Hannover. Es ist ein letzter Kraftakt, der den Mitarbeitern des Versicherers HDI-Gerling im Oktober bevorsteht. An diesem Wochenende beginnt der Umzug der ersten Abteilungen in den fertiggestellten Neubau am Nordende der Podbielskistraße. Zwei weitere Wochenenden lang werden die Möbelpacker unterwegs sein. Ende Oktober soll das neue Domizil dann bezogen sein – 1850 Mitarbeiter haben dann ihren Arbeitsplatz gewechselt. „Danach ist aber auch kein Spielraum mehr – das Haus ist voll“, sagte Vorstandschef Christian Hinsch am Freitag bei der Präsentation des Neubaus.
Es ist ein freundliches, transparentes Gebäude, das sich den Mitarbeitern öffnet. „Wir wollten keinen Versicherungspalast“, betont Hinsch, „aber wir müssen uns auch nicht kleinmachen.“ Der Talanx-Konzern, zu dem außer den HDI-Gerling-Sachversicherungen etwa auch die Hannover Rück gehören, zählt zu den drei größten Versicherungen Deutschlands. 23 Milliarden Euro Prämieneinnahmen setzt er jährlich um. Mit der Fusion der Kölner Gerling und der hannoverschen HDI 2006 wuchs der Büroflächenbedarf in Hannover gewaltig. 350 Mitarbeiter wechselten von Köln nach Hannover, weitere 450 Mitarbeiter wurden von anderen Standorten herbeigeholt oder neu eingestellt – für Hannover ein Plus von rund 800 Jobs. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen derzeit etwa 3500 Mitarbeiter in der Stadt. Bis Freitag waren sie auf sieben Standorte verteilt. „Das ist für die Zusammenführung einer Mannschaft nicht sonderlich zuträglich“, sagt Hinsch.
Sechs Geschosse hoch thront der Neubau an der Ecke zur Kichhorster Straße, die postalische Adresse ist Riethorst – wie bei der bisherigen HDI-Zentrale zwei Häuser weiter auch schon. Architekt Christoph Ingenhoven aus Düsseldorf (er schuf den Masterplan für Stuttgart 21) hat ein Gebäude mit „Fingern“ entworfen, die sich nach Süden und Norden erstrecken. Das ermöglicht Wachstum, wie der für den Bau verantwortliche Talanx-Vorstandssprecher Thomas Emmert erklärt: Sowohl nach Westen zur Wohnbebauung hin wie auch nach Nordosten können noch ein bis drei Bürofinger angebaut werden. 180 Millionen Euro hat der fertiggestellte, erste Bauabschnitt gekostet. Nach Firmenangaben ist das Budget eingehalten worden.
Mittelpunkt des Hauses ist das Atrium, das bei Veranstaltungen Platz für bis zu 1500 Besucher bietet. Es ist zugleich der architektonische Höhepunkt des Neubaus. Der Raum erstreckt sich über die volle Höhe des Gebäudes von 26 Metern und wird von einer verglasten Stahlwabendecke überspannt – 2500 Quadratmeter groß, imitiert sie fließende Bewegungen und liegt doch statisch nur auf vier zierlichen Stützpfeilern auf. Die Decke sei „die einzige Extravaganz im Gebäude“, sagt Hinsch bescheiden. Sie war allerdings auch Ursache der einzigen echten Baupanne (abgesehen von dem Bombenfund, der eine Großevakuierung erforderlich gemacht hatte). Bei der Montage der Decke hat das beauftragte Unternehmen Teile falsch zusammengesetzt. „Es waren nur einige Zentimeter – aber alles musste wieder runter“, erinnert sich Emmert.
Zwei mattweiße, spindelförmige Treppen geben dem Glasfoyer Eleganz, drei vollverglaste Doppelaufzüge machen die Benutzung dieser Treppen überflüssig. Ein flaches Wasserspiel, das den Besucher auf dem Weg von der Straße zum Haupteingang flankiert, setzt sich im Inneren fort. Ein Mitarbeiterrestaurant mit Cafeteria steht für die Pausen bereit, 1200 Portionen täglich kann die hauseigene Küche zubereiten.
Auf die ursprünglich geplante Betriebs-Kita hat man mangels Nachfrage verzichtet. Unter dem Gebäude liegt eine Tiefgarage, die Grünflächen ums Haus sind liebevoll gestaltet. Auch in den Bürofluchten – statt Großraumbüros setzt HDI weiter auf Gruppenräume – steht Transparenz ganz oben. Viel Glas prägt die Büros, „auch die Vorstandsräume“, wie Hinsch betont: „Schließlich geht es nicht um Mitarbeiterkontrolle, sondern um Offenheit.“ Beim Energiekonzept hat das Unternehmen zwar auch auf gute Dämmstandards gesetzt – nach eigenen Angaben liegt der Energieverbrauch 30 Prozent unter der Vorschrift –, vor allem aber wird die Heizwärme mit 100 Meter tiefen Geothermie-Bohrungen umweltfreundlich erzeugt.
Für den Neubau ist das Blumengeschäft Meisert gewichen, das mangels Nachfolge aber ohnehin vor dem Ende stand. Wenn alle Umzüge abgeschlossen sind, droht Hannover ein erheblicher Leerstand bei Büroimmobilien: Für Zwischenlösungen hatte das Unternehmen etliche Tausend Quadratmeter Bürofläche angemietet, die künftig neue Nutzer brauchen. In dem Altbau Riethorst und ihrem Kundenservicecenter Wedekindstraße bleibt die HDI-Gerling aber weiterhin präsent.
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