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Aus der Stadt Evangelische Kirchen unter Denkmalschutz
Hannover Aus der Stadt Evangelische Kirchen unter Denkmalschutz
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00:43 22.11.2014
Von Simon Benne
Die Uhlhornkirche in Linden steht unter Denkmalschutz. Quelle: Marcel Schwarzenberger
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Hannover

Mit Gotteshäusern ist die Stadt reich gesegnet. Besonders mit solchen aus der Nachkriegszeit: „Seit Gründung der Bundesrepublik wurden in Hannover mehr Kirchen gebaut als in der Zeit von der Reformation bis zum Zweiten Weltkrieg“, sagt Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann. Er sagt es durchaus sorgenvoll. In den Aufbaujahren ließen Vertriebene aus dem Osten die Gemeinden einst wachsen; in Hannover wurden 38 von insgesamt 70 evangelischen Kirchen nach dem Krieg neu errichtet. Allein von 1960 bis 1964 waren es 18 Neubauten.

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Zehn evangelische Kirchen stehen künftig in Hannover unter Denkmalschutz.

Längst ist der Trend jedoch gegenläufig: Die Zahl der Gläubigen sinkt; erste Gotteshäuser wurden schon geschlossen. Die evangelische Kirche schrumpft aus ihrem üppigen Gebäudebestand heraus wie aus einem zu großen Mantel. Und bei den meist erbittert geführten Diskussionen darüber, welche Kirche verzichtbar ist, kam oft der Denkmalschutz ins Spiel: So wollte die örtliche Gemeinde die entwidmete Corvinuskirche in Stöcken 2011 abreißen lassen, doch das Landesamt für Denkmalpflege stellte den Bau unter Denkmalschutz. Voraussichtlich im Dezember entscheidet nun das Oberverwaltungsgericht Lüneburg über die Zukunft der Kirche.

Solche Fälle sollen sich nicht wiederholen – und daher haben Experten der Kirche sich jetzt in einer konzertierten Aktion mit Vertretern von Stadt und Denkmalpflege zusammengesetzt und 38 Nachkriegskirchen unter die Lupe genommen. Zehn von diesen werden jetzt unter Denkmalschutz gestellt – und haben somit eine Art Bonus, wenn sie bei drohenden Schließungen ins Visier geraten. Eine Bestandsgarantie sei ihr neuer Status nicht, betont Heinemann: „Aber daraus erwächst schon eine Verpflichtung.“ Vier weitere Kirchen galten noch als zu neu, um schon über ihre Denkmalwürdigkeit urteilen zu können. Den strittigen Fall der Corvinuskirche sparte die Expertenkommission aus.

„Wir wollen nicht bei jedem Einzelfall neu überlegen müssen, ob es sich um ein Denkmal handelt – daher haben wir uns einen generellen Überblick verschafft“, sagt Werner Lemke, Baudirektor der Landeskirche. Es sei auch darum gegangen, Planungssicherheit zu bekommen, sagt Stadtsuperintendent Heinemann. Was im Umkehrschluss freilich bedeutet, dass auch die Aufgabe überzähliger Kirchen jetzt problemloser möglich ist – ohne langwierige Debatten um lästigen Denkmalschutz.

Für die Kirche kann sich dieses Prädikat auch als Bürde erweisen, da es Umbauten erschwert. Doch das Beispiel der Christuskirche, die jüngst im großen Stil zu einem Chorzentrum umgestaltet wurde, zeige, dass sich sehr wohl Wege finden ließen, sagt Rocco Curti vom Landesamt für Denkmalpflege: „Es geht dabei meist um komplexe Einzelfallentscheidungen.“ Und grundsätzlich dürfte der Denkmalstatus bei drohenden Schließungen wie ein Schutzengel über den betroffenen Gebäuden schweben: „Die zehn Bauten, die jetzt als Denkmal gelten, sind architektonisch, künstlerisch oder städtebaulich unverzichtbar“, sagt Curti. Heinemann pries die geschützten Gebäude bei der Vorstellung der Denkmalsliste gar als „Kronjuwelen“.

„Für viele Gemeinden ist die Nachricht vom Denkmalschutz eine frohe Botschaft“, sagt auch Baudirektor Lemke. In der Döhrener Auferstehungskirche sei die Mitteilung von der Gemeinde mit spontanem Beifall aufgenommen worden, berichtet Superintendent Thomas Höflich: Schließlich ist die Kirche mit dem markanten Turm nur ein paar Hundert Meter von der St.-Petri-Kirche entfernt, die gleichfalls unter Denkmalschutz steht. Eigentlich wäre es denkbar, in Döhren auf lange Sicht mit nur einer Kirche auszukommen – jetzt aber sind die Chancen der Auferstehungskirche auf langfristigen Erhalt gewachsen.

„Bei der Aufgabe einer Kirche zählen nicht nur denkmalpflegerische Aspekte“, mahnt Superintendent Höflich zwar. Aber eine große Rolle dürften sie schon spielen – zumal der Fall der bereits vor zwei Jahren entwidmeten Uhlhornkirche in Linden zeigt, wie schwer ehemalige Kirchengebäude zu verkaufen sind. Jetzt ist diese überdies als Denkmal eingestuft worden – was mögliche Interessenten zusätzlich abschrecken dürfte: „Man wird ausloten müssen, ob so eine frühere Kirche verkäuflich ist“, sagt Höflich zurückhaltend. Es gebe für eine Nutzung der Uhlhornkirche Überlegungen, doch diese seien noch nicht spruchreif. In jedem Fall, betont Heinemann, solle die künftige Verwendung „Wert und Würde des Gebäudes entsprechen“.

Die Verhandlungen der Kirchenleute mit den Denkmalpflegern seien oft „harte Sitzungsrunden“ gewesen, sagt Kirchensprecher Johannes Neukirch. Gleichwohl könnte das in Deutschland bislang einmalige Verfahren Schule machen: Überall in größeren Städten steht die Schließung von Kirchen an, und überall geht es dabei auch um Denkmalschutz.

In Osnabrück sei bereits eine Bewertung der Bauten nach hannoverschem Vorbild angelaufen, sagt Lemke: „Und die gesamte Landeskirche soll flächendeckend folgen.“

19 Kirchen ohne Denkmalschutz

Ohne Denkmalschutz: Insgesamt 19 evangelische Kirchen in Hannover wurden von der Expertenkommission nicht als Denkmale eingestuft. Es handelt sich um die Vahrenwalder Kirche, St. Andreas in Vinnhorst, die Timoteuskirche in Waldhausen, St. Thomas in Oberricklingen, die Matthäikirche in Wülfel, die Epiphaniaskirche im Sahlkamp, die Melanchthonkirche auf der Bult, St. Johannis in Bemerode, die Nikodemuskirche im Heideviertel, die Philippuskirche in Isernhagen, die Martin-Luther-Kirche in Ahlem, St. Nathanael in Bothfeld, die Trinitatiskirche in Misburg, die Matthiaskirche in Groß-Buchholz, die Bodelschwinghkirche in Ledeburg, die Athanasiuskirche in der Südstadt, die Tituskirche in Vahrenheide, die Lukaskirche in Vahrenwald und die im Sommer entwidmete Johanneskirche in der List.

Noch kein Urteil: Bei vier nach dem Krieg erbauten Kirchen wollten die Experten noch nicht über die Denkmalwürdigkeit entscheiden. Die Gebäude seien noch zu jung, um schon abschließend darüber zu urteilen, hieß es. Es handelt sich dabei um die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Roderbruch (1981), St. Johannes in Davenstedt (1989), die Bonhoefferkirche im Ökumenischen Kirchenzentrum Mühlenberg (1982) sowie die im Vorfeld der Expo errichtete Kronsbergkirche (2000). Ob die Corvinuskirche in Stöcken als Denkmal gelten soll, ist derzeit Gegenstand eines Gerichtsverfahrens.

In neuer Funktion: Vier der nach dem Krieg gebauten Kirchen, mit denen sich die Kommission beschäftigte, sind bereits umgebaut, verkauft oder abgerissen worden: die Maria-Magdalenen-Kirche in Ricklingen, die Ansgarkirche in Hainholz, die Gustav-Adolf-Kirche in Leinhausen und die Messiaskirche in Groß-Buchholz.

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