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Aus der Stadt So schwierig ist die Suche nach einem Pflegedienst in Hannover
Hannover Aus der Stadt So schwierig ist die Suche nach einem Pflegedienst in Hannover
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14:15 17.07.2018
Helga Günther (87) bekommt täglich Besuch von Mitarbeitern des Nordhannoverschen Pflegeservice. Dieses Mal schaut Pflegedienstleiter Yavuz Yasit vorbei. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Helga Günther hat lange gezögert. Sie soll einen Pflegedienst in Anspruch nehmen? Dabei hat die quirlige Seniorin ihr Leben lang anderen geholfen, hat als Engagierte bei den Naturfreunden mit ihrem Mann das städtische Ferienlager in Otterndorf mit aufgebaut und unzählige Kindergruppen dort betreut. „Meine Tochter hat auf dem Pflegedienst bestanden, weil ich tags oft allein zu Hause bin.“ Die Enkelin wohnt zum Glück mit Familie nebenan, doch Helga Günther braucht zusätzlich Unterstützung.

Nun hilft seit einem halben Jahr morgens ein Mitarbeiter des Nordhannoverschen Pflegeservice beim Aufstehen und gibt Helga Günther die richtigen Tabletten. 15 Minuten: Dafür reicht der Pflegegrad 2. Wenn es der Bothfelderin schlecht geht, bucht sie selbst noch Zeit dazu. Eine Pflegekraft macht dann auch das Frühstück. „Die sind immer pünktlich da und freundlich. Für mich ist das sehr wichtig.“ Denn manchmal kann die 87-Jährige auf einmal nicht mehr laufen und hat Angst, dass die Beine versagen. „Ich bin froh, wenn dann ein Pfleger da ist und mich zum Aufstehen auffordert.“

Andere Pflegebedürftige haben inzwischen Schwierigkeiten, überhaupt einen Pflegedienst zu finden. Eine Umfrage der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege ergab kürzlich, dass Betriebe – auch in Hannover – zunehmend Anfragen ablehnen und vereinzelt sogar bestehende Verträge kündigen, weil Mitarbeiter fehlen.

Kündigung bleibt die Ausnahme. Noch.

Die Kündigung von Pflegeverträgen ist noch eher die Ausnahme, auch beim Nordhannoverschen Pflegeservice in Langenhagen. Die Geschäftsführer und Gesellschafter Anja Sawukaitis und Stefan Walter haben sich zu dem Schritt entschlossen, als sie Misburg als Versorgungsgebiet wegen der langen Anfahrtswege aufgaben. Neue Verträge geht der Dienst allerdings nur ein, wenn die Kunden sich flexibel zeigen. „Zu bestimmten Tageszeiten können wir keine weiteren Patienten versorgen. Und das stößt auf Unverständnis“, berichtet Anja Sawukaitis, selbst ausgebildete Krankenschwester und diplomierte Lehrerin für Pflegeberufe.

Ihre Mitarbeiter kümmern sich um rund 150 Patienten täglich. Und die wollen fast alle an 365 Tagen im Jahr morgens zur gleichen Zeit aufstehen, mittags zwischen zwölf und ein Uhr essen und den Abendbesuch der Pfleger, falls nötig, auf 18 bis 20 Uhr legen. Für die ambulanten Pflegekräfte bedeutet das auch: Vollzeit-Verträge sind oft gar nicht möglich, der Arbeitgeber müsste dafür zu viele Zeiten ohne Beschäftigung bezahlen. „Gesellschaftspolitisch ist das nicht gerade ideal“, betont Stefan Walter. In Vollzeit arbeiten nur rund 15 der 54 Mitarbeiter. Zum Team gehören angelernte Pflegerhelfer, Boten und Hauswirtschaftskräfte. Ausgebildete Pflegefachkräfte sind 20 der Beschäftigten: Nur sie dürfen Medikamente verabreichen, den Blutzucker messen, Insulin spritzen oder Verbände anlegen. Zehn bis 15 neue Fachkräfte würden die beiden Inhaber sofort einstellen, weil sie passende Leute fänden.

Knochenjob mit hoher Belastung

Doch der Beruf ist anstrengend, auch das ein Grund, warum viele Pflegekräfte ihre Stunden reduzieren oder ganz aufhören. „Eine Vollzeitstelle in der Pflege ist ein echter Knochenjob. Die körperliche und psychische Belastung ist so hoch, dass die meisten das nicht auf Dauer leisten können“, berichtet Anja Sawukaitis. So leiste eine examinierte Pflegerin meist vor allem Behandlungspflege. In acht Stunden sieht sie 20 bis 30 Patienten. „Wir arbeiten immer unter Zeitdruck, können oft nicht einfühlsam auf die Klienten eingehen und das verursacht Stress.“

Für die Gabe von Tabletten sind fünf Minuten vorgesehen, Klingeln und Warten an der Haustür inklusive. Doch die Patientin hat vielleicht schlecht geschlafen, fühlt sich nicht gut und bräuchte ein paar aufmunternde Worte. Was ist, wenn gerade der Ehepartner oder ein enger Freund gestorben ist? Wenn die Pflegekraft menschlich reagiert, trifft sie beim nächsten Patienten verspätet ein, der sich darüber ärgert. „Am Ende des Tages bleibt oft das Gefühl, man habe nicht so gearbeitet, wie man es möchte und sollte“, bilanziert Anja Sawukaitis.

Bei der Suche nach einem Pflegedienst haben es aktuell Senioren besonders schwer, die nur zweimal in der Woche Leistungen wie Hilfe beim Duschen in Anspruch nehmen wollen. „Wir müssen für sie die gleichen, sehr umfangreichen Unterlagen ausfüllen wie für andere Patienten“, erklärt Pflegedienstleiterin Sawukaitis. Klienten, die sich täglich besuchen lassen, passen besser in die Dienstpläne. Auch vor aufwändigen, aber schlecht entlohnten Verbänden zucken Pflegedienstchefs zurück. Das klingt herzlos, doch davon kann bei der engagierten Pflegeexpertin keine Rede sein.

Die Probleme gäbe es nicht, wäre die Ausbildung angesichts der älter werdenden Bevölkerung rechtzeitig forciert worden, betont Angela Weick, Fachbereichsleiterin Pflege der Johanniter. Sie ärgert sich über das schlechte Image der ambulanten Pflege. „Dabei haben wir einen tollen Beruf, wir bekommen jeden Tag viel Dankbarkeit zurück. Schließlich können die Klienten durch unsere Hilfe weiter zu Hause leben.“

So wie Helga Krämer. Allein die Wohnung verlassen kann die 93-Jährige nicht mehr und es fehlt ihr sehr, sonntags zum Essen in die Stadt zu fahren. Zu viele Gebrechen haben sich inzwischen bei ihr eingestellt. „Alt werden ist nur etwas für Starke“, meint sie lächelnd. Der berufstätige Sohn und die Enkel wohnen auswärts und besuchen Helga Krämer so oft es geht. Aber mit Hilfe von Freunden und einer Reihe von Dienstleistern lebt sie in der vertrauten Umgebung. „Wenn ich morgens aufstehe, mache ich mir einen Kaffee und weiß, dass die Pflegerin bald kommt. Und ich muss wirklich sagen, ich bewundere die.“

Personalnot führt zu Ablehnungen

Der Personalmangel in der Altenpflege hat dramatische Folgen: Ambulante Pflegedienste auch in Hannover lehnen neue Patienten ab. Die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege berichtete kürzlich, dass ihre Dienste von Februar bis April 196 Anfragen von Pflegebedürftigen in Hannover nicht nachkommen konnten. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) kommt bei einer Umfrage unter Mitgliedsunternehmen in Niedersachsen zu ähnlichen Ergebnissen.

Auch der Pflegedienst der Johanniter in Hannover hatte jetzt einen Aufnahmestopp: Eine neue Mitarbeiterin war kurzfristig abgesprungen. Es mangelt in der Branche an Hilfs- sowie an Fachkräften. „Pfleger können sich die Jobs aussuchen“, berichtet die Fachbereichsleiterin Pflege, Angela Weick. Dennoch sei die Höhe der Bezahlung für Pflegekräfte oft nicht ausschlaggebend, sagt Weick.

„Die persönliche Bindung zwischen Mitarbeitern und Kunden ist eng. Viele lassen ihre Patienten nicht im Stich, obwohl sie anderswo mehr verdienen könnten.“ Die Johanniter versorgen mit rund 60 Teilzeit-Mitarbeitern knapp 260 Patienten in Hannover.

Von Bärbel Hilbig

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