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Aus der Stadt Tod eines Elfjährigen: Ein Jahr Bewährungsstrafe für Lkw-Fahrer
Hannover Aus der Stadt Tod eines Elfjährigen: Ein Jahr Bewährungsstrafe für Lkw-Fahrer
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18:46 14.08.2018
Bogdanel B. (2. v. l.) wurde von Anwalt Karl Minne Braaksma verteidigt, der Prozess im Amtsgericht rief ein großes Medienecho hervor. Quelle: Rainer Droese
Hannover

Vier Monate nach einem tödlichen Unfall ist am Dienstag der Fahrer eines Lastwagens zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden, außerdem muss er 1500 Euro Geldbuße an den Klinikverbund Diakovere zahlen. Amtsrichterin Monika Pinski sprach Bogdanel B. (37) wegen fahrlässiger Tötung schuldig; das Urteil ist bereits rechtskräftig. Ein elfjähriger Junge auf einem Fahrrad war unter den Vorderreifen einer Zugmaschine geraten und noch am Unfallort gestorben. Der Fahrer des 40-Tonners wollte von der Vahrenwalder Straße nach rechts in den Industrieweg abbiegen, der Elfjährige gemeinsam mit seiner Mutter geradeaus fahren.

Im Gerichtssaal kam es zu ergreifenden Szenen. Dabei sagte die sehr gläubige Mutter dem Angeklagten, dass sie ihm vergebe, und legte ihm eine Hand auf den Arm. Der Kraftfahrer, der ihr kaum in die Augen sehen konnte, sprach von einer großen Tragödie und entschuldigte sich mehrfach bei der 51-Jährigen: „Ich wollte das nicht.“

 Der Tod des Elfjährigen sorgte in Hannover für großes Aufsehen. So hatten sich am Tag nach dem Unfall 50 Menschen zu einer spontanen Mahnwache am Unfallort zusammengefunden. Später hatte die Stadt die Radwege im Kreuzungsbereich rot markiert.

Das Amtsgericht Hannover verurteilt einen 37-jährigen Lastwagenfahrer wegen fahrlässiger Tötung. Sein Sattelschlepper hatte einen Elfjährigen erfasst.

Die Lehrerin war an jenem 18. April 2018 mit ihrem Sohn stadteinwärts unterwegs zu einer Kirchen-Kindergruppe, der Elfjährige fuhr auf einem 27,5-Zoll-Elektrorad vorweg. Als der Lastwagen abbog, nach Berechnungen des Sachverständigen Clemens Rehse mit 11 bis 14 Kilometern pro Stunde, hatten Rad- und Lkw-Fahrer grünes Licht. „Ich habe noch gerufen, Manuel, bleib stehen“, sagte die Mutter vor Gericht. Doch es war zu spät, der Junge geriet mit seinem Kopf unter einen der mächtigen Reifen der Zugmaschine. Selbst wenn er einen Helm getragen hätte, wäre der Unfall nicht weniger tragisch ausgegangen. Die Versuche der Mutter, ihren Jungen unter dem Wagen hervorzuziehen, waren sinnlos.

Wie der Gutachter ausführte, sei der Sattelzug einer rumänischen Spedition mit vier Spiegeln ausgestattet gewesen. Allerdings gebe es im rückwärtigen Blickfeld immer wieder Sektoren – dies habe er auch bei anderen Lkw-Unfällen ermittelt -, die schwer einsehbar seien. Auch könne ein Fahrer nicht ständig in seine Spiegel gucken, sondern müsse auch die vor ihm liegende Straße im Blick haben. So könnte es durchaus ein wenige Sekunden währendes Zeitfenster gegeben haben, in dem B. den Jungen übersah. Dieser hatte erklärt, mehrmals in seine Spiegel und aus dem Seitenfenster geschaut zu haben. Der 37-jährige Familienvater, der selbst zwei kleine Kinder hat, ist seit 2007 Kraftfahrer, fährt jedes Jahr bis zu 120.000 Kilometer. Am Steuer des Unglücks-Lkw saß er erst zwei Monate, war das erste Mal auf dieser Strecke unterwegs.

Mutter verzeiht dem Fahrer

Der Vater (64) des getöteten Jungen hielt sich auch im Amtsgericht auf, trat aber anders als die sehr gefasst wirkende Mutter nicht als Nebenkläger auf. Wie die 51-Jährige sagte, befindet sie sich derzeit in psychologischer Behandlung. Richterin Pinski sprach ihr den „allergrößten Respekt“ aus, dass sie vor Gericht erschienen sei und dem Kraftfahrer verziehen habe. Dessen Schuld, eine kurze Unachtsamkeit, siedele sie im Vergleich zu vielen anderen Verhaltensweisen von Verkehrsteilnehmern „im untersten Bereich“ an – die Folgen aber seien viel schrecklicher als bei den meisten anderen Unfällen.

Laut Verteidiger Karl Minne Braaksma sterben in Deutschland jedes Jahr 28 Radfahrer durch abbiegende Lastwagen. Beim Einsatz elektronischer Abbiegeassistenten mit Radar könnte ein Drittel dieser Unglücke vermieden werden. Ebenso wie das Gericht plädierte der Anwalt dafür, solche Systeme schnellstmöglich einzuführen – auch wenn das nichts an der Schuld von Bogdanel B. und am Tod des kleinen Manuel ändere.

Von Michael Zgoll

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