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Aus der Stadt Anlieger protestieren gegen Hochbahnsteige
Hannover Aus der Stadt Anlieger protestieren gegen Hochbahnsteige
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00:15 27.08.2018
Pino Rinaldo vom Kaufhaus Feinbein macht deutlich, was er von den Hochbahnsteigen hält. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Die Botschaft ist eindeutig: „Keine Hochbahnsteige hier“ – mit Tape in Signalfarben hat Pino Rinaldo die Buchstaben unübersehbar auf den Bürgersteig an der Limmerstraße geklebt. Ungefähr dort, wo jetzt die Lettern zu lesen sind, werde wohl die Rampe des Hochbahnsteigs beginnen, vermutet der Geschäftsmann. Direkt vor der Tür seines Kaufhauses Feinbein. „Das wird wie eine Blockade wirken“, sagt er. Doch Rinaldo glaubt nicht, dass er dann noch vor Ort ist. Denn erst mal kommt die Baustelle. Mindestens für zwei Jahre. „So lange werde ich nicht durchhalten“, sagt der 49-Jährige, der seit 23 Jahren den kultigen Laden mit Bekleidung, Accessoires und vielen anderen Kleinigkeiten betreibt. „Dann muss ich wohl dicht machen.“

Gleich drei Hochbahnsteige sind auf der Limmerstraße geplant, zwei davon im Bereich der Fußgängerzone, jeder von ihnen 45 Meter lang und vier Meter breit. Die politischen Beschlüsse sind bereits gefallen. Nun hat die zuständige Region Hannover einen ersten Zeitplan für die Bauarbeiten vorgestellt – und die Einzelhändler auf der Lindener Flaniermeile befürchten, dass gerade die kleinen, inhabergeführten Läden die Durststrecke während der Bauphase, die ab 2020 starten soll, nicht überstehen werden.

Jahrelange Debatte um die Bahnsteige

Bereits 2011 wurde die Diskussion um einen barrierefreien Ausbau der Linie 10 in Linden begonnen. Ein Runder Tisch mit Politik, Stadt, der Baugesellschaft Infra und anderen Beteiligten ergab, dass eine Niederflurbahn zu teuer sei – damit hätten Betonbarrieren in der Limmerstraße vermieden werden können. Ein zweiter Runder Tisch sollte die Standorte für die Hochbahnsteige klären. Es gab mehrere Varianten, doch letztlich entschied sich die Regionspolitik trotz aller Diskussionen für die bereits 2011 vorgelegten Standorte. Das Ampelbündnis im Rat der Stadt schloss sich dem Votum an. Der Bezirksrat Linden-Limmer fühlte sich übergangen: Er hatte eine Variante in Gespräch gebracht, die einen Hochbahnsteig nicht in Höhe der Offensteinstraße, sondern an der Einmündung der Limmerstraße in den Kötnerholzweg vorsah – wo keine Fußgängerzone verläuft und mehr Platz im Straßenraum ist. Doch der Vorschlag wurde von den Entscheidungsträger verworfen. Ebenso wie die Option, die Haltestelle am Küchengarten in die Kurve zur Spinnereistraße zu verlegen.

Im Zuge des sogenannten Planfeststellungsverfahrens für die Bahnsteige können Anlieger und Einzelhändler noch Einwände geltend machen und später auch Entschädigungsforderungen stellen. Doch eine grundsätzliche Änderung der beschlossenen Pläne ist nicht zu erwarten. jk

Für jeden der Bahnsteige, die in Höhe der Offensteinstraße, am Küchengarten und in der Nähe des Freizeitheims geplant sind, veranschlagt die zuständige Region Hannover zwei Jahre Bauzeit. Zwar bemühen sich die Planer, die drei Bauwerke möglichst parallel zu beginnen oder zumindest im Doppelpack in Angriff zu nehmen. Doch ob das funktioniert, weiß derzeit noch keiner. Im ungünstigsten Fall könnten sich die gesamten Bauarbeiten also bis zu sechs Jahre hinziehen. Bei der Region heißt es auf Anfrage, es müssten „noch viele weitere Planungen durchgeführt“ werden.

Aber auch auf das Ende der Bauarbeiten freut sich derzeit kaum jemand der Betroffenen. Denn dann stehen sie da, die massigen Stadtbahnstationen. „Der ganze schöne Charakter dieser Straße geht damit kaputt“, sagt Gabriele Reitze, die Feinbein vor gut drei Jahrzehnten gegründet und es dann an ihren Schwiegersohn abgegeben hat. Dass die Limmerstraße ihr Gesicht nachhaltig verändern wird, befürchten auch die Anwohner. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie hier künftig auch noch Busse durchfahren sollen. Und wie viel Platz haben überhaupt noch Radfahrer und Fußgänger?“, fragt Malena Böse. „Ich liebe diese lebendige Straße mit den vielen Lokalen und den schönen Bäumen – ich verstehe nicht, warum man nicht eine andere Lösung gefunden hat und auch hier unbedingt Hochbahnsteige bauen musste.“

Die Anwohner und Einzelhändler befürchten, dass die Flaniermeile ihr Gesicht verändert.

Francesco Privitera will zu dem Thema nur noch wenig sagen. „Ich bin bedient“, meint er und winkt ab. Seit 30 Jahren betreibt er auf der Limmerstraße das Bistro Bei Jacqueline, das den Vornamen seiner Frau trägt. Erst im vergangenen Jahr haben beide rund 100 000 Euro in ihr Lokal investiert, um den Familienbetrieb nach und nach an ihre Töchter abzugeben. Denn es gab die Option, den Küchengarten-Hochbahnsteig in die Kurve zur Spinnereistraße zu verlegen, und die Priviteras hatten darauf gehofft. Doch nun wird er in Höhe des Rewe-Markts stehen – und das kleine Bistro hat keine Terrasse mehr. „Wir könnten dann allenfalls noch ein paar Stühle vor die Tür stellen“, sagt Jacqueline Privitera. „Das würde nicht mehr funktionieren.“ Zurzeit bieten die Priviteras ihren Gästen 35 Außenplätze an, die von April bis Oktober stets gut belegt sind – allein im Innenraum ist zu wenig Platz, um den Betrieb wirtschaftlich zu führen. „Uns wird“, sagt die Seniorchefin, „die Existenzgrundlage entzogen, und das haben die Politiker einfach mal so entschieden.“

Auch ihre Schwägerin am anderen Ende der Limmerstraße fürchtet deutliche Umsatzeinbußen. Claudia Privitera hat vor einem Jahr das Lokal Notre Dame übernommen, seit Jahrzehnten eine Institution auf der Limmerstraße. Der in Höhe der Offensteinstraße zwischen Edeka und der Sparkasse geplante Hochbahnsteig wird ihre Außengastronomie deutlich schrumpfen lassen. „Ich weiß nicht, wie das hier enden wird“, sagt sie. Selbst wenn sie noch einige Tische und Stühle aufstellen könne, würden ihre Gäste direkt auf den Hochbahnsteig gucken, beklagt sie. „Und wie hier dann noch Eltern mit Kinderwagen, Leute mit Rollatoren oder Rollstuhlfahrer durchkommen sollen, weiß ich nicht.“

Die Gastronomin ist entschlossen, sich mit anderen Geschäftsleuten zu vernetzen. „Wir wollen beraten, was wir gemeinsam noch unternehmen können.“ Harm Baxmann vom Vorstand der Aktion Limmerstraße, in der sich 25 Gewerbetreibende zusammengeschlossen haben, bleibt Realist, auch wenn er die Standortwahl für die Bahnsteige kritisiert. „Die Entscheidungen sind gefallen, wir müssen uns damit arrangieren“, sagt er. Er und seine Vorstandskollegin Katrin Schmidt wollen sich dafür einsetzen, dass die Einzelhändler und Gastronomen Entschädigungen durch die Bauphase bei der Baugesellschaft Infra geltend machen können. Doch fest steht: Entschädigungen für die fertigen Hochbahnsteige wird es nicht geben.

Von Juliane Kaune

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