Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 2 ° Schneeregen

Navigation:
12.000 Zeugen Jehovas kommen zum Bezirkskongress nach Hannover

Drei Tage Gottesdienst 12.000 Zeugen Jehovas kommen zum Bezirkskongress nach Hannover

Mehr als 12.000 Zeugen Jehovas kamen am Freitag in die AWD-Arena, um bei der Eröffnung des dreitägigen Bezirkskongresses unter dem Motto „Gottes Königreich komme“ dabei zu sein.

Voriger Artikel
WM der Lacrosse-Juniorinnen startet in Hannover
Nächster Artikel
77-Jähriger in Altenheim verführt und ausgenommen

Wenn gesungen wird, singen alle mit: Die Zeugen Jehovas in der AWD-Arena.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Wenn im akkurat getakteten Programm ein Lied ausgewiesen ist, dann singen alle. Ausnahmslos. Die Männer, die alle Anzug mit Krawatte tragen, die Frauen, die ihr bestes Kleid angezogen haben. Auch diejenigen, die die Gänge und Treppen im Inneren und die Zugänge außerhalb der AWD-Arena bewachen. Hier wird nichts hinterfragt, nicht diskutiert. Hier ziehen alle mit. Sie bilden einen riesigen Chor. Mehr als 12.000 Zeugen Jehovas kamen am Freitag ins Stadion, um bei der Eröffnung des dreitägigen Bezirkskongresses unter dem Motto „Gottes Königreich komme“ dabei zu sein.

Auf der Osttribüne stehen die Deutschen. Aus ganz Niedersachsen und dem westlichen Sachsen-Anhalt sind sie angereist. Davor auf dem Rasen stehen ein Pavillon und ein Rednerpult. Von dort wird gepredigt, stundenlang, über den Teufel zum Beispiel und die „vielen Drangsale, durch die wir in das Königreich eingehen“. „Es ist wie ein dreitägiger Gottesdienst“, sagt Sprecher Kai Hemmann. Schräg gegenüber, dort, wo sonst die Fans der Gegner von Hannover 96 sitzen, findet das Gleiche statt. Nur wird dort auf Polnisch gepredigt. Rund 2500 Polen und Spätaussiedler sind aus ganz Deutschland angereist, um ihren Glauben zu zelebrieren. „Glaube ist einfacher in der Muttersprache auszudrücken“, erklärt ein Mann in gebrochenem Deutsch. Gesungen wird aber gemeinsam. Das bringt den Zeitplan ein bisschen durcheinander. Der Prediger auf polnischer Seite braucht nämlich etwas länger, der deutsche ist schon fertig. Die Deutschen warten.

Außenstehenden fällt es schwer, dem Sermon aus Bibelzitaten und wiederkehrenden Anleitungen zum „richtigen“ Glauben zu folgen. Aber Außenstehende sind im Stadion trotz in den Wochen zuvor verteilter Handzettel nicht auszumachen. Fast jeder auf den Tribünen ist mit einer kleinen Bibel ausgestattet, um die über Lautsprecher verkündeten Zitate direkt nachblättern zu können. Die meisten machen sich dazu Notizen. Aber es wird einem auch nicht unbedingt leicht gemacht, einfach mal zwanglos reinzuschnuppern.

Alle paar Meter fragt ein Anzugträger mit Knopf im Ohr: „Wie kann ich Ihnen helfen?“ Die Frage ist freundlich gestellt, die Gesichtsausdrücke dazu zeugen eher von einstudierter Höflichkeit, hinter der sich Skepsis vor dem anzuglosen Fremden verbirgt. „Man weiß ja nie, wer da so kommt“, sagt Sprecher Hemmann. Eine Frau erzählt am Rednerpult davon, wie sie ihren Ehemann verloren habe, weil er „abtrünnigen Gedanken erlegen ist“. Sie sei darüber hinweggekommen, weil Freude davon abhänge, „Jehova zu gefallen“. Es klingt wie auswendig gelernt. Alle offiziell zur Schau getragene Offenheit findet hier ihre Grenzen.

Bis Sonntagnachmittag wird in der AWD-Arena noch gepredigt, gebetet und gesungen. Nächstes Jahr wollen die Zeugen Jehovas ihren Bezirkskongress wieder in Hannover abhalten.

Leben mit der Bibel

Rund 220.000 Zeugen Jehovas leben in Deutschland, in der Region Hannover etwa 2000. Viele Standpunkte der Religionsgemeinschaft werden kontrovers diskutiert. Einige Beispiele:

Lehre und Bibelauslegung: Die Lehre der Zeugen Jehovas ist auf die Wiederkunft Christi und die Herrschaft Gottes auf Erden ausgelegt. 144.000 Auserwählte dürften daran nach der endzeitlichen „Schlacht von Harmagedon“ teilhaben. Jegliches Alltagsleben basiert auf biblischer Grundlage. Aber: Widersprüche, die es auch in der Bibel gebe, ließen die Zeugen nicht zu, sagt Prof. Friedrich Johannsen, geschäftsführender Leiter des Instituts für Theologie und Religionswissenschaften an der Leibniz Universität Hannover. Er spricht von „selektiver Wahrnehmung“ der früher Bibelforscher genannten Zeugen Jehovas.

Teilhabe am gesellschaftlichen Leben: Die Zeugen Jehovas dulden staatliche Organisationen, nehmen in der Regel aber keinen aktiven Einfluss. So kandidieren sie nicht für politische Ämter und lehnen den Wehrdienst ab. Grundsätzlich gelten sie als Religionsgemeinschaft im Sinne des Artikels 4 des Grundgesetzes. Gleichzeitig versuchten sie, ihre Gemeinschaft als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkennen zu lassen. 2006 erhielten sie diesen Status. Damit sind Privilegien verbunden, beispielsweise Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. „Eigentlich beißt sich dieses Vorgehen mit dem Staatsbild der Zeugen“, sagt Johannsen.

Sexualität: Die Zeugen vertreten rigide Moralvorstellungen. Vorehelicher Sex, uneheliche Beziehungen und Homosexualität gelten als Sünde. Dabei berufen sich die Zeugen auf die Bibel, interpretierten die einschlägigen Stellen aber nicht, erklärt Johannsen.

Gesundheit: Weil sie Blut als heilig empfinden, lehnen die Zeugen Bluttransfusionen ab. „Das Menschenblut wird tabuisiert“, sagt Theologe Johannsen. Viele Anhänger tragen entsprechende Pässe mit sich, die sie von medizinischen Behandlungen mit Blut ausschließen.

Sebastian Harfst

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Anfang Juli heiratete Ernst August Erbprinz von Hannover Ekaterina Malysheva. Auf unserer Themenseite finden Sie Bilder, Videos und Berichte zur Promi-Hochzeit des Jahres in Hannover.

Lichterglanz in der City, Bundenzauber an der Marktkirche und Weihnachtsbaumverkäufer, die der Kälte trotzen: Wir sind tief ins HAZ-Archiv gestiegen und haben  historische Fotoschätze gefunden, die den Advent in Hannover von einer unbekannten Seite zeigen.
Historische Fotos: Alte Liebe zum Advent

Hannovers City leuchtet im Advent in allen festlichen Farben. Der Lichterglanz in der Stadt ist Tradition und hat im Laufe der Jahrzehnte so manche Wandlung erlebt. HAZ.de wirft einen Blick zurück.