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Aus der Stadt Lüttje Lage am Montag: Eine Ode an Matthias Claudius
Hannover Aus der Stadt Lüttje Lage am Montag: Eine Ode an Matthias Claudius
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12:04 24.07.2018
Volker Wiedersheim Quelle: HAZ
Hannover

Wer hat schon intime Detailkenntnis über Leben und literarisches Gesamtwerk von Matthias Claudius? Außer ein paar Profis vermutlich nur Hobby-Germanistik-Ultras. Aber das „Abendlied“ kennt jeder: „Der Mond ist aufgegangen ...“. Auch weil das unbestritten ein Hit ist, lässt sich herrlich intellektualisieren, ob es nun ein schlaues Lied oder ein antiaufklärerischer, profaner Schlager seiner Zeit war. Johann Lavater, ein damals führender Schlaumeier, quasi der Markus Lanz des Jahres 1778, sagte über Claudius gönnerhaft: „Weder Schwachkopf noch Scharfkopf. Gesunder, schlichtguter Verstand. Kurz! Schlecht und recht!“

War der Schweizer Lavater vielleicht ein bisschen neidisch, weil er auch so dies und das geschrieben, aber nie einen Schlager gelandet hatte, während Claudius das Phänomen des One-Hit-Wonders begründete, das in direkter Linie bis zu Carl Douglas („Kung Fu Fighting“), Desireless („Voyage, Voyage“) und Las Ketchup („Aserejé/Ketchup-Song“) führt?

Oder steckt bei Claudius sogar mehr drin? Muss man nur noch mal tiefer in dessen Werk eintauchen, um doch noch weitere Perlen zu finden? Der Mann war zwar familiär eher auf Pastor gepolt, wurde aber Journalist und Redakteur des „Wandsbecker Bothen“. Goethe, Herder, Klopstock und Lessing lieferten ihm dort Skripte, die neben seinen Texten standen. Womöglich entdeckt man dort, dass Claudius am Ende doch mehr als einmal genial und in Wirklichkeit eine Helene Fischer seiner Zeit war. „Genie des Wahrheitssinnes! Genie des Herzens! Demut und unerkäufliche Ruhe und Festigkeit des Sinnes.“ Auch das hatte Lavater Claudius nachgesagt. Und das passt doch – wenigstens ein bisschen – auch auf die Fischer, so grübelte ich kürzlich.

Dieses Grübeln war, das sollte man dazusagen, am Dienstagabend. Die Welt war so stille, und in der Dämmrung Hülle, so traulich und so hold, wehten Zeilen der Fischer über die Dächer der Südstadt. Sie sang grad im Stadion. Dort war die laute Kammer, wo ihr des Tages Jammer vergeben und vergessen sollt. So oder so ähnlich ging das doch, nicht wahr?

Übrigens: Nach Claudius und Lavater sind in Wülfel Straßen benannt. Ist es nicht eine geradezu lyrische Parallele, dass sie Parallelstraßen sind? Die beiden sind ein Stück weit in gleicher Richtung unterwegs, aber sie werden nie zusammenfinden – Lavater ist eine Sackgasse.

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Von Volker Wiedersheim

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