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149 Kinder aus Tschernobyl landen in Hannover

Ferienaktion 149 Kinder aus Tschernobyl landen in Hannover

Eine Kur fern des Unglücksreaktors: 149 Kinder aus Weißrussland unweit von Tschernobyl sind am Donnerstag in Hannover gelandet. In den kommenden vier Wochen werden sie in Niedersachsen ihr Immunsystem stärken.

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Viele ukrainische Kinder wie Ivan (links) und Kirill leiden an Krankheiten durch Erbgutschäden.

Quelle: dpa

Hannover. Die Augen sind noch nicht ganz auf, die Wangen gerötet, doch die Mütze von Ivan sitzt perfekt. Der Neunjährige hat für die Reise extra das „Deutschland“-Käppi ausgesucht, denn auf den Besuch hier freut er sich seit Langem. Vorsichtig schreitet er die Treppe vom Flugzeug hinunter, er ist der Erste – und er grinst. Hinter ihm verlassen die anderen Kinder den Flieger, viele haben Plastiktüten dabei – mit Geschenken für die Gasteltern darin.

49 sogenannte Tschernobyl-Kinder in Begleitung von zehn Dolmetschern und fünf Müttern mit Kleinkindern sind gestern Morgen am Flughafen in Hannover auf Einladung der Landeskirche gelandet – vier Wochen werden die weißrussischen Kinder erholsame Ferien in niedersächsischen Gastfamilien in den Kirchenkreisen Melle, Grafschaft Schaumburg, Osnabrück und Burgdorf-Lehrte verbringen. Danach reisen weitere Kinder an.

130 Kinder aus Tschernobyl, fünf Mütter mit Kleinkindern und zehn Dolmetscherinnen sind am Donnerstag erschöpft auf dem Flughaben Hannover-Langenhagen gelandet. Sie verbringen vier Wochen auf Einladung der Landeskirche Hannovers bei niedersächsischen Familien.

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Ivan und sein Freund Kirill, der ebenfalls eine schwarz-rot-goldene Mütze trägt, sind in Rinteln an der Weser (Kreis Schaumburg) untergebracht – beide sind bei der Ferienaktion zum zweiten Mal dabei. „Die Chips“, sagt der neunjährige Ivan, die seien hier besonders gut. Das kann er sogar auf Deutsch sagen. Dass er aufgeregt ist und sich auf seine Gastbrüder freut, übersetzt dann aber doch Dolmetscherin Jelena Anistschenko. Zehn Dolmetscherinnen unterstützen die Gastfamilien bei der Kommunikation. „Und sonst müssen sie sich eben mit Händen und Füßen behelfen“, sagt Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes.

Die Evangelisch-lutherische Landeskirche lädt in diesem Jahr zum 21. Mal etwa 800 strahlengeschädigte Kinder im Alter zwischen acht und 14 Jahren in den Sommermonaten zur Ferienaktion nach Deutschland ein – alle Kinder stammen aus dem weißrussischen Gebiet Gomel. Die Region liegt etwa 180 Kilometer nördlich des Unglücksreaktors von Tschernobyl und gilt als besonders kontaminiert. Eine gesunde Umwelt und unbedenkliche Nahrung sind für die Kinder aus Weißrussland nicht selbstverständlich – hier in Niedersachsen sollen sie sich erholen, deshalb nehmen vorwiegend Familien aus ländlichen Gebieten die Kleinen auf. „Die Kinder sind zwar alle nicht akut erkrankt, doch ihr Immunsystem ist sehr geschwächt“, sagt Wilhelm Reessing von der Arbeitsgemeinschaft „Hilfe für Tschernobyl-Kinder“. Eine wissenschaftliche Untersuchung der vergangenen Aufenthalte habe gezeigt, dass allein der Urlaub in Deutschland den Gehalt des gefährlichen Cäsiums im Blut der Kinder um 25 Prozent vermindere, betont Reessing.

Seit 1991 besteht die Aktion der Landeskirche, insgesamt haben seither 24 000 strahlengeschädigte Kinder Urlaub in Deutschland gemacht. Durch die Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima in diesem Jahr sei das Interesse merklich gestiegen, berichtet Renate Paul, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft. „Es haben sich mehr Gastfamilien gemeldet“, sagt sie. Davor sei es immer schwieriger geworden, Familien für die Kinder zu finden. Nun seien die Risiken der Atomkraft und die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl von 1986 plötzlich wieder aktuell. Diakoniepastor Müller-Brandes fügt an: „Was diese Kinder hinter sich haben, haben die in Fukushima noch vor sich.“ Noch immer, so berichtet Renate Paul, würden nur acht bis zehn Prozent der Kinder in den betroffenen Gebieten rund um Tschernobyl gesund geboren.

Mit Partnern vor Ort in Weißrussland hat die Landeskirche Kinder, die aus sozial schwachen oder kinderreichen Familien stammen, für das Programm ausgesucht. Auf dem Rollfeld wurde denn auch der erste Ferienflieger aus Weißrussland von einer Delegation von Mitarbeitern und Ehrenamtlichen der Landeskirche begrüßt. Insgesamt beteiligen sich 20 Kirchenkreise an der Ferienaktion, sie entwickeln das Programm für die Gastkinder jeweils vor Ort. Auch die Busse, in denen die Ferienkinder weiter zu ihren Gastfamilien transportiert wurden, durften ausnahmsweise bis vor das Flugzeug fahren – hier bekommen die Tschernobyl-Kinder seit Jahren eine kleine Sonderbehandlung des Flughafens.

Auf dem Rückflug nahm die Tupolew 154 M knapp drei Tonnen spendenfinanzierte Medikamente und medizinische Hilfsgüter im Wert von 75 000 Euro mit nach Gomel – hier kommen sie den Kinderabteilungen der Krankenhäuser zugute. Ivans und Kirills Rückflug hingegen ist erst in vier Wochen – bis dahin heißt es für sie: Ferien in Rinteln.

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