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Aus der Stadt 150 Jahre Ernst-August-Denkmal vor dem Bahnhof
Hannover Aus der Stadt 150 Jahre Ernst-August-Denkmal vor dem Bahnhof
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19:57 26.08.2011
Seit 150 Jahren reitet Ernst August vorm Bahnhof in Hannover. Quelle: Rainer Dröse
Hannover

Bremen hat den Roland. Braunschweig den Löwen. Und Hannover hat ihn. So ein Denkmal kann wie die Visitenkarte einer Stadt sein. Ein Logo. Eine Marke. Ein Ankerpunkt lokaler Identität. Seit 150 Jahren reitet Hannovers König Ernst August vor dem Bahnhof. Anfangs hielt ein eiserner Zaun, der das Denkmal umschloss, dem Landesvater sein treues Volk vom Leibe, doch inzwischen hat der Treffpunkt „unterm Schwanz“ den Monarchen posthum zu einem volksnahen Herrscher gemacht; nach dem auch Brauhäuser und Einkaufsgalerien benannt werden. Zu Lebzeiten war er das eher nicht – und auch die Geschichte seines Denkmals zeugt vom gebrochenen Verhältnis zwischen König und Volk.

Ernst August galt bereits vielen Zeitgenossen als Herrenreiter – als Inbegriff des reaktionären Despoten. Kaum an der Macht, erklärte er 1837 ein halbwegs liberales Grundgesetz für nichtig und trieb sieben Göttinger Professoren, die dagegen protestierten, ins Exil. Gleichwohl versammelten sich gut drei Jahre nach seinem Tod einige Honoratioren um den königlichen Oberhofmarschall Carl Ernst von Malortie im Februar 1855 im Residenzschloss.

Bezeichnenderweise waren es vor allem Beamte, Offiziere, Adelige und Kirchenleute, die sich anschickten, ein „Comité“ zur Errichtung eines Ernst-August-Denkmals aus der Taufe zu heben. In Husarenuniform sollte es den alten Kavalleristen zeigen, bei dessen Beisetzung sein Leibpferd Ibrahim gleich hinter dem Leichenwagen hergeführt worden war.

Die Initiatoren riefen das Volk dazu auf, „im unvergänglichen Gedächtnisse der unermüdeten Sorge und Liebe, die der hochselige König seinem Lande gewidmet hat“, Geld für das Denkmal zu spenden. Mit verhaltenem Erfolg: Ursprünglich wollte man sich die Bronzeplastik rund 60.000 Thaler kosten lassen; schließlich öffneten die Bürger gerade überall im Lande ihre Börsen für den Bau von Schiller-Denkmälern. Doch obwohl ein leibhaftiger Londoner Lord, der Schützenverein zu Melle und ein Rabbiner samt seiner ostfriesischen Synagogengemeinde mit gutem Beispiel vorangingen und Geld gaben, sprudelten die Spenden für Ernst August nicht so recht. Gerade in Hannover wurde „eine allgemeine Betheiligung mit geringen Beiträgen im erwünschten Maße vermißt“, wie ein 1862 erschienenes „Ernst August Album“ beklagte. Der Prunkband entschuldigte die Spendenflaute damit, dass zeitgleich für Opfer einer Elbüberschwemmung gesammelt wurde – und überhaupt mit der „Theuerung aller Lebensbedürfnisse“. Schließlich übernahm Ernst Augusts Sohn, Georg V., einen Teil der Kosten von insgesamt gut 35.000 Thalern.

Immerhin konnten die Initiatoren für die Bronzeplastik einen Starbildhauer aus Berlin verpflichten: Christian Daniel Rauch hatte dort schon das Denkmal für Friedrich den Großen gestaltet. Da er selbst schon betagt war, sollte sein Schüler Albert Wolff seinen Entwurf ausführen. Betrübt fanden sich die Auftraggeber damit ab, dass sie leider keinen „vaterländischen Künstler“ beauftragen konnten. Doch erstens hätte der Konkurrenzentwurf des hannoverschen Bildhauers Heinrich Hesemann den König eher als Greis abgebildet, der „nur noch schwache Andeutungen der männlichen Kraft und Energie“ erkennen ließ. Und zweitens starb Hesemann noch in der Planungsphase. Immerhin flossen seine Entwürfe für Kopf und Uniform noch in die Pläne Wolffs ein – und das „Comité“ drang mit Erfolg darauf, das Denkmal in Hannover gießen zu lassen, beim Hof-Bronze-Fabrikanten Bernstorff & Eichwede.

Auch den Sockel hätte das „Comité“ am liebsten aus Bronze gefertigt, doch die Finanzlage legte eine „thunliche Beschränkung“ der Kosten nahe. Folglich schwärmten Trupps aus, um überall im Land nach Granit zu suchen, der farblich zur Bronzefigur passen sollte. Fündig wurden sie bei Torfhaus im Harz. Handwerker richteten „in wilder unwirthlicher Gegend“ eine Werkstatt für zahlreiche Arbeiter ein, um die Steine zu behauen.

Doch der Transport erwies sich als gewaltiges Problem: Das schwerste Stück wog 629 Zentner. Chausseekanäle und eine hölzerne Okerbrücke wurden verstärkt, doch vor Harzburg fuhr sich der eigens konstruierte Wagen fest. Erst in der trockenen Jahreszeit konnte der Sockel, um etliche Zentner erleichtert, nach Hannover transportiert werden – dank freundlicher Unterstützung der Braunschweigischen Eisenbahn.

Heftige Debatten gab es um den Standort: „Georg V. war eine Aufstellung des Denkmals auf dem belebten Bahnhofsplatz nicht recht, er hätte es lieber auf eigenem Grund und Boden gesehen, an der Herrenhäuser Allee oder auf dem Hof des Leineschlosses“, sagt der Historiker Carz Hummel, der die Geschichte des Denkmals erforscht hat. Auch der Friederikenplatz hatte viele Fürsprecher. Doch Bildhauer Wolff plädierte für den Bahnhof, weil das Monument „allen Fremden, die auf der Eisenbahn ankommen, selbst bei nur kurzer Dauer ihres Aufenthalts leicht zugänglich“ sein sollte. Die Stadt steuerte ihrerseits 2000 Thaler für das Denkmal bei – unter der Bedingung, dass es im Inneren der Stadt aufgestellt werden sollte. Am Ende gab Georg V. dem Standort am Bahnhof seinen Segen, da sein Vater Ernst August „auf diese Weise auch gerade in den Theil der Stadt zu stehen kommt, welchen Allerhöchstderselbe in so grossartiger Weise gegründet“ habe.

Anekdoten berichten, dass Ernst August die neumodische Eisenbahn hasste, da in ihr jeder hergelaufene Schneider oder Schuster ebenso schnell wie ein König reisen konnte. Angeblich soll er deshalb als stolzer Reiter dem Bahnhof despektierlich sein Hinterteil zeigen. Doch das hält Historiker Hummel für eine Legende: „Anders als oft behauptet, war er kein rückständiger Eisenbahngegner – sein Denkmal veredelt den Bahnhof doch gerade.“

Am 21. September 1861 jedenfalls zog ein feierlicher Festzug vom Waterlooplatz zum Denkmal, etwa 23.000 Menschen drängten sich bei der Enthüllung um das Monument. Seither hat sich fast alles hier verändert: Der alte Bahnhof musste schon um 1877 einem Neubau weichen, Krieg und Städtebau veränderten das Gesicht der Stadt, und selbst das Denkmal, das 1971 für den U-Bahn-Bau an den Landtag ausgelagert wurde, steht nicht mehr ganz am alten Platz: Bei seiner Rückkehr wurde es 1975 etwas Richtung Bahnhof versetzt.

Die Heimkehr des Herrschers geriet gleichwohl zum Triumphzug: Bei einem Volksfest umjubelten Tausende „ihren“ König. Oder doch zumindest jenes Sockelkunstwerk, das längst zum heimlichen Signet für alles Hannoversche schlechthin geworden war. Ein Stück Landeshauptstadt, entworfen von einem Preußen. Und aufgestellt mithilfe von Braunschweigern.

Simon Benne

Ein wenig Farbe für Ernst August

Zu seinem Jahrestag trägt Ernst August Rot statt Grau. 150 Jahre steht das Reiterdenkmal nun vor dem Bahnhofsgebäude. Um die Aufmerksamkeit der Passanten auf Ernst August zu richten, haben Winfried Müller-Schäm und sein Team von der Methodik Media-Management GmbH dem steinernen König am Freitag eine Stoffnachbildung jener Schärpe umgehängt, die er auch sonst trägt – nur eben aus Stein. Zunächst war der geschmückte Welfenkönig am Freitag von einem überdimensionalen Laken verhüllt. Das zog Bürgermeister Bernd Strauch herunter und eröffnete damit das Festwochenende unter dem Motto „Herrschafts’ Zeiten“ für das Denkmal. Rund um das Standbild zeigen Handwerker in altertümlicher Tracht ihr Können, eine große Tafel informiert über das Leben von Ernst August.

Eigentlich hatten die Organisatoren von Methodik Media sogar etwas anderes mit Ernst-August vor. „Vor einiger Zeit habe ich das Standbild bei Montagearbeiten aus nächster Nähe gesehen und überraschende Details festgestellt, die eigentlich jeder sehen sollte“, sagt Robert Chérestal, Kreativdirektor der Firma. Er entwickelte den Plan, ein Stahl- und Glaskonstrukt in Form eines Kubus um den Sockel aufzubauen, von dem aus Besucher auf Höhe des Pferdefußes stehen und den König aus der Nähe betrachten können. „Das hat zeitlich aber nicht mehr gepasst, also wollen wir das Projekt nächstes Jahr vorstellen“, sagt Chérestal. Fünf Tage lang soll der Kubus dann zugänglich sein. Insgesamt fünf Veranstaltungen sind rund um das Standbild von Ernst August geplant, eine pro Jahr.

isc

Programm auf dem Bahnhofsvorplatz

Sonnabend
13 bis 15 Uhr: Melange Salonmusik
14 bis 16 Uhr: Theater „Hahn im Korb“ und Märchenfiguren
15 bis 18 Uhr: Hannöversches Traditionscorps
16 bis 17 Uhr: Walt Kracht & his Orchestra

Sonntag
13 bis 15 Uhr: Melange Salonmusik
16 bis 17 Uhr: Walt Kracht & his Orchestra
16 bis 18 Uhr: Stedtische Scharwache Pattensen

An beiden Tagen zeigen Schausteller auf dem historischen Markt um das Denkmal Handwerk aus Ernst Augusts Zeiten, etwa das Prägen der Jubiläumsmünze. Die Ausstellung „Herrschafts’ Zeiten“ rund um das Standbild informiert über die Welfen in Hannover, den König und den Bezug zu Großbritannien. Dazu flaniert die Historische Eisenbahnuniformgruppe Minden, und es werden Kutschfahrten angeboten.

isc

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