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Aus der Stadt Messerangriff in Burgwedel: Brüder aus Syrien vor Gericht
Hannover Aus der Stadt Messerangriff in Burgwedel: Brüder aus Syrien vor Gericht
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18:21 21.08.2018
Das Opfer Vivien K. (am Dienstag im Gerichtssaal) wurde bei dem Messerangriff lebensgefährlich verletzt. Quelle: Zgoll/dpa/Montage
Hannover

Seit Dienstag müssen sich zwei junge Syrer vor dem Landgericht Hannover verantworten, weil sie am 24. März dieses Jahres die 24-jährige Vivien K. und ihren 25 Jahre alten Freund in Großburgwedel mit Fäusten und einem Messer attackiert haben sollen. Dabei wurde die Frau durch einen Messerstich in den Bauch lebensgefährlich verletzt. Abdullah A. (17) ist wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung angeklagt, sein 14-jähriger Bruder Mohamad A. wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung. Verteidigt werden die beiden von Anwälten aus Berlin und Bonn. Der auf drei Verhandlungstage angesetzte Prozess vor der 1. Großen Jugendkammer – den Vorsitz hat Richter Stefan Lücke – findet aufgrund des Alters der Angeklagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Die Öffentlichkeit ist in dem Jugendkammer-Prozess ausgeschlossen. Quelle: Michael Zgoll

Der 14-jährige, schlaksig wirkende Mohamad A. betrat den Schwurgerichtssaal durch die Haupteingangstür, sein älterer Bruder – der seit März in Untersuchungshaft sitzt – wurde aus dem Zellentrakt in den Saal gebracht. Als Nebenklägerin tritt Vivien K. auf, die von Anwalt Dimitrios Kotios vertreten wird. Vor der Verhandlung wirkte sie sehr verschlossen, ließ sich aber bereitwillig fotografieren. Als sie später im Gerichtssaal mit den Tätern konfrontiert wurde, wirkte sie sehr angegriffen und weinte viel. Bis heute leidet Vivien K. in erheblichem Maße unter der Tat, physisch wie psychisch. Die beiden Brüder räumten ein, dass es an jenem Märztag eine Konfrontation gegeben habe, ein eindeutiges Geständnis aber legten sie nicht ab.

Die brutale Attacke soll aus einer Kleinigkeit heraus entstanden sein. Zunächst hatten Mohamad A. und ein 13-jähriger Cousin gegen 19.20 Uhr in einem Edeka-Markt an der Großburgwedeler Dammstraße gerangelt. Dabei sollen sich aus Spaß getreten und dabei um ein Haar Vivien K. getroffen haben, die gerade mit ihrem Freund einkaufen war. Daraufhin soll die junge Frau, die selbst in einem Rewe-Supermarkt arbeitete, die Jungen aufgefordert haben, sich zu benehmen. Als diese sich uneinsichtig gezeigt haben sollen, soll der Freund von Vivien K. die beiden aufgefordert haben, Älteren gegenüber mehr Respekt zu zeigen. Das wiederum sollen diese zum Anlass genommen haben, den älteren Bruder von Mohamad zu holen; die syrische Familie wohnt nur knapp 200 Meter vom Supermarkt entfernt.

In der Dunkelheit sind demnach das Paar und die drei Jungen auf der Dammstraße nahe dem Supermarkt gegen 20 Uhr aufeinander getroffen. Nach verbalen Scharmützeln und Schubsern, die von den Syrern ausgegangen sein sollen, soll der 25-Jährige mit Fausthieben traktiert worden sein. Er soll sich mit Schlägen gewehrt haben. Dann soll ihn – so die Aussage des Paars bei der Polizei – Mohamad A. festgehalten haben, während sein älterer Bruder ein Klappmesser gezogen haben soll. Vivien K. soll noch gerufen haben: „Pack das Scheißding weg“, als sie versuchte, ihren Freund von dem 14-jährigen wegzuziehen.

In diesem Moment soll Abdullah A. zugestochen und die Frau getroffen haben; ihr Freund konnte demnach einem weiteren Stich ausweichen. Weil die 24-Jährige zunächst stehenblieb, soll ihr Begleiter die Situation falsch eingeschätzt haben und versucht haben, die drei flüchtenden Täter zu verfolgen. Kurz darauf brach die Frau ohnmächtig zusammen. Der Messerstich hatte Leber, Magen, Niere, Darm und Bauchspeicheldrüse verletzt; tagelang kämpften Ärzte um das Leben des Opfers.

Der 13-jährige Cousin sitzt nicht auf der Anklagebank, er ist noch strafunmündig. Die beiden Brüder waren 2013 als syrische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland gekommen, ihre Aufenthaltserlaubnis ist bis Mai 2020 befristet. Abdullah A. soll als Achtklässler an einem Gymnasium gescheitert sein, absolvierte seit Sommer 2017 ein Berufsvorbereitungsjahr an der Berufsschule Burgdorf. Im Zuge einer früheren Aussage soll der 17-Jährige gesagt haben, die Frau sei in sein Messer „hineingeschubst“ worden. Auch habe er erklärt, dass man Ehrverletzungen von Familienmitgliedern ahnden müsse – und dabei sei der Griff zur Waffe durchaus erlaubt. Wahrscheinlich war Abdullah A. seinem Opfer früher sogar schon begegnet: Er arbeitete im Frühjahr 2016 für knapp zwei Wochen als Praktikant in dem Rewe-Markt, in dem auch Vivien K. tätig war.

Die Tat hatte in der Bevölkerung großes Entsetzen ausgelöst. In Burgwedel waren besonders viele Anwohner fassungslos, gibt es hier doch einige erfolgreiche Integrationsprojekte und – im Regelfall – ein gutes Auskommen mit Flüchtlingen.

Von Michael Zgoll

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