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10.000 Hannoveraner lassen sich testen

Mega-Studie 10.000 Hannoveraner lassen sich testen

Mit der Nako-Gesundheitsstudie wollen Forscher herausfinden, wovon die menschliche Gesundheit abhängt. 10.000 Hannoveraner werden nun untersucht - per Nasenabstrich, Handgreiftest und Lungencheck. Auch HAZ-Redakteurin Bärbel Hilbig unterzieht sich den Tests.

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Nasenabstrich, Handgreiftest, Lungencheck: HAZ-Redakteurin Bärbel Hilbig lässt sich von Assistentin Anna Jauss testen.

Quelle: Samantha Franson

Hannover. Das Ding in meiner Hand sieht ein bisschen aus wie eine Laserpistole aus einem Science-Fiction-Film. Der Apparat dient aber streng wissenschaftlichen Zwecken. Konzentriert soll ich den Griff so stark zusammenpressen, wie ich kann. Ich beiße die Zähne zusammen und drücke zu. Es trägt schließlich zur Erkenntnis bei. Ein paar Wochen vorher hatte ich per Brief eine Einladung zur größten jemals in Deutschland organisierten Gesundheitsstudie bekommen. 200.000 Menschen zwischen 20 und 69 Jahren wollen die Forscher in der Nako-Gesundheitsstudie ausführlich testen und befragen. Allein in Hannover, wo eines von bundesweit 18 regionalen Studienzentren liegt, sollen 10.000 Bürger mitmachen. Alle, wie ich, per Zufallsverfahren aus dem Einwohnermelderegister gezogen.

Mit dem Handgreiftest, den ich unter Anleitung von Studienassistentin Anna Jauss mache, habe ich nur einen Bruchteil des gesamten Programms geschafft. „Männer fühlen sich dabei wie beim Hau-den-Lukas und versuchen, sich besonders anzustrengen“, verrät die junge Frau. Der Test gibt auf einfache Weise Auskunft über Muskelkraft und körperliche Fitness, erläutert mir später Yvonne Kemmling, Leiterin des Nako-Studienzentrums in Hannover. In meinem Fall sieht es damit zum Glück ganz gut aus. Obwohl ich mich an einem normalen Tag im Büro erschreckend wenig bewege, wie mir später beim Beantworten zahlreicher Fragen zu meinem Lebensstil bewusst wird.

Untersuchungen laufen im Medical Park

Die bisher größte Gesundheitsstudie in Deutschland trug zunächst den Namen Nationale Kohorte. Da der Begriff zu Irritationen führte, heißt die Langzeituntersuchung nun Nako-Gesundheitsstudie. Für Wissenschaftler ist eine Kohorte eine Gruppe von Menschen, die über einen gewissen Zeitraum beobachtet wird. Bekannter ist der Begriff aber als militärische Einheit der Römer.
In Hannover laden die Nako-Mitarbeiter die Teilnehmer ins Klinische Forschungszentrum Hannover (Clinical Research Center CRC) im Medical Park ein. Der Forschungsbau ist vor zwei Jahren extra für Medizinstudien errichtet worden, meist werden Medikamente vor ihrer Zulassung getestet. Die Nako ist mit 17 Mitarbeitern und zehn studentischen Helfern als Untermieter eingezogen.

Den Forschern kommt es auf diese persönlichen Einzelergebnisse jedoch nicht an. Die Nako will die Gesundheit einer großen Bevölkerungsgruppe über einen langen Zeitraum von 20 oder vielleicht 30 Jahren untersuchen. Anders formuliert: Die Forscher beobachten, wie wir Testpersonen im Lauf der Jahre älter und mit Sicherheit auch kränker werden. Dabei sammeln sie zahlreiche Daten, die vielleicht eines Tages genauer Aufschluss über das Entstehen von Volkskrankheiten wie Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen geben können. Die Nako-Mitarbeiter erfassen zum Beispiel Wohn- und Arbeitsorte der Teilnehmer, sodass in späteren Studien der Einfluss von Umweltbedingungen auf die Gesundheit einbezogen werden kann. Eigene Krankheiten und die der nahen Verwandten, Berufsabschlüsse, regelmäßig eingenommene Medikamente, Sportaktivitäten und die Grundeinstellung zum Leben - die Neugier der Forscher kennt kaum Grenzen.

„Die Kombination der verschiedenen Untersuchungen an zahlreichen Menschen über den Verlauf von vielen Jahren bringt erst den Erkenntnisgewinn“, erläutert Studienzentrumsleiterin Yvonne Kemmling. Mir wird im Verlauf meines Aufenthalts Blut abgezapft, Anna Jauss nimmt einen Nasenabstrich und eine Speichelprobe. Beim Lungenfunktionstest muss ich mit Klammer auf der Nase pusten, pusten, pusten, auch als ich denke, längst alle Luft aus der Lunge gepresst zu haben. „Durch den Nasenabstrich ließe sich zum Beispiel untersuchen, ob eine bestimmte Zusammensetzung von Bakterien in der Nase zur Gesundheit beiträgt“, erklärt Kemmling.

Für den Aufbau dieser riesigen Sammlung an Daten und Bioproben geben Bundesforschungsministerium, Helmholtz-Gemeinschaft und Bundesländer bisher 270 Millionen Euro für die ersten zehn Jahre. Noch haben die Nako-Mitarbeiter längst nicht alle gewünschten Teilnehmer zur ersten Runde eingeladen. Seit dem Start im Mai 2014 haben in Hannover rund 3700 Testpersonen die Untersuchungen mitgemacht. „Wir schreiben deutlich mehr Menschen an, als wir vorher gedacht haben“, bekennt Kemmling. Weniger als 20 Prozent der Eingeladenen entscheiden sich zur Teilnahme. Da die Studie einen Querschnitt der Bevölkerung abbilden will, mit Jungen und Alten, Einwanderern und Alteingesessenen, müssen Kemmlings Mitarbeiter immer neue Einladungen verschicken.

Die Medizinerin geht dennoch davon aus, dass ihr Team die Zielzahl von 10 000 Hannoveranern bis zum Frühjahr 2019 erreicht. „Inzwischen hat sich die Studie durch Nachbarn und Hausärzte herumgesprochen, sodass mehr Menschen das Gefühl haben, sie könnten uns vertrauen.“ Der Zeitaufwand für einen Durchlauf ist beträchtlich: 2,5 bis vier Stunden kalkuliert Kemmling, doch oft bleiben Teilnehmer eher fünf Stunden, um alle Fragen am Computer zu beantworten. Alle vier bis fünf Jahre werden die Testpersonen wieder eingeladen, alle zwei bis drei Jahre bekommen sie einen Fragebogen zugeschickt.

Seit Jahresanfang bittet die Nako Arbeitgeber, ihre Mitarbeiter für die Studie freizustellen. Große Firmen wie Volkswagen Nutzfahrzeuge und IBM, aber auch Handwerksbetriebe haben sich dazu bereit erklärt.

Viele Teilnehmer nehmen sich jedoch Urlaub wie Manuela Neemani. Die Sozialarbeiterin war neugierig auf die Tests und Untersuchungen. „Es ist aber vor allem ein Dienst an einer guten Sache, den wir hier leisten. Unsere Daten können helfen, Krankheiten für die nächsten Generationen zu vermeiden.“

"Die großen Durchbrüche werden später kommen"

Gérard Krause ist Abteilungsleiter Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig und koordiniert das Thema übertragbare Krankheiten in der Nako-Gesundheitsstudie. Das Nako-Studienzentrum in Hannover gehört zu Krauses Abteilung. Er selbst arbeitet zugleich als Professor für Infektionsepidemiologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Herr Professor Krause, Sie gehören zu den Forschern, die Deutschlands größte und längste Gesundheitsstudie vorbereitet haben. Was erhoffen Sie sich?

Ich glaube, dass wir neue Zusammenhänge zwischen verschiedenen Krankheiten aufdecken können. Zum Beispiel kann ich mir gut vorstellen, dass bestimmte Infektionskrankheiten zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Stoffwechselstörungen wie Diabetes beitragen. Vielleicht sind sie nicht immer die alleinige Ursache, aber ein Risikofaktor. Ich gehe davon aus, dass wir manche Erreger noch gar nicht auf dem Radar haben oder auch, dass bestimmte Infektionen einen größeren Beitrag zu solchen Wechselwirkungen haben, als man bisher nachweisen konnte.

Gibt es dafür bereits Beispiele?

Erst seit relativ kurzer Zeit wissen wir, dass Humane Papillomviren maßgeblich für das Entstehen von verschiedenen Arten von Gebärmutterhalskrebs verantwortlich sind. Die Entdeckung war einen Nobelpreis wert, denn durch das Erkennen des Zusammenhangs konnte eine Impfung entwickelt werden. Die Häufigkeit von Gebärmutterhalskrebs kann dadurch jetzt deutlich gesenkt werden. Es ist durchaus vorstellbar, dass weitere Zusammenhänge dieser Art in der großen Gesundheitsstudie aufgedeckt werden. Das ist natürlich kein Versprechen, aber die Studie ist so angelegt, dass es grundsätzlich möglich ist.

Für Ihren Bereich, die Infektionsforschung, wollen Sie die Nako erweitern. Warum?

Wir planen vertiefende Studien, in denen wir häufig auftretende Infektionen wie Erkältungen und Durchfallerkrankungen genauer erfassen. In der Nako werden die Teilnehmer alle vier bis fünf Jahre untersucht. Für Infektionskrankheiten, an denen man durchaus jeden Winter, manchmal sogar mehrfach, erkranken kann, ist das relativ lang. Wir wollen uns nicht auf die Erinnerung der Probanden verlassen müssen, sondern erfahren, welche Infektionen sie tatsächlich haben. Dann können wir untersuchen, ob Menschen, die besonders häufig oder stark an diesen Erkrankungen leiden, bestimmte Risikofaktoren haben, die sich vermeiden lassen. Außerdem können wir untersuchen, ob und in welchem Ausmaß bestimmte Erkältungen zu Folgeerkrankungen wie Stoffwechselkrankheiten oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen beitragen.

Könnten Sie das nicht auch in einer kleineren Studie erkunden?

Nein, hierzu benötigt man eine große Zahl von Probanden und einen langen Beobachtungszeitraum. Wir haben mit der Nako den großen Vorteil, dass wir eine sehr große Gruppe von Menschen untersuchen, bevor sie überhaupt erkranken. Wir sehen, welche Krankheiten sie entwickeln und können zurückschauen, was vorher war. Außerdem nehmen wir eine ganz breite Palette von Erkrankungen in den Blick. Damit können wir Zusammenhänge zwischen Krankheiten aufdecken, die man sonst nicht gemeinsam erforscht.

Wird sich die Erhebung von Daten über 20 oder 30 Jahre durchhalten lassen? Die Finanzierung reicht vorerst nur für die ersten zehn Jahre.

Es ist ein sehr ehrgeiziges Projekt, aber das Potenzial ist phänomenal. Wir versprechen uns sehr große Erkenntnisgewinne. Aber das Projekt braucht einen langen Atem. Die Forscher, die es ins Leben gerufen haben, werden zum Teil bei den besonders wichtigen Langzeit-Auswertungen gar nicht mehr im Beruf sein.

Wird es nicht doch auch in der näheren Zukunft Ergebnisse aus der Studie geben?

Sicher. Aber die großen Durchbrüche werden erst später kommen.

Interview: Bärbel Hilbig

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