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Aus der Stadt Ein guter Ort zum Sterben
Hannover Aus der Stadt Ein guter Ort zum Sterben
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00:33 06.01.2019
Brigitte Finck im Krankenbett und Hospiz-Leiterin Gabriele Kahl Quelle: Hans-Peter Wiechers
Hannover

Eigentlich wollte Brigitte Finck an diesem Tag kurz vor Weihnachten sterben. Es gab gewichtige Gründe. Erstens war es der Todestag ihres Mannes und der Gedanke, sich am gleichen Tag von dieser Welt zu verabschieden wie er – nur ein paar Jahre später – , hat ihr gefallen. Zweitens wusste sie, dass der Krebs ihr nur noch wenig Zeit ließ. Doch dann erreichte sie die Nachricht, dass ihr Sohn an einem Aneurysma schwer erkrankt war und operiert werden musste. Also hat sie beschlossen, ihren Todestag zu verschieben, bis klar ist, dass ihr Sohn wieder gesund wird. Brigitte Finck schmunzelt, wenn sie diese Geschichte erzählt. Sie sitzt aufrecht in ihrem Bett, ein dickes Kissen im Rücken. Der Regen trübt den Blick durch die Terrassentür. Vor fünf Wochen hat die 74-Jährige eins der acht Zimmer im Diakovere Uhlhorn Hospiz bezogen. Es ist ihr letztes Zuhause. Ein Zuhause, in dem sie sich geborgen fühlt.

„Wir sind kein Sterbehaus“, sagt Hospiz-Leiterin Gabriele Kahl, „sondern ein Haus der letzten Tage.“ Niemand könne vorhersagen, wie lang diese Lebensspanne sei, ob Wochen, Tage oder nur noch Stunden. „Jeder hat in dieser Lebensspanne ein Anrecht auf Respekt und Würde“, sagt der Onkologe und Palliativmediziner Markus Sosada. Er ist ärztlicher Leiter der Palliativstation am Siloah-Krankenhaus, jener Station, auf der Krebskranke wie Brigitte Finck häufig versorgt werden, bevor sie ins Hospiz umziehen. „Beide Orte verbindet der gleiche Spirit, eine gemeinsame Haltung“, versichert Sosada. „Wir sind keine Sterbestation. Die Palli lebt.“

Die erste Palliativstation in Hannover

Dies spürt, wer Markus Sosada in der Klinik besucht. Mit acht Betten ist seine Station überschaubar. Ein „Wohnzimmer“, ausgestattet mit Ledersofa, Klavier, Aquarium und großem TV-Bildschirm an der Wand, gehört ebenso dazu wie ein Entspannungsraum, in dem Patienten unterstützt von Lichteffekten, Düften und Musik innere Ruhe finden. Wenn ein Patient stirbt, brennt eine Kerze im Wohnzimmer.

In der Küche hat Schwester Eva an diesem Tag frischgebackenen Kuchen im Angebot. Sie kennt die Station seit den Gründungstagen vor 15 Jahren. Das Siloah war das erste Haus in Hannover, das der jungen Disziplin eine Chance gab; 2004 folgte das Friederikenstift mit der ersten Palliativeinheit. Seit fünf Jahren ist Schwester Eva in Rente, aber da sie weiß, wie wichtig die Hilfe Ehrenamtlicher auf der Station ist, kommt sie einmal in der Woche vorbei. Zudem hat sie in all den Jahren diese zugewandte Art von Ärzten, Schwestern und Therapeuten schätzen gelernt. „Wir berühren den Patienten, wir hören zu, was ansonsten im Krankenhaus nicht mehr geschieht“, sagt sie. „Sie finden kaum noch Doktoren, die den Patienten anfassen und Zeit für ihn haben.“ Eine Spritze und weg. Ist es nicht belastend, unheilbar Kranke zu pflegen? „Der Tod gehört zum Leben“, sagt Schwester Eva. „Ich möchte, dass jeder schmerzfrei geht; ohne Falte auf der Stirn und nicht im Abstellraum der Klinik.“

Eine Therapie für gutes Sterben

Theresa Herbst (Name geändert) ist noch heute voller Lob, wenn sie über die zweieinhalb Wochen redet, die ihr Mann auf der Station verbrachte. Mit Mitte 50 war er an einem bösartigen Gehirntumor, einem Glioblastom, erkrankt. Operation und Chemotherapie lagen hinter ihm; eine Aussicht auf Heilung gab es nicht. Doch wie offenbart man dem geliebten Mann die schlechte Prognose, die ihm der kurz angebundene Arzt nur verklausuliert mitteilt. Und wie soll es nun weitergehen? Die nächste Chemotherapie? Theresa Herbst, gelernte Krankenschwester, und ihr Mann entschieden sich für die Palliativstation im Siloah. Ärzte wie Markus Sosada nennen dies Therapiezieländerung, nicht Therapieabbruch. Denn die Palliativmedizin ist keineswegs untätig – sie lindert unerträgliche Schmerzen mit Morphium; sie bekämpft mit Beruhigungsmitteln Unruhe, Krampfanfälle und Ängste. Es geht um eine Therapie für gutes Sterben, vor der viele Ärzte noch heute aus Unkenntnis oder aus Angst vor juristischen Folgen zurückschrecken.

Die Palliativstation im Siloah

Es ist ein Ort der Trauer und Verzweiflung und doch bietet er so vielen Menschen Geborgenheit – das Hospiz.

Aber es war nicht nur Theresas Mann, dem geholfen wurde. Endlich konnte sie selbst mit einem Arzt und den Schwestern offen über ihre Ängste reden, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. „Es gibt ja auch die Wut über die Krankheit und Probleme im Zusammenleben.“ Am Ende fühlte sie sich nicht nur gestärkt für den häuslichen Alltag mit ihrem sterbenskranken Mann, sondern hatte auch nach intensiver Beratung einen Plan für die Organisation der Pflege – neben ihrer Berufstätigkeit, die sie aus finanziellen Gründen nicht aufgeben konnte. Ein knappes halbes Jahr lang pflegte sie ihn zuhause, bevor er schließlich ins Hospiz zog.

Er wäre gern zuhause gestorben; so wie es sich die meisten Menschen wünschen. Doch noch immer sterben 51 Prozent der Menschen im Krankenhaus. Nur gerade einmal vier Prozent verbringen ihre letzten Tage in einem Hospiz. Ein Grund ist die enorme Belastung, die es bedeutet, Schwerstkranke zuhause zu versorgen. Trotz Unterstützung spezieller Ambulanter Palliativteams. Die Zahl der Patienten steigt. Dank des medizinischen Fortschritts leben unheilbar Kranke heute länger, aber sind häufig auf Intensivpflege und Medikamente wie Opiate angewiesen.

Ein neues Hospiz eröffnet

Hospiz-Leiterin Gabriele Kahl und Anke Reichwald, Geschäftsführerin beim Diakonie-Unternehmen Diakovere, haben lange nach einer Lösung gesucht, um die Überforderung Pflegender zu minimieren. Ende nächsten Jahres soll nun in direkter Nachbarschaft des Hospiz ein Tages-Hospiz mit großem Aufenthaltsraum und sechs Ruhezimmer eröffnen, in dem Schwerstkranke tagsüber versorgt werden, bevor sie abends wieder nach Hause zurückkehren. Der Bauantrag ist raus. Drei Millionen Euro wird das Projekt kosten, das eine Lücke im dichten Palliativ-Versorgungsnetz in Hannover schließen soll. „Es geht um Hilfe für jene, die die Palliativstation verlassen haben, aber noch nicht ins Hospiz gehören“, sagt Gabriele Kahl.

Das dichte Netz ist Ergebnis einer Erfolgsgeschichte. Seit 2003 tagt regelmäßig ein „Runder Tisch“ in Hannover, an dem sich alle Akteure aus der Region austauschen. „Trotz der unterschiedlichen Träger sind wir keine Konkurrenten, sondern Partner“, sagt der Arzt Markus Sosada. Gemeinsam wird im Einzelfall auch schon mal durch Rundruf nach dem passenden Platz für einen Patienten gesucht; es gibt keine Wartelisten, sondern Anfragelisten.

Das Sterben muss noch etwas warten

Jüngster Spross unter den Hilfsangeboten ist der Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bunds. Brigitte Finck hat ihn bereits kennen und schätzen gelernt. An Bord des speziell ausgestatteten Rettungswagens hat sie kürzlich ihren Sohn im Krankenhaus besucht, wenige Tage vor seiner Operation. Nun hofft sie, die Fahrt wiederholen zu können, wenn er in der Reha ist. Das Sterben muss also noch warten. Aber sie hat für den Tag vorgesorgt. Auf ihrem Nachtisch steht schon eine gelbe Spendendose bereit. Statt Blumen wünscht sie sich von den Trauernden Spenden fürs Uhlhorn Hospiz.

Von Gabi Stief

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