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Aus der Stadt Am Stehtisch bei Manne ist die Welt nicht so in Ordnung
Hannover Aus der Stadt Am Stehtisch bei Manne ist die Welt nicht so in Ordnung
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06:29 28.07.2018
Die Endstation im Blick. Manfred „Manne“Schütt betreibt seit mehr als drei Jahrzehnten den Kiosk an der Endhaltestelle in Stöcken. Quelle: Mario Moers
Hannover

  Er ist Kioskbesitzer, Eiermann und Kleingarten-Chef. Manfred Schütt ist ein echtes Original am nördlichen Ende der Linie 5. Wo die Stadtbahn endet, zwischen dem Werkstor von VW-Nutzfahrzeuge und der Endhaltestelle Stöcken steht das kleine, üstra-grüne Büdchen des Mannes, den seine Stammkunden kurz und kumpelig „Manne“ nennen. An seinem Stehtisch unter dem roten Langnese-Sonnenschirm laufen täglich zum Schichtwechsel tausende VW-Arbeiter vorbei. Bei Kaffee und Bierchen wird hier besprochen, was den Menschen am Ende der Linie 5 wichtig ist.

„Zurück in die Armut“

„Wir kommen wieder dahin, wo wir nach dem Krieg waren. Zurück in die Armut, wo der Lohn nicht fürs Leben reicht.“ Es ist kurz nach halb zwölf an einem Mittwochvormittag, als Manfred Schütt Bilanz zieht. Bevor in zwei Stunden, um kurz vor 14 Uhr, die Mitarbeiter der Spätschicht aus den Stadtbahnen strömen und er keine Zeit mehr hat, füllt er in der Mittagspause die Bestände auf. Die Prognose des Kioskbesitzers für die deutsche Wirtschaft, für VW-Nutzfahrzeuge (VWN) und die Gesellschaft allgemein sieht nicht rosig aus. Auf einem kleinen gelben Notizzettel hinter dem Bedientresen hat Schütt es schwarz-auf gelb notiert. Regelmäßig schreibt er sich dort aktuelle Finanzwerte auf, etwa den Hypothekenzins. „Hier, ich kann es dir zeigen“, verweist er auf schlechte Entwicklungen. Als Beweisstück Nummer zwei zieht er einen grauen Ordner mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln aus dem Regal. „Jobabbau bei Volkswagen“ oder „Weniger Zulassungen im ersten Quartal“, ist dort zu lesen. Schlagzeilen, die so gar nicht zu den euphorischen Meldungen vom anhaltenden Konjunkturhoch passen wollen. Zu den einfachen Arbeiterblocks rund um Mannes Kiosk und dem leerstehenden, etwas heruntergekommenen ehemaligen Üstra-Leitstand gegenüber passen diese Nachrichten schon besser. Die Endstation Stöcken ist nicht unbedingt ein Ort des Aufbruchs und der Zuversicht.

„Die Leute sagen heute, Manne, du bist ein Pessimist geworden“, sagt Schütt, während er angestrengt die Herrenhäuser-Kisten aus seinem Auto in das Lager räumt, die Kaffeemaschine anwirft und eine 0,5 Liter Flasche aus dem Kühlschrank auf die Bank neben dem Büdchen stellt. Manne kennt die Gewohnheiten seiner Stammkunden. Wenn einer regelmäßig zu einer bestimmten Zeit kommt, steht das Bier schon bei der Ankunft bereit.

„Auch in der Luftfahrtindustrie bekommt man die Schwierigkeiten und den Wandel der Wirtschaft zu spüren. Sowas verbindet uns hier“, sagt Thomas Z. Der Flughafenmitarbeiter ist einer von vielen, die regelmäßig auf dem Weg in den Feierabend bei Manne halt machen. Der Zwischenstopp in der Zwischenwelt, zwischen Autobahn, Werkstor und (teilweise sanierter) Arbeitersiedlung ist für ihn mehr als eine Trinkpause. „Manfred weiß über vieles Bescheid, er liest alle Zeitungen und kriegt viel mit, auch von den Entscheidern“, sagt er. Auch Betriebsräte würden schließlich zu den Stammgästen zählen.

Bonanzarad und Wirtschaftskrise

Axel Reimann, der sich gerade am Stehtisch ein Feierabendpils aufmacht, sieht sich selber als „kleiner Wurm“ im VW-Werk. Als Angestellter einer Emder Firma ist er dort für deutlich geringeren Lohn als die „echten“ VWN-Mitarbeiter im Einsatz. In den Werksferien, wenn kaum jemand der Stammbelegschaft im Werk ist, erledigen die Externen Aufgaben die übrig geblieben sind. „Moderne Sklavenarbeit. Aber wenigstens sind wir eine coole Truppe“, sagt Reimann zynisch und nimmt einen Schluck. Während Manne vorne am Fenster Stammkundin Elisabeth Wannagat eine „Neue Post“ verkauft, erzählt Z. von Opa im U-Bootkrieg, früh-jugendlichen Ausflügen auf dem Bonanzarad und einem Selfie mit Frank Hanebuth. Das sind Momente, in denen Mannes Kiosk an die Eppendorfer Grillstation erinnert, den fiktiven Imbiss, in dem Comedian Olli Dietrich als „Dittsche“ die Schnack-Kultur der Trinkhallen, Büdchen und Imbissbuden aufs Korn nimmt. Wie in der mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Serie vermengen sich an Mannes Stehtisch Banalitäten, vielleicht sogar Ausgedachtes, mit echten Sorgen und Nöten. „Man ist machtlos, kann nicht gegen ankämpfen,“ konstatiert der Kioskmann mit Blick auf jüngste Krisen und den eigenen Umsatz. „Als 2008-2011 bei VWN Kurzarbeit war, wegen der Wirtschaftskrise, da war hier plötzlich nichts mehr los“, sagt er. Obwohl sich die Situation wieder verbessert hat, sei die Perspektive für einen klassischen Kiosk wie seinen nicht gut. Ein Grund dafür spaziert in einigen Metern Entfernung in Arbeitskleidung vorbei, ohne den Kiosk zu beachten.

Eine sterbende Kultur?

„Die neue Generation kommt nicht mehr. Die gucken nur auf ihr Smartphone und gehen direkt nach Hause“, sagt Schütt. Er meint vor allem den VW-Nachwuchs mit Migrationshintergrund, dem die hergebrachte Kioskkultur mitunter fremd ist. „Die Welt die ich kannte, existiert nicht mehr“, konstatiert Schütt, der in seiner Freizeit erster Vorsitzender der Kleingartenkolonie „Eintracht“ in Badenstedt ist. Zigaretten hat er inzwischen aus dem Programm genommen. Lohnt nicht mehr im Anti-Rauch-Zeitalter. Dafür verkauft er Eier, frisch vom Bauern. „Manne der Eiermann, das wäre doch auch´n Name“, scherzt sein Kumpel Thomas. Es wäre nicht der erste Spitzname. Früher, in einer Zeit vor dem Kiosk, nannten Kollegen bei der Üstra den ehemaligen Bauabteilungsleiter Schütt „Manne den Eisenwieger“, nach seinem Job in der Materialausgabe. Auch wenn Schütt alten Zeiten etwas nachtrauert, bleibt er doch grundsätzlich ein positiver Typ. Sich nicht unterkriegen lassen, dass gehört hier oben am Ende der Linie-5 auch dazu. „Viele sagen, Manne mach doch mal Urlaub. Aber es gibt eben Leute, die werden gebraucht“, sagt der 59-Jährige energisch. Taxifahrer Ugur Tavanci kommt lächelnd auf ihn zu. „Wenn Manne hier weg wär, dann ist hier Sense“, sagt er und gibt seinem Kioskmann die Hand. Bei der Begrüßung halten beide ihre Köpfe aneinander. „Das ist diese Ortsverbundenheit hier oben, die auch Zusammenhalt schafft“, bemerkt Stammgast Z. treffend.

Von Mario Moers

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