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Aus der Stadt "Spielwiese für Ideologen": Das sagen Leser zu Straßen-Umbenennungen
Hannover Aus der Stadt "Spielwiese für Ideologen": Das sagen Leser zu Straßen-Umbenennungen
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10:18 11.11.2018
Platz für neue Namen: In der Hindenburgstraße haben Unbekannte kürzlich Straßenschilder entfernt. Quelle: Elsner

Die Diskussion um Straßen, die nach kritischen historischen Personen benannt sind, wird in Hannover immer größer. 17 Straßen stehen mittlerweile auf einer Liste der Straßen, bei denen der städtische Beirat zu einer Umbenennung rät. Obwohl alle dieser Namenspatron fragwürdig sind, darf es sich die Stadt nicht so einfach machen, findet HAZ-Autor Simon Benne. Dem pflichten auch viele HAZ-Leser bei - und kommentieren die Debatte eifrig. 

"Mit Inhalt beschäftigen"

Ein Dank an den Kommentator für die wahren Worte. Er legt damit den Finger in die Wunde und zeigt die drei Fehler auf, die beim Umbennen gemacht werden. Legt man heutige Maßstäbe an, müsste vermutlich eine George-Washington-Straße umbenannt werden. Und ein Gorbatschow-Platz benötigte auch einen neuen Namen. Bei der Beurteilung von historischen Personen sollten schon die damaligen gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden.
Politisch und gesellschaftlich sinnvoller, als Namen zu tilgen, wäre es, durch Hinweistafeln eine inhaltliche Beschäftigung mit der Person und ihrem Handeln zu initiieren. Und auch den Hinweis, dass die Straßennamen nicht heute gewählt werden, sondern Teil der Historie einer Stadt und Gesellschaft sind, finde ich sehr berechtigt. Alle drei Gründe sprechen aus meiner Sicht – unabhängig von wirtschaftlichen Fragen – dafür, dass in Hannover ein Schwenk beim Umgang mit Straßennamen gemacht wird.
Jens Voshage, Wettbergen

"Nicht-Zeitgemäßes abschaffen"

Kasernen werden umbenannt, Schulen werden umbenannt, auch Sportstadien und Veranstaltungshallen. Ja, sogar Städte werden gelegentlich umbenannt. Straßen und Plätze sollen nach Meinung des Kommentators nicht umbenannt werden. Weil sie historische Quellen werden und die Ehrung einer Person nur im Moment der Verleihung existiere. So reiche es aus, Informationstafeln an die Straßenschilder anzubringen. So gesehen müsste es auch noch Adolf-Hitler-Straßen und Joseph-Goebbels-Plätze geben; Info-Tafel genügt.
Kann man das ernst nehmen? Wohl kaum. Zudem leuchtet es nicht ein, warum wir uns von den Namensgebern aus der Kaiserzeit vorschreiben lassen sollen, wie wir heute unsere Städte namentlich gestalten. Anderes wird doch auch abgeschafft oder umbenannt, eben weil es nicht mehr zeitgemäß erscheint. Wer sich für Geschichte und Politik interessiert, braucht keine Straßenschilder mit den Namen. Er schaut ins Geschichtsbuch. Und wer will, dass seine Heimatstadt ein freundliches Gesicht zeigt, verleiht Straßen und Plätzen Namen verehrungswürdiger Zeitgenossen, etwa Kämpfern für Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit. Die Ehrung dieser Persönlichkeiten dürfte über den Zeitpunkt der Verleihung hinausgehen, denn ihre Verehrung hält an.
Jürgen Tittel, Hannover

"Viel mehr als Ehrung"

Dem Kommentator ist es gelungen, den Fehler in der Diskussion um Straßennamen aufzudecken. Dem Bürger wird vom Beirat ein Bedeutungsinhalt der Straßennamen aufgedrückt, der nicht stimmt. Straßennamen sind viel mehr als Ehrung. Sie sind Erinnerungsräume für den Namensgeber, den Zeitgeist bei der Benennung, die Erinnerung an die Leute, die dort wohnten, und auch deren Erinnerungen, natürlich auch die heutige Bewertung und zum Schluss nicht weniger wichtig: die Erinnerung an die lange Zeit, in der der Name unumstritten war und langsam Heimat wurde.
Am besten kann man das am Ernst-August-Platz zeigen. Hannovers König war auch für seine Zeit ein übler Reaktionär. Sein Staatsstreich von 1837 mit einer zweijährigen Gegenwehr der Bürger war Grundlage für die Revolution von 1848. Ein Denkmal-spendierendes treues Volk hat es nicht gegeben. Ernst August war keine Figur, die eine freiheitliche demokratische Gesellschaft ehren würde. Trotzdem gehört er zu Hannover, ist ein Teil unserer Heimat. Die Forderung nach Umbenennung war eine gezielte Provokation, um obige Zusammenhänge ins Bewusstsein zu rufen. Aber auf einem Schild könnte etwa auch stehen: „Umstritten wegen des Verfassungsstreites von 1837“. Das wäre eben auch ein Beispiel für den Umgang mit anderen Straßennamen.
Jürgen Junghänel, Hannover

"Chancen auf verständigere Zukunft"

Den klugen Gedanken ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Menschen mit großen anerkannten Lebensleistungen machen auch Fehler. Ihnen nachträglich den verliehenen Ehrenkranz zur Geschichtsreinhaltung abzureißen, ist geradezu geschichtsvergessen und vergibt Chancen auf eine verständigere Zukunft. Ansonsten sollte sich die Stadt Hannover zur Straßenbenennung lieber Blümchennamen aussuchen und darauf achten, dass kein giftiges Kraut dabei ist. Vorsichtshalber.
Angelika Becker, Hannover

"Verdienste berücksichtigen"

Bei der Umbenennung von Straßen sollten unbedingt auch die Verdienste der kritisierten Namensträger nicht unberücksichtigt bleiben, und nicht in kleinlicher Weise den von der geistigen Mähmaschine erfassten Namensvertilgern gefolgt werden, wie dies in fast ähnlicher Weise die ideologieverdorbenen NS-Namensspezialisten taten.
Hans Ulle, Hannover

"Nur Kosten und Ärger"

Haben wir keine anderen Sorgen, als zig Jahre benutzte Namen zu verteufeln? Viele Bürger schütteln nur den Kopf. Wurde diese Dienststelle erst geschaffen, um Parteifreunde dort unterzubringen? Was kosten den Steuerzahler diese Nachforschungen? Wie teuer sind die Änderungen der Straßenschilder, Adressbücher, Stadtpläne, Telefonverzeichnisse, Navigationssysteme? Vom Ärger und Aufwand der Anlieger ganz zu schweigen.
Wolfgang Roux, Hannover

"Den Maßstab verloren"

Nun also auch Hans Pfitzner! Auch sein Name soll nach dem Willen des Beirats im öffentlichen Straßenraum Hannovers der Vergessenheit anheimfallen. Es war leider zu befürchten. Pfitzner war schwierig, war auch – trotz einiger jüdischer Freunde – Antisemit. Dies kann jedoch kein hinreichender Grund sein, eine schöpferische Persönlichkeit solchen Kalibers durch bequemen Druck auf die Löschtaste aus der Geschichte zu entfernen. Wie billig! Hier ist wohl der rechte Maßstab verloren gegangen. Wer sind die nächsten? Richard Wagner? Wilhelm Busch? Wilhelm Raabe?
Bitte, liebe Beiratsmitglieder, lassen Sie ab von Ihren „kulturrevolutionären“ Ambitionen und wenden Sie sich den wirklichen Problemen unserer Zeit zu.
Klaus Schneider, Laatzen

"Erläuterungen wären wirkungsvoller"

Man steht nicht zur eigenen, manchmal unbequemen Geschichte. Kleine Erläuterungen unter den Straßenschildern wären wirkungsvoller. Dieser Beirat ist nebst seiner „Namensliste“ fehl am Platze!
Uwe Hitzmann, Hannover

"Mehr als naive Schlitzohrigkeit"

Sich aus der Entscheidung stehlen zu wollen, indem man bei der Benennung des Porschewegs nur die Automarke und nicht den darauf zurückgehenden Autobauer sieht, wie Bruno Gill vom Bezirksrat Vahrenwald-List vorschlägt, zeugt schon von mehr als nur von naiver Schlitzohrigkeit.
In Porsche nur die Sportwagenfirma des Konstrukteurs Ferdinand Porsche zu sehen – und darüber den Wehrwirtschafts- und SS-Oberführer zu vergessen, der nicht nur persönlich KZ-Häftlinge zur Arbeit in seinem Werk bestellte, sondern auch als Vorsitzender der Panzerkommission und im Rüstungsrat des NS-Regimes verantwortlich für den Einsatz von etwa 20 000 Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen bei Volkswagen war, lässt sich für das Jahr 1958, als die Straße angelegt wurde, vielleicht noch aus einer „Unfähigkeit zu trauern“ erklären. Heute, 60 Jahre später, kann es nur aktive Geschichtsverleugnung genannt werden.
Dietrich Höper, Hannover

"Ein neuer Volkssport"

Typisch Hannover: Straßennamen zu ändern ist anscheinend der neue Volkssport. Ein Beirat und Gremien mit „Repräsentanten aus Kirchen, Gewerkschaften sowie Vertreter jüdischer Gemeinden“ klingt gewaltig. Meine Empfehlung: Kümmert euch lieber um wichtigere Dinge in euren Stadtvierteln. Welche Legitimation hat dieses Gremium überhaupt? Gott sei Dank wohne ich in Uetze, und wir haben hier auch einen Hindenburgplatz. Also liebes Gremium: Kommt mal vorbei. Es gibt noch viel zu tun – und das bestimmt weltweit.
Peter Schillhofer, Uetze

"Spielwiese für Ideologen"

Jetzt reicht es! Die Hindenburgstraße war der Auftakt bei den Straßenumbenennungen, und jetzt ist man dabei, den Bogen zu überspannen. Hier entwickelt sich eine Spielwiese für Ideologen, auf der ohne Rücksicht auf eine gebotene Abwägung der Interessen nur das Prinzip im Vordergrund steht. Nur Haare in der Suppe zu suchen ist zu wenig! Was in aller Welt reitet den Beirat, etwa den Namen Porsche auf die rote Liste des braunen Terrors zu setzen? Der Beirat wollte Ferdinand Porsche treffen, stellt jetzt aber eine ganze Industriellenfamilie an den Pranger. Das ist zu kurz gesprungen! Der Vorschlag von Bruno Gill, den Porscheweg nach der Automarke zu benennen, ist mehr als ein guter Kompromiss. Neben den 17 jetzt vom Beirat aufgeführten Straßennamen fallen mir spontan viele weitere ein, bei denen die Namensgeber auch keinen ausschließlich makellosen Lebenslauf vorweisen können – rechte wie auch linke.
Wir haben wahrlich andere Probleme zu lösen.
Eckhard Martens, Wedemark

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