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Aus der Stadt Aggressiver 28-Jähriger angeklagt
Hannover Aus der Stadt Aggressiver 28-Jähriger angeklagt
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00:19 01.10.2018
Die Polizei musste am Spierenweg handgreiflich werden, um sich den Weg in die Wohnung des gekündigten Mieters zu bahnen. Quelle: Christan Elsner
Hannover

So ganz glücklich dürften die 20 linken Aktivisten, die vor wenigen Tagen die Zwangsräumung einer Wohnung in Vinnhorst verhindern wollten, nicht gewesen sein über ihren lautstarken Protest. Denn beim Amtsgericht Hannover ist jetzt eine Anklage gegen den 28-jährigen Mieter, dem sie Rückendeckung gaben, wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen eingegangen. Der Mann aus Bosnien-Herzegowina, der in einer Drei-Zimmer-Wohnung im Spierenweg lebte, soll laut Beobachtungen von Zeuginnen an einem Maiwochenende 2018 mehrmals laut und vernehmlich „Heil Hitler“ gerufen haben – beim Ballspielen mit seiner neunjährigen Tochter in einem Hinterhof. Außerdem habe er, so die Staatsanwaltschaft, den Hitlergruß gezeigt.

„Soziale Verdrängung stoppen“ stand in Vinnhorst auf dem Transparent – doch das war hier nicht das Thema. Quelle: Christan Elsner

An jenem Sonnabend bereiteten die Mitarbeiter des benachbarten Carrés Spierenweg einen Grillnachmittag vor. Die Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) bietet betreutes Wohnen für alleinerziehende Mütter und Väter sowie ihre Kinder an. Aufgrund des lautstarken Gröhlens des Nachbarn sorgten sich die Verantwortlichen um das Wohl ihrer Schutzbefohlenen – zumal der 28-Jährige nicht zum ersten Mal unangenehm in Erscheinung trat. Immer wieder hatte der Mann, der sieben Jahre in Vinnhorst wohnte, Bewohner der Siedlung oder AWO-Mitarbeiter beschimpft, gerne auch als Nazis, die ihn als Ausländer auf dem Kieker hätten und schikanieren würden. Bei der nahe gelegenen Polizeistation gingen häufig Beschwerden über den arbeitslosen Vater ein, doch auch er selbst tauchte dort auf und wollte Anzeigen gegen Nachbarn erstatten – beispielsweise wegen „Völkermords“. Der Krakeeler soll gelegentlich einen verwirrten Eindruck gemacht haben, oft aber auch sehr aggressiv aufgetreten sein.

Das Wohnungsunternehmen Hanova hatte dem Mann die Wohnung im Vorjahr gekündigt. Zunächst ging es um ausbleibende Mietzahlungen – die später beglichen wurden –, dann um eine nachhaltige Störung des Hausfriedens aufgrund von Beleidigungen, Bedrohungen und Beschimpfungen von Nachbarn. Seine fristlose Kündigung war vom Amtsgericht bestätigt worden, vergangene Woche rückten erst die Gerichtsvollzieherin und dann die Polizei zur Räumung der Wohnung an. Auf der Außentreppe hatten sich rund 20 Widerständler niedergelassen, darunter Mitglieder des „Kiezkollektivs Hannover“ aus Linden-Nord. Auf Transparenten war zu lesen „ Wohnraum ist keine Ware“ oder „Zwangsräumungen verhindern! Soziale Verdrängung stoppen!“ Doch mit Gentrifizierung und Vernichtung preiswerten Wohnraums durch Spekulanten und profithungrige Kapitalgesellschaften hatte diese Zwangsräumung nun gar nichts zu tun.

Bei der Räumung der zur Wohnung führenden Treppe mussten die Beamten einige Kraft aufwenden. Quelle: Foto:Christian Elsner

Den linken Aktivisten, so berichtete die Tageszeitung „taz“, habe bei ihrer Protestaktion wohl auch irgendwann gedämmert, dass sie sich möglicherweise an der falschen Stelle verkämpfen. Vielleicht, so habe eine junge Frau geäußert, solle man sich ja doch eher mit den Frauen der benachbarten AWO-Einrichtung solidarisieren. Doch letztlich blieben die Widerständler auf der Treppe hocken und mussten ebenso wie der renitente Mieter vom Grundstück getragen werden. Dort wartete noch eine unangenehme Überraschung auf die Polizei: Die Kurzzeit-Besetzer hatten die Haustür von innen mit Balken verbarrikadiert, so dass Beamte durch ein Fenster in die Wohnung eindringen und die Sperren beseitigen mussten.

Auf seiner eigenen Homepage brüstet sich das Kiezkollektiv als „solidarisches Mieter*innen-Netzwerk“ damit, dass sich seine Mitglieder wegen Protestaktionen gegen Zwangsräumungen schon „viele“ Gerichtsverfahren eingehandelt hätten. Einige davon seien – meist gegen Geldbußen – eingestellt worden. Das Amtsgericht kann zur Zahl der Verfahren nichts sagen, da die Justiz dazu keine Statistik führt. In Vinnhorst jedenfalls dürften die Aktivisten in nächster Zeit erst einmal kein neues Betätigungsfeld finden; die spannenderen Fragen aber sind, ob der 28-jährige Vater in einer anderen Unterkunft zur Ruhe kommen wird und ob es angebracht ist, die neunjährige Tochter weiter in seiner Obhut zu lassen.

Von Michael Zgoll

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