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15-Jährige bestreitet jeden Zwang zur Prostitution

Flucht ins Bordell 15-Jährige bestreitet jeden Zwang zur Prostitution

Die 15-Jährige, die die Polizei Hannover als Opfer von Zwangsprostitution gesucht hat, ist gefunden – und bestreitet jeden Zwang. Derweil geben sich einige Freier im Internet schockiert.

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In der Fenskestraße musste die 15-Jährige der Prostitution nachgehen. Die Preise konnten die Freier im Internet nachlesen.

Quelle: Insa Catherine Hagemann

Hannover. Die Beurteilungen fielen reichlich pragmatisch aus. Als die Besucher eines Wohnungsbordells in der Hainhölzer Fenskestraße noch zu glauben vorgaben, das junge Mädchen, mit dem sie sich zuvor vergnügt hatten, sei 18 Jahre alt, sahen sie es offenbar als ihr gutes Recht an, sich zu der erhaltenen Dienstleistung zu äußern. Im Internet hatten sie die junge Frau gefunden, in eindeutigen Posen, mit Adressangabe in Hainholz und mit Preisliste nur einen Klick weiter, und nun gaben sie ihre Kommentare ab. „Geht so“, schrieb der eine, „tolles Date“, der andere, und einer beklagte sich, die junge Prostituierte sei nicht so recht bei der Sache gewesen. Die Kundschaft nahm kein Blatt vor den Mund. Man hatte schließlich bezahlt.

Am Freitag dagegen, nach der Berichterstattung über die Zwangsprostituierung einer 15-jährigen Lübeckerin in Hannover, brachen sich bei den Freiern Empörung und Abscheu Bahn. „Ja, die Arme kann einem echt leidtun. Das hier abgebildete Mädchen war wohl erst 15 und wurde zu allem gezwungen“, schrieb einer, und: „Hoffentlich schämen sich dann einige Männer hier.“ Ein anderer war „echt betroffen“. Nach Verblüffung klangen die Kommentare und nach Unglauben. Fast schien es, als sei den Stammgästen gerade erst klar geworden, dass sie es die ganze Zeit mit einem menschlichen Wesen zu tun hatten.

Von sogenannten Loverboys war in den vorhergegangenen Tagen in der Presse die Rede gewesen, es ging um Abhängigkeiten und Zwang und darum, wie sich skrupellose Kriminelle junge Mädchen gefügig machen, um sie als Prostituierte für sich arbeiten zu lassen. Im Internet hatte die 15-Jährige einen Mann aus Hannover kennengelernt und, wie es scheint, bot der ihr den Ausweg aus einem Umfeld, mit dem sie schon lange Probleme hatte – und aus dem sie offenbar nicht zum ersten Mal auszubrechen versuchte. Eine Flucht mit Kalkül.

Die Eltern geschieden, der Vater weit weg in Süddeutschland, die Mutter über die Maßen beschäftigt mit den Tieren auf dem Bauernhof in Schleswig-Holstein – so beschreibt Nadine Greve von der Stiftung „Stop Loverboys“ die häusliche Situation der jungen Frau. Mehrfach schon sei die 15-Jährige von zu Hause verschwunden, und glaubt man Greve, ist der Hannoveraner, auf den sie jetzt im Internet traf, nicht der Erste, für den sie ihren Körper an Freier verkaufte. „Ich gehe davon aus, dass sie wusste, was für eine Arbeit sie machen sollte, als sie jetzt wieder weggelaufen ist“, sagt Greve.

Einmal schon, Mitte der vergangenen Woche, fand die hannoversche Polizei unter Mithilfe von Greve und „Stop Loverboys“ das Mädchen in dem Wohnungsbordell in Hainholz. Die 15-Jährige kam in eine Jugendeinrichtung in ihrer Heimatstadt – und war einen Tag später wieder verschwunden. Am Donnerstagabend spürten die Ermittler sie erneut auf – in Hannover. Gegen 20 Uhr durchsuchten sie die Wohnung eines 21-Jährigen in der Nordstadt. Trotz allem, was passiert war, war sie zu ihm zurückgekehrt.

Er war es offenbar gewesen, der das Mädchen im Internet auf Facebook kontaktiert, ihr Liebesversprechungen gemacht und sie dann an den 46-jährigen Hainhölzer Wohnungsbesitzer vermittelt hatte. Gemeinsam, so stellt es sich der Polizei derzeit dar, ließen die beiden Männer sie dort anschaffen. Derweil lebte sie mit dem 21-Jährigen in dessen Wohnung zusammen. Als seine Freundin sozusagen.

Allerdings wollen die Ermittler vom Begriff „Loverboy“ nichts wissen. Dieser nämlich impliziere, dass das Mädchen zur Prostitution gezwungen worden sei. Das aber stritt die junge Frau am Freitag gegenüber den Ermittlern ab. „Nach dem jetzigen Stand der Ermittlungen deutet vieles darauf hin, dass die 15-Jährige aus freien Stücken der Prostitution nachgegangen ist“, teilte die Polizei also mit. Der 21-Jährige sei bisher nicht polizeilich in Erscheinung getreten. Jetzt ermitteln die Beamten gegen beide Männer wegen der Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger und der Ausbeutung von Prostituierten.

Das Mädchen befindet sich derzeit in der Obhut des Jugendamtes Hannover. Das überlegt jetzt, was mit ihm geschehen soll. Wie auch immer die Entscheidung ausfällt: Mittlerweile wäre es keine Überraschung mehr, wenn die 15-Jährige bald wieder verschwunden wäre – und bei jenem Mann wieder auftauchte, der sich ihre Dienste so gut bezahlen lässt.

Im Kinderzimmer des Mädchens auf dem Hof in Schleswig-Holstein hat die Polizei detaillierte Preislisten für sexuelle Handlungen gefunden. Wie es heißt, habe die 15-Jährige auch eine fiktive Geschichte geschrieben, in der sie in einem engen Raum als Zwangsprostituierte arbeitet. „Sie nimmt in Kauf, dass sie diese Arbeit machen muss“, sagt Nadine Greve. „Dafür verspricht der Mann ihr Liebe und Zuwendung, alles das, was sie zu Hause nicht bekommt.“ Greve bleibt dabei, dass der 21-jährige Nordstädter ein „Loverboy“ ist – auch, wenn das Mädchen jeden Zwang bestreitet.

„Ich hoffe, sie kommt drüber weg“, schrieb am Freitag noch einer im Internet. Keine Rede war da mehr von Qualitäten und Preis/Leistung. Jedenfalls für einen Tag.

Wer Jugendliche zum Sex vermittelt, wird bestraft

Der Straftatbestand des sexuellen Missbrauchs an Kindern liegt nur vor, wenn die Opfer unter 14 Jahre alt sind. Im Fall der 15-Jährigen kommt eine Bestrafung der Täter nach Paragraf 180 des Strafgesetzbuches infrage. Die „Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger“ wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder mit einer Geldstrafe geahndet. Voraussetzung ist, dass der Täter sein Opfer zu dem Zweck vermittelt oder ihm eine Gelegenheit verschafft hat, sexuelle Handlungen an oder vor einem Dritten vorzunehmen. Bestraft wird auch, wer einer oder einem Minderjährigen zur Ausübung der Prostitution Wohnung, gewerbsmäßig Unterkunft oder gewerbsmäßig Aufenthalt gewährt. Wird für diese Vermittlung Geld genommen, liegt die Freiheitsstrafe bei bis zu fünf Jahren, oder es wird eine Geldstrafe verhängt. Letzteres gilt für Opfer bis 18 Jahre.

Altersunabhängig ist die „Ausbeutung von Prostituierten“. In Paragraf 180a heißt es: „Wer gewerbsmäßig einen Betrieb unterhält oder leitet, in dem Personen der Prostitution nachgehen und in dem diese in persönlicher oder wirtschaftlicher Abhängigkeit gehalten werden, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Seit November 2008 sind auch der Besitz und die Verbreitung von Jugendpornografie strafbar. Wer sich Pornobilder von 14- bis 17-Jährigen aus dem Internet herunterlädt oder solche Bilder und Dateien verbreitet, muss mit einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe rechnen. Jugendpornografie war bis dahin nicht strafbar. Der Gesetzgeber hat damit nicht nur die Jugendpornografie unter Strafe gestellt, sondern auch eine Gesetzeslücke bei der Verfolgung von Kinderporno-Besitzern geschlossen. Zuvor waren Fotos von Kindern in sexuellen Posen legal – solange es auf den Bildern keinen Zusammenhang mit Handlungen Dritter gab.

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