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Aus der Stadt Mulmiges Gefühl durch den Wolf
Hannover Aus der Stadt Mulmiges Gefühl durch den Wolf
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00:15 12.02.2019
Aus Angst vor dem Wolf reitet Vera Briem nicht mehr durch den Wald. Quelle: Samantha Franson
Neustadt-Nöpke

Angeblich sollen Wölfe scheu sein, erzählt Norbert Schiller. Angeblich. Und verlassen will er sich schon gar nicht auf eine solche Behauptung. Schließlich sage man das auch von anderen Wildtieren, wie von zum Beispiel von Wildschweinen, berichtet der stellvertretende Ortsbürgermeister von Nöpke, einem Dorf mit rund 600 Einwohnern nördlich von Neustadt. Aber die seien ja inzwischen auch sogar in Großstädten unterwegs.

In Nöpke wächst nach dem Riss eines Fohlens die Sorge

Fohlen vom Wolf gerissen

In Nöpke hatten am vergangenen Dienstag Mitarbeiter des Islandpferde-Gestüts Hrafnsholt eine grausame Entdeckung gemacht. Bei einem Kontrollgang fanden sie auf einer Weide ein Jungtier auf einer Weide, komplett ausgeweidet. Experten sind sich sicher, dass dafür das Rodewalder Wolfsrudel verantwortlich ist. Das Rudel das nach einem Landstrich im Landkreis Nienburg benannt ist, hatte ein der Vergangenheit bereits mehrere Schafe und Rinder in der Umgebung gerissen.

„Mensch und Wolf vertragen sich nicht“

„Mensch und Wolf auf engem Lebensraum, das verträgt sich nicht“, sagt der 66-Jährige Schiller. In der dicht besiedelten Gegend habe der Wolf gar kein vernünftiges Revier. „Da bleibt es doch gar nicht aus, dass das Wolfsrudel an Nutztiere rangeht“, meint der im Dorf gut vernetzte Kommunalpolitiker.

Ein mulmiges Gefühl beim Reiten

Auf dem Nöpker Islandpferdehof gibt es an diesem Sonnabend kaum ein anderes Gesprächsthema als die Angst vor dem Wolf. „Wenn ich hier unterwegs bin, habe ich jetzt immer ein mulmiges Gefühl“, berichtet Angela Hillebrandt, die gerade von einem Ausritt mit zwei Freunden zurückgekommen ist. Es ist nicht mehr so wie früher, erzählt sie. Beispielsweise nimmt sie ihren Hund nicht mehr mit. „Ich habe einfach Angst um ihn.“ Und in den Wald reitet sie schon gar nicht mehr. Erst recht, seitdem vor ein paar Tagen eine junge Reiterin aus dem Nachbardorf im Wald drei Wölfe in nur fünf Meter Entfernung gesehen hat. „Wenn man unterwegs ist, scannt man die ganze Zeit die Landschaft, ob man etwas Auffälliges sieht“, berichtet sie.

„Der Würger vom Lichtenmoor“

Die älteren Bewohner von Nöpke erzählen heute noch gern die Geschichte vom „Würger vom Lichtenmoor“. Der Wolfsrüde hatte vor über sieben Jahrzehnten Angst und Schrecken in der Region verbreitet. Und so mancher Nöpker vergleicht den Würger mit dem Leitwolf des Rodewalder Rüden.

Der „Würger vom Lichtenmoor“ soll 1947/48 innerhalb weniger Monate bis zu 200 Rinder und Schafe gerissen haben. Im August 1948 wurde er von einem Jäger zur Strecke gebracht. Ein Gedenkstein in der Schotenheide bei Rodewald erinnert an Tier und Jäger. Es gilt als wahrscheinlich, dass ein teil der angeblich vom Wolf gerissenen Nutztiere vor Ort illegal geschlachtet wurden. Als sich nach der Währungsreform im Juni 1948 die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung besserte, sank auch die Zahl der Wolfsrisse.

Der präparierte Kopf des legendären Wolfsrüden ist im Heimatmuseum Rodewald zu sehen. Das Museum öffnet nach einer Winterpause erst wieder im Mai. Allerdings ist das präparierte Haupt des „Würgers“ kein reines Original. Der Präparator hat seinerzeit die mächtigen Fangzäne des Tieres mittels Gipseintrag noch stärker ausgeprägt. Auch die Zunge erhielt eine Zusatzgabe roter Farbe, um den Wolf noch gefährlicher aussehen zu lassen.

Pferde riechen den Wolf

Und die Reiter überlegen sich, wie sich verhalten sollen, wenn sie doch auf einen Wolf oder sogar ein ganzes Rudel treffen. „Wahrscheinlich hat man in den meisten Fällen keine Chance, selbst zu reagieren, sagt Hillebrandt. „Die Pferde riechen den Wolf früher, als man ihn sieht. Und die Pferde werden dann irgendetwas machen.“

Hin und Her mit der Abschussgenehmigung

In der Runde Reiter gibt es aber dennoch Zweifel, ob der von Landesumweltminister Olaf Lies zunächst freigegebene und dann wieder zurückgezogene Abschuss des Leitwolfes des Rodewalder Rudels der richtige Weg ist. „Wölfe lernen schnell“, sagt Hillebrandt. Sollte es irgendwann zum Abschuss kommen, werde sicher ein anderer Wolf die Führung der Herde übernehmen. Vor wenigen Tagen hatte Lies den Abschuss des Leitwolfs mit der Codenummer GW717M genehmigt, ihm am Freitagabend dann noch eine Gnadenfrist eingeräumt. Jetzt soll das Verwaltungsgericht über den Abschuss entscheiden.

„Die Freiheit, die wir hatten, haben wir nicht mehr“

Die Sorgen und das mulmige Gefühl werden in jedem Fall bleiben, ist man sich im Gestüt sicher. Eine andere Halterin von Islandpferden hat bereits sieben wertvolle Fohlen zu Freunden nach Dänemark gebracht, erzählt man sich. Dort seien sie vor Wölfen sicher, weil es keine gibt. Gestütsmitarbeiterin Vera Briem hat ihren beiden Kindern, acht und zehn Jahre alt, verboten, den Hof zu verlassen. Dabei seien sie so gern im nahen Wald unterwegs gewesen, um dort Buden zu bauen. „Aber die Freiheit, die wir hatten, die haben wir nicht mehr“, sagt sie.

Und die Bedenken der 42-jährigen Mutter gehen schon Morgens los: Denn ihre beiden Kinder müssen vom abgelegenen Hof über Feldwege mit den Fahrrad zur Haltestelle für den Schulbus fahren. „Da mache ich mir schon Gedanken.“

Können die Fohlen auf der Weide geboren werden?

Es sei gut, dass der Wolf da sei, sagt Briem, obwohl sie jetzt nicht mehr im Wald reite. Aber wenn es einen verhaltensauffälligen Wolf gebe, müsse man genau überlegen, was zu tun sei. Auch im Gestüt gebe es viele Überlegungen im Zusammenhang mit dem Wolf. Dabei geht es derzeit vor allem ums Frühjahr. Denn dann werden die Fohlen der Islandpferde geboren. „Und wir wollen das eigentlich so naturnah wie möglich machen, nämlich immer draußen“, berichtet Briem. Wie das in diesen Jahr mit dem nahen Wolfsrudel werden soll, weiß sie noch nicht.

Hier lesen Sie mehr: Das Hin und Her um den Abschuss

Von Mathias Klein

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