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Aus der Stadt Hitzewelle macht Senioren zu schaffen
Hannover Aus der Stadt Hitzewelle macht Senioren zu schaffen
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19:24 26.07.2018
Christa Bode (Mitte) und Ruth Heinrichs bekommen im Alten- und Pflegeheim St. Aegidien farbenfrohe Kaltschale serviert, damit sie bei der Hitze ausreichend trinken. Quelle: Villegas
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Hannover

Die Getränke, vor denen die Senioren auf der Terrasse sitzen, leuchten kräftig rot oder knallgelb. Denn die ungewöhnliche Hitzeperiode erfordert besondere Maßnahmen. Der Koch des Alten- und Pflegeheim St. Aegidien produziert aktuell etliche Liter Eistee und Fruchtkaltschale am Tag, damit das Trinken den betagten Bewohnern Spaß macht. Denn das Sommerwetter verschärft die gesundheitliche Belastung der Senioren. Viele tun sich schon zu normalen Zeiten schwer damit, ausreichend zu trinken. Jetzt sollen sie auch noch der Flüssigkeitsverlust durch die Hitze ausgleichen.

„Ich bin sonst kein großer Trinker. Durst habe ich nicht oft“, erzählt die 88-jährige Christa Bode. In der fröhlich plaudernden Runde auf der Terrasse lässt sie sich jedoch gerne nachschenken. „Hier geht Wind, und das ist ganz angenehm“, meint die 87-jährige Jutta Müller. Die Küchencrew stellt bei Sommerwetter in den Wohngruppen häufig auch Wassermelonen bereit. „Viele Bewohner essen sie sehr gern und merken gar nicht, dass sie dabei viel Flüssigkeit zu sich nehmen“, erklärt Pflegedienstleiterin Linda Müller.

98 Senioren im Alter von 63 bis 99 Jahren leben aktuell in dem Pflegeheim in Anderten. Viele sind gesundheitlich geschwächt, die Hitze erschöpft sie besonders. „Gerade demente Senioren denken selbst nicht mehr ans Trinken. Und oft lehnen sie es rundweg ab“, berichtet die Pflegedienstleiterin. Schon zu normalen Zeiten sei es eine große Herausforderung für die Pflegekräfte, sie dazu zu bewegen. Es erfordere viel Zeit und Geduld, erzählt Müller. „Und wenn sie nicht wollen, wollen sie nicht.“ Auch unter anderen Bewohnern gibt es Vorbehalte gegen die Flüssigkeitsaufnahme. „Manche haben regelrecht Angst vor dem Trinken, weil sie dann häufiger auf Toilette gehen müssen und das beschwerlich ist.“

Margretluise Seyberlich gehört zu denen, die trotz Hitze nicht auf ihren täglichen Spaziergang verzichten wollen. Doch die 96-Jährige hat ihre Tagesroutine umgestellt. Statt den Rollator über die Spazierwege durch die angrenzenden Wiesen zu schieben, bleibt sie auf dem Gelände des Pflegeheims. „Die Wege draußen liegen voll in der Sonne. Und hier haben wir einen herrlichen Garten mit hohen Bäumen. Ich laufe einfach ein paar Mal rundherum, dann habe ich mein Pensum.“

Für die Spaziergänger haben die Pfleger diesen Sommer zusätzliche Tabletts mit Gläsern und Wasser an allen Sitzgelegenheiten im Haus bereitgestellt, damit sie zumindest nach der Rückkehr etwas trinken. „Das nehmen die Bewohner tatsächlich gut an“, berichtet Heimleiterin Rita Djazirian. Einige packen sich auch eine Flasche Wasser in den Rollatorkorb, damit sie unterwegs versorgt sind. Ansonsten versuchen die Pfleger, ausnahmsweise den Bewegungsdrang der Senioren zu bremsen. „Wir möchten vermitteln, dass es für Spaziergänge eigentlich zu warm ist“, erklärt Pflegedienstleiterin Linda Müller. Doch nicht jeder lässt sich abhalten. „Manche Bewohner gehen ihre Strecke sonst nach dem Mittagessen, wenn die Sonne hoch steht, und weichen jetzt zumindest auf den Vormittag aus.“

Im Gemeinschaftsraum stehen noch die Stühle im Kreis und scheinen zu warten. Doch der Sitztanz, den eine Mitarbeiterin sonst anbietet, fällt angesichts der Hitze aus.

Wie können ältere Menschen ihre Gesundheit bei Hitze schützen?

Martin Stolz, Ärztlicher Direktor der Altersmedizin am Klinikum Region Hannover, gibt Antworten.

Herr Stolz, warum ist eine Hitzewelle wie aktuell für Senioren besonders belastend?

Ältere Menschen ab 70, 80 Jahren sind gesundheitlich besonders verletzlich. Wie alle Erwachsenen müssten sie rund zwei Liter am Tag trinken und bei Hitze ein bis zwei Liter zusätzlich. Senioren haben aber weniger Durstgefühl. Gleichzeitig führt schon ein geringer Flüssigkeitsmangel bei ihnen schnell zu auch lebensbedrohlichen Schäden. Wir sehen in den Notaufnahmen deutlich mehr Senioren als üblich.

Mit welchen Beschwerden kommen die älteren Patienten?

Herz-Kreislauf-Probleme, Versagen von Organen, Dehydrierung. Wassermangel führt bei Senioren zu besonders niedrigem Blutdruck. Oft nehmen sie aber fünf und mehr Medikamente, besonders einige Blutdrucksenker entziehen dem Körper zusätzlich Wasser. Es kommt vermehrt zu nächtlichen Stürzen und Brüchen, weil Senioren jetzt besonders schlecht schlafen, Schlafmittel aber den Kreislauf belasten.

Was raten Sie?

Es lieber hinnehmen, dass man schlecht in den Schlaf findet. Abgesehen von Schlafmitteln sollte niemand seine Medikamente absetzen. Aber es ist wichtig, viel zu trinken. Es hilft, sich die Trinkmenge zu notieren oder eine ausreichende Anzahl an Wasserflaschen oder Teekannen hinzustellen. Ich empfehle leichte Mahlzeiten mit Obst und Gemüse, das den Verlust an Natrium und Kalium ausgleicht. Und, ganz wichtig: Bei Unwohlsein Hilfe holen, auch wenn Ältere das oft nicht so gerne machen.

Neugeborene in der Wohnung lassen

Damit Kinder die andauernde Hitze gut vertragen, raten Ärzte des Kinder- und Jugendkrankenhauses Auf der Bult zu Vorsichtsmaßnahmen. Ein Spaziergang mit Säugling sollte eher morgens oder abends gemacht werden, denn tagsüber ist die Sonne zu stark. „Neugeborene sollten bei diesem extremen Wetter die kühle Wohnung besser gar nicht verlassen“, rät der Chefarzt der Neugeborenenmedizin, Prof. Florian Guthmann. Er warnt vor Sonnenmilch und empfiehlt lichtundurchlässige Materialien, sollte das Baby doch ins Freie gebracht werden.

Kinder sollten mehr als sonst trinken und zwar Wasser oder ungesüßte Tees. Zuckerhaltige Getränke löschen den Durst kaum und sind gesundheitsschädlich. Wenn Kinder draußen spielen, brauchen sie regelmäßig und reichhaltig Sonnenschutzcreme mit hohem Lichtschutzfaktor. Grundsätzlich sollten sie sich zurzeit nicht länger als eine halbe Stunde am Stück in der prallen Sonne aufhalten und dabei eine Kopfbedeckung tragen.

Von Bärbel Hilbig

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