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Aus der Stadt Trickbetrüger: So klingen falsche Polizisten am Telefon
Hannover Aus der Stadt Trickbetrüger: So klingen falsche Polizisten am Telefon
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20:51 14.03.2019
Täter rufen ihre Opfer über mehrere Tage hinweg an. Quelle: dpa
Hannover

Das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen will insbesondere ältere Menschen mit einer neuen Präventionskampagne vor Trickbetrügern warnen, die sich als Polizisten ausgeben. Das LKA reagiert darauf, dass die Taten nach dieser Masche zuletzt dramatisch angestiegen sind: 2018 zählten die Ermittler landesweit 4235 Anrufe von falschen Polizisten. 97-mal waren die Täter erfolgreich und erbeuteten insgesamt rund 4,7 Millionen Euro. Zum Vergleich: 2016, nur zwei Jahre zuvor, hatten die Beamten in Niedersachsen lediglich 300 Fälle registriert.

Allein in Hannover gaben sich Anrufer nach Angaben der Polizeidirektion in 111 Fällen als Polizisten aus. 31-mal waren sie erfolgreich und erbeuteten insgesamt rund eine Million Euro.

14.03.2019, Niedersachsens LKA-Chef Friedo de Vries stellte die neue Kampagne am Donnerstag in Hannover vor. Quelle: dpa

Die Masche ist dabei immer ähnlich. Die Täter melden sich telefonisch vorwiegend bei älteren Menschen und versuchen, diese zum Herausgeben ihrer Ersparnisse zu bewegen. Die Anrufer sind in der Regel Männer, sind psychologisch geschult, sprechen zum Teil regionale Dialekte. Sie bearbeiten ihre Opfer oft über mehrere Tage hinweg, bedrängen die Angerufenen oft und bringen sie so dazu, den angeblichen Polizisten ihr Geld zu übergeben. „Die Täter nutzen so skrupellos das Vertrauen der Bevölkerung in die Organisation Polizei aus. Das können und werden wir nicht hinnehmen“, sagt LKA-Chef Friedo de Vries.

Falsche Polizisten am Telefon: So bringen Trickbetrüger Senioren um ihr Geld:

Täter sitzen in Callcentern

Nach Erkenntnissen der Ermittler operieren die Betrüger aus Callcentern in der Türkei, aber auch aus Österreich und der Schweiz. „Uns sind allein im Raum Izmir rund 40 solcher Callcenter bekannt“, sagt LKA-Chef de Vries. Die Ermittlungen gestalteten sich allerdings schwierig, weil der Rechtsverkehr mit der Türkei aktuell eingeschränkt sei. Die Täter konzentrieren sich in der Regel immer auf eine Region. „Sie grasen das Gebiet sozusagen ab, dann nehmen sie sich die nächste Region vor“, sagt Rita Salgmann, die Leiterin Prävention beim LKA.

Warum fallen immer wieder Senioren auf falsche Polizisten rein?

Trotz häufiger Warnungen durch die Polizei und andere Behörden und regelmäßiger Berichterstattung in den Medien fallen immer wieder Seniorinnen und Senioren auf falsche Polizisten herein und vertrauen ihnen ihre Wertgegenstände und ihr Bargeld an. Die Gründe dafür sind unterschiedlich.

Warum haben die Täter trotz aller Warnungen weiterhin Erfolg?

„Die falschen Polizisten üben am Telefon massiven psychischen Druck aus“, sagt der Göttinger Angstforscher Borwin Bandelow, der als psychiatrischer Gerichtsgutachter mit der Materie vertraut ist. „Sie sagen, man solle niemanden anrufen, keine Verwandten, nicht die Polizei und nicht die Bank. Denn überall gebe es Maulwürfe.“ Dabei werde durch geschickte Gesprächsführung eine Atmosphäre erzeugt, in der die Opfer am Ende nur noch dem Anrufer vertrauten.

Wie gehen die Anrufer vor?

„Sie manipulieren ihre Opfer“, sagt eine Sprecherin des Bundeskriminalamts (BKA). Sie erzählten überzeugende Geschichten über drohende Straftaten, sodass sie Geld und Wertgegenstände in Sicherheit bringen müssten. „Durch wiederkehrende Anrufe über einen längeren Zeitraum erhöhen die Täter den psychischen Druck, damit die Opfer keinen klaren Gedanken mehr fassen können“, sagt die Mitarbeiterin. Ziel der Betrüger sei es, dass Bargeld und Wertgegenstände an der Wohnungstür einem vermeintlichen Polizisten übergeben oder an einem vereinbarten Ort abgelegt werden.

Warum werden vor allem Senioren zu Opfer der falschen Polizisten ?

„Die Kriminellen nutzen bewusst die Einsamkeit, die Hilflosigkeit und die Gutgläubigkeit älterer Menschen aus“, sagt die BKA-Sprecherin. Nach Erkenntnissen der Ermittler wählen die Täter ihre möglichen Opfer in, zum Teil auch veralteten, Telefonverzeichnissen anhand des Vornamens aus. Altmodisch klingende Namen deuten dabei auf ältere Personen hin.

Wo sitzen die Täter ?

Nach Angaben des BKA kommen die Anrufe zumeist aus Callcentern in der Türkei. Dort sitzen nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft Hannover auch die Hintermänner. Es handele sich teilweise um Rockergruppen oder Clans, die vorher im Drogen- oder Rotlichtgeschäft tätig waren, sagt Sebastian Fiedler, der Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft Bund deutscher Kriminalbeamter (BdK). „Die haben gelernt, dass die Polizisten-Masche lukrativ ist.“ Die mittlere Ebene der hierarchisch strukturierten Banden bilden nach Angaben der Staatsanwaltschaft sogenannte Logistiker, die die Betrügereien vor Ort organisieren. Zum Fußvolk gehören die Abholer, die ausgeschickt werden, um die Beute einzusammeln.

Wie oft wurden Täter gefasst und verurteilt ?

Zahlen dazu gebe es nicht, berichtet das BKA. Allerdings werden immer wieder Bandenmitglieder gefasst. So nahm die Polizei im Dezember in Hannover-Davenstedt vier mutmaßliche Trickbetrüger fest. Ein 84-jähriger Mann und dessen 78 Jahre alte Ehefrau hatten einen Anruf von angeblichen Polizisten erhalten. Statt ihnen ihr Geld zu überlassen, wurden sie jedoch misstrauisch und verständigten die echte Polizei. Die Ermittler nahmen einen 17-Jährigen , einen 18-Jährigen und zwei 24 Jahre alte Männer fest.

Was kann das Umfeld tun?

Angehörige sollten ältere Verwandte im Blick behalten und finanzielle Auffälligkeiten direkt ansprechen, rät das BKA. Sie sollten dafür sorgen, dass die Senioren keine größeren Bargeldbeträge im Haus haben.

Das LKA hat jetzt 50 000 kleine Pappaufsteller erarbeiten und drucken lassen, die über Pflegedienste, Bringdienste und ähnliche Organisationen an Seniorinnen und Senioren verteilt werden sollen. „Achtung! Falsche Polizeibeamte“ ist darauf zu lesen. Auf der Rückseite können sich die Betroffenen die echte Rufnummer ihrer Polizeidienststelle notieren, dazu die Nummern von Angehörigen. „Wer einen Anruf von einem angeblichen Polizisten erhält, soll daran erinnert werden, das Gespräch sofort abzubrechen und eine der notierten Nummern zu wählen“, sagt de Vries. Die Aufsteller sollen die Betroffenen zudem daran erinnern, dass bei Anrufen der echten Polizei, anders als bei denen von Trickbetrügern, niemals die Notrufnummer 110 als eingehende Nummer im Display des Telefons auftaucht.

Das waren die schlimmsten Fälle im Jahr 2018

4235 Mal versuchten im vergangenen Jahr in Niedersachsen, falsche Polizisten Seniorinnen und Senioren um ihre Ersparnisse zu bringen. In 97 Fällen waren sie erfolgreich. Dabei erbeuteten sie insgesamt 4,7 Millionen Euro. Nach Schätzungen des Landeskriminalamts liegt die Dunkelziffer, also die Zahl der nicht angezeigten Trickbetrügereien mit dieser Masche deutlich höher.

– Die beiden schlimmsten Fälle trugen sich im Bereich Südniedersachsen zu: Angebliche Polizisten riefen eine 77-Jährige immer wieder über einen Zeitraum von drei Wochenenden an. Sie berichteten der Seniorin von einer angeblichen rumänischen Einbrecherbande, die festgenommen worden war. Bei den Tätern sei ein Zettel mit der Anschrift der 77-Jährigen gefunden worden. So eingeschüchtert übergab die Frau den Tätern schließlich 1 Millionen Euro in drei Tranchen. Ebenfalls in Südniedersachsen brachten die Täter eine 86-Jährige mit einer ähnlichen Geschichte von der angeblichen rumänischen Einbrecherbande sogar dazu, ihr Haus zu verkaufen und den Erlös in Höhe von 290 000 Euro den Tätern zu übergeben.

– In der Region Hannover schlugen die Täter im vergangenen Jahr ebenfalls zu. In Wilkenburg brachten falsche Polizisten im Mai einen 80-Jährigen dazu, zunächst 55 000, und später noch einmal 44 000 Euro von seinem Konto abzuheben und das Geld den Verbrechern zu übergeben. Gegenstände im Wert von 80 000 Euro erbeuteten Trickbetrüger im Juli bei einer 74-Jährigen in Isernhagen-Süd. Die Seniorin hatte zuvor Anrufe von einem „Staatsanwalt Franke“ und einem „Oberkommissar Weber“. Sie berichteten von angeblich unseriösen Mitarbeitern der Hausbank der 74-Jährigen und brachten die Frau schließlich dazu, Schmuck und Münzen aus ihrem Schließfach zu holen und die Gegenstände auf offener Straße einem angeblichen Zivilpolizisten zu übergeben. Im Februar erbeuteten falsche Polizisten in Kirchrode 150 000 Euro in Schmuck und Goldmünzen von einer 83-Jährigen. Man habe Schmuckdiebe festgenommen, die mit der Bank der Frau zusammenarbeiteten, lautete in diesem Fall die Geschichte der Betrüger. Die Frau holte ihre Wertgegenstände von der Bank und übergab sie auf offener Straße einem Boten der Anrufer.

Der niedersächsische Landesverband der Polizeigewerkschaft Bund deutscher Kriminalbeamter (BdK) will die Präventionskampagne des LKA unterstützen. „Wir halten das Projekt für äußerst wichtig und werden die Kolleginnen und Kollegen dabei begleiten“, sagt BdK-Landeschef Matthias Karsch.

Erste Erfolge bei der Bekämpfung der Trickbetrügereien durch falsche Polizisten konnten die Ermittler des Landeskriminalamts bereits im vergangenen Jahr erzielen. Wurden im Jahr 2017 bei 100 Anrufen vier Senioren Opfer der Täter, verzeichnete die Behörde in 100 Fällen nur noch zwei Personen, die auf die kriminellen Machenschaften herein gefallen waren.

Von Tobias Morchner

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