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Aus der Stadt 100 Jahre Zeppelinlandung in Hannover
Hannover Aus der Stadt 100 Jahre Zeppelinlandung in Hannover
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06:15 02.07.2012
Von Simon Benne
Die „Viktoria Luise“ kam am 7. Juli 1912 aus Hamburg eingeschwebt. Quelle: Leonhardt
Hannover

An jenem Tag muss Ausnahmezustand in der Stadt geherrscht haben; eine Mischung aus feierlicher Hochgestimmtheit und angespannter Erwartung. Schon um vier Uhr morgens waren Zehntausende auf den Beinen. Ganze Familien zogen an jenem 7. Juli 1912 mit Stullenpaketen durch die Eilenriede. Sonderzüge der Königlichen Eisenbahn-Direktion aus Minden, Hameln oder Celle liefen ein, und die Straßenbahnen sollten später Tageseinnahmen von 30.000 Mark vermelden – ein Rekordergebnis. Wagemutige kletterten auf Dächer, um bessere Sicht zu haben, und Damen zogen in großer Toilette hinaus zur Rennbahn auf der Bult, um das historische Ereignis mitzuerleben. An diesem Morgen stand die erste Landung eines Zeppelins in Hannover bevor, und die Stadt wollte ihn empfangen, wie man den Boten einer neuen Zeit eben empfängt.

Organisiert hatte den „Zeppelintag“ der technikbegeisterte Verleger August Madsack. Dessen „Hannoverscher Anzeiger“, der Vorläufer der HAZ, stellte oft spektakuläre Aktionen auf die Beine: Radrennen wie 1897 den „Großen Preis von Hannover“ oder im Jahr 1900 eine Leserreise zur Weltausstellung nach Paris. Mit der Landung des Luftschiffs „Viktoria Luise“, benannt nach der Kaisertochter, war Madsack jedoch der bislang vielleicht größte Coup gelungen.

Vor hundert Jahren landete der erste Zeppelin in Hannover.

„Die Stadt plante damals, auf der Bult einen Luftschiffhafen zu bauen“, sagt der Luftfahrthistoriker Wolfgang Leonhardt. „Dort sollte eine große Halle für zwei Zeppeline entstehen. Hannover wetteiferte mit Düsseldorf darum, Zwischenstation auf der Linie von Frankfurt nach Hamburg zu werden.“ Die Stadt charterte sogar ein Luftschiff für eine Testlandung – doch Madsack kam ihr zuvor. „Die ,Hansa’ landete erst am 18. August in Hannover, gut einen Monat nach seiner „Viktoria Luise“, sagt Leonhardt.

Der „Anzeiger“ bewarb das große Ereignis unermüdlich: Er verkaufte in seinen Geschäftsstellen Karten für die Rennbahn („Stehplatz 2 Mark“) sowie Passagierplätze für den Flug, der von Hamburg nach Hannover führte. Und er organisierte ein großes Spektakel: Schon vor der Landung in den Morgenstunden schmetterten Militärkapellen auf der Bult Stücke wie den „Graf-Zeppelin-Marsch“ oder den „Aeroplan-Walzer“.

Auf der Rennbahn hatte die Zeitung ein Pressebüro mit Fernsprecher und mobiler Druckerei eingerichtet. Um „6 3/4 Uhr“ wurde das erste Extrablatt an die Massen verteilt: Es meldete, dass der Zeppelin in Hamburg um 6.20 Uhr gestartet war. Fast schon in Echtzeit folgten weitere Meldungen: Um 8.38 Uhr passierte das Luftschiff Hoya, bald darauf Wunstorf. Einige Männer stiegen auf der Bult mit einem Fesselballon auf, um die Luftlandung von oben beobachten zu können. Damen mit Sonnenschirmen fielen in der Hitze in Ohnmacht, und Samariter setzten einen „Automobil-Krankentransportwagen“ ein, um Ohnmächtige abzutransportieren.

Im Jahr 1900 hatte Graf Ferdinand von Zeppelin über dem Bodensee das erste Luftschiff fliegen lassen. In der Euphorie, mit der das Publikum damals seinen Zeppelinen begegnete, vermischte sich die ungebrochene Technikbegeisterung einer noch zukunftsgläubigen Epoche mit patriotischen Aufwallungen - denn Zeppeline waren Hightech, made in Germany. Auch der „Anzeiger“ schrieb stolz, dass „wir wenigstens mit den Luftschiffen an der Spitze aller Kulturvölker marschieren und darin von keiner anderen Nation erreicht, geschweige denn überflügelt worden sind“. Der Erste Weltkrieg hatte noch nicht begonnen, doch der Kampf um die Lufthoheit in Europa war schon voll entbrannt.

Der „Hannoversche Anzeiger“ hatte einen Feuilletonredakteur in dem Zeppelin mitfliegen lassen, der Platz für 20 Passagiere bot. Dieser sah seine Stadt nun, wie sie noch kaum jemand vor ihm gesehen hatte: Er schwebte über „Herrenhausen mit seinen eigenartigen Gärten, die wie grüne Zeichnungen daliegen“, schrieb er in seiner Reportage: „Das Gebäude des ,Hannoverschen Anzeigers’ (zufällig ganz genau!) überfliegt der Chronist dieser Fahrt mit einem Luftgefühl stolzer Freude.“

Es muss ein Augenblick majestätischer Erhabenheit gewesen sein, als der 148 Meter lange Luftriese, angetrieben von drei Maybach-Motoren, über der Menschenmasse auftauchte, die ihn auf der Bult erwartete: „Ein unbeschreiblich schöner Anblick“, schrieb der „Anzeiger“, „und nun bricht ein Jubel los, wie man ihn in Hannover wohl noch nie erlebt hat. Man schreit Hurra; mit Hüten, Sportkappen, Schirmen, Taschentüchern und selbst mit gefüllten Biergläsern jubelt man der ,Victoria Luise’ zu.“ Hunderte von Menschen waren aufs Dach der Tribüne geklettert, und „selbst in Ehren grau gewordene Schwieger- und Großmütter bestiegen die Stühle“, berichtete die Zeitung.

Etwa 100 Soldaten standen bereit, um den Zeppelin, der einen Durchmesser von 14 Metern hatte, zur Erde zu ziehen. Der Feuilletonist in der Kabine wurde von seinen Gefühlen übermannt: „In diesem Augenblick erbraust von unten her der tausendstimmige Jubelruf Hannovers, die heiße Freude unserer Brüder und Schwestern unten auf der Erde loht flammengleich zu uns herauf“, notierte er. Honoratioren begrüßten die Passagiere, und der Riese ruhte für ein paar Stunden auf der Wiese. Neugierige konnten in die luxuriös eingerichtete Kabine spähen und einen Blick auf mahagoniverkleidete Armaturen, Perlmutt-Intarsien an den Deckenbalken und die leichten Korbsessel dort werfen. Dann entschwebte die „Viktoria Luise“ wieder, und der „in den Annalen unserer Stadt einzig dastehende Tag“, wie der „Anzeiger“ schrieb, war vorüber.

Vier Jahre darauf, im Oktober 1916, zerbrach die „Viktoria Luise“, als sie in eine Halle gebracht werden sollte. Doch sie hatte die Weltsicht des Feuilletonisten, der mit ihr über Hannover geschwebt war, verändert: „Wir werden“, schrieb dieser, „die nächste Eisenbahnfahrt als sehr, sehr unmodern empfinden.“

Hannover, die Zeppelinstadt

Wenige Wochen nach der Landung der „Viktoria Luise“ verlief der Stopp der „Hansa“ in Hannover eher enttäuschend: „Aufgrund der Windverhältnisse konnte sie nicht wie geplant auf der Bult landen, die Bäume der Eilenriede waren zu nah“, sagt Wolfgang Leonhardt, Luftfahrtexperte und Autor des Buches „Karl Jathos erster Motorflug 1903 – 100 Jahre Fluggeschichte in Hannover und Langenhagen“. Die Landung der „Hansa“ wurde kurzfristig auf die Vahrenwalder Heide verlegt – und Zehntausende warteten auf der Bult vergebens auf ihre Ankunft.

Auf der Vahrenwalder Heide landeten von 1913 an auch Heeresluftschiffe. Im Jahr darauf begann man auf dem Militärgelände dort mit dem Bau einer 184 Meter langen Zeppelinhalle. Im Bereich der heutigen Leipziger und Dresdener Straße entstand ein Zeppelinbahnhof, Hannover wurde zum Standort von etwa zehn Heeresluftschiffen. Von hier aus starteten Aufklärungsflüge über die Nordsee. Doch dann schossen die Engländer immer mehr deutsche Luftschiffe ab. „Noch während des Krieges zeigte sich, dass Zeppeline für Militäreinsätze nicht tauglich waren“, sagt Leonhardt.

Die Zeppelinhalle wurde 1917 wieder abgebaut, ihre Steine beim Bau der Eichenkreuzburg in der Wedemark und der Kleingartenkolonie des heutigen Vereins List e. V. recycelt. Ein großes Luftfahrtspektakel gab es am 14. Juni 1931 zur 100-Jahr-Feier der Technischen Hochschule auf der Vahrenwalder Heide: Hunderttausende Schaulustige sahen, wie Flugpionierin Elly Beinhorn Sturzflüge vorführte, „Purzelstürze“, wie der „Hannoversche Anzeiger“ schrieb. Charlotte Gießner sprang aus 800 Metern Höhe mit einem Fallschirm ab. Und dann landete das Luftschiff „Graf Zeppelin“.

Fünf Jahre darauf überflog die von Ernst A. Lehmann gesteuerte „Hindenburg“ Hannover und warf bündelweise Zettel mit dem Aufdruck „Deutschlandfahrt LZ Hindenburg“ über der Stadt ab. Lehmann war hier im Ersten Weltkrieg stationiert gewesen. Er starb am 7. Mai 1937, als seine „Hindenburg“ in Lakehurst in Flammen aufging. Die Katastrophe markierte das Ende der Zeppelinära.

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