vor, sie habe ihr Kind oft zu spät abgegeben, dieses habe häufig gefehlt, auch habe die Mutter den Mitarbeiterinnen „Befehle“ erteilt, welches Essen man ihrer Tochter anbieten solle oder wie die Lichtverhältnisse im Gruppenraum zu sein hätten. Ständig habe sie Sonderwünsche geäußert, dabei sei ihr Ton oft derart aggressiv gewesen, dass die Mitarbeiterinnen sich gemobbt gefühlt hätten. Zudem hätten die Eltern mehrfach Gesprächsangebote ausgeschlagen.

Kein Probleme beim größeren Kind

Die 41-Jährige wiederum beklagt, sie habe oft auf die einfachsten Fragen – wie ihre Tochter den Tag verbracht, ob sie geschlafen oder ob sie in die Windeln gemacht habe – keine vernünftigen Antworten bekommen. Häufig sei sie „abgewimmelt“ worden, auch hätten sich die Erzieherinnen nicht ausreichend um ihr Kind gekümmert, wenn es beim Abgeben in der Krippe geweint habe. Inzwischen sei das Verhältnis so weit zerrüttet, dass sie von einigen Mitarbeiterinnen keines Blickes mehr gewürdigt werde. Rund um die Betreuung des fünfjährigen Sohns, der ebenfalls in der AWO-Einrichtung untergebracht ist, gibt es diese Probleme aber offenkundig nicht.

Gespräche mit Elternbeirat, Erzieherinnen und AWO-Fachbereichsleitung brachten keine Annäherung. So kam es zur Kündigung, die der Mutter nach eigenem Bekunden beim Wickeln ihrer Tochter in der Krippe übergeben wurde. Die Eltern reagierten empört. Abgesehen davon, so Anwalt Cluesmann, dass die Kündigung rechtlich auf tönernen Füßen stehe, sei es für das Paar unmöglich, auf die Schnelle einen neuen Krippenplatz für die Tochter zu organisieren. Fände man auch keine Tagesmutter, müsste ein Elternteil das Kind daheim betreuen – was im schlimmsten Fall einen Jobverlust zur Folge haben könnte. „Gegenseitige Abneigung kann doch kein Grund sein, eine Kündigung auszusprechen“, sagt Cluesmann.

Mutter darf Erziehern keine Ratschläge mehr geben

Der Vergleich sieht vor, dass das Mädchen künftig „überwiegend“ vom Vater gebracht oder abgeholt wird. Die AWO sichert der Mutter zu, dass sie auch künftig kurze „Tür-und-Angel-Gespräche“ mit den Erzieherinnen führen darf; auf der anderen Seite hat sich die 41-Jährige verpflichtet, das pädagogische Konzept der Kita zu akzeptieren und es zu unterlassen, den Erzieherinnen Ratschläge oder gar Arbeitsaufträge zu erteilen. Es werde sicher zur Entspannung beitragen, meinte Richterin Siemering, wenn sich die Mutter künftig ein wenig zurückhalte: „Man muss vielleicht nicht jedes Mal fragen, wie der Tag gelaufen ist.“

Von Michael Zgoll

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der neue Hochbahnsteig an der Wunstorfer Straße in Limmer für die Stadtbahnlinie 10 ist am Freitag offiziell seiner Bestimmung übergeben worden. Das Bauwerk hat 4,9 Millionen Euro gekostet.

24.12.2018
Aus der Stadt Die tägliche Hannover-Glosse - Lüttje Lage: Die Socke und die Brücke

So lustig kann das Leben in Hannover sein: In der täglichen Kult-Glosse „Lüttje Lage“ erzählen HAZ-Autoren von den skurrilen, absurden und bemerkenswerten Erlebnissen des Alltags. Heute: Die Socke und die Brücke

21.12.2018

Die Weihnachtsfeier der Zentralen Polizeidirektion in Hannover ist eskaliert. Eine Frau erlitt durch eine Bierflasche eine Platzwunde, eine Geldkassette wurde gestohlen, der Außenspiegel eines Autos zerstört – das sind nur drei Beispiele. Die Behörde will die Vorfälle aufklären.

21.12.2018