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Ein aufrührender Todesfall

Der Tod von Halim Dener Ein aufrührender Todesfall

Vor 20 Jahren starb der junge Kurde Halim Dener in Hannover durch den Schuss eines Polizisten. Der Vorfall polarisierte – in Hannover und ganz Deutschland. Am Sonnabend ruft die „Kampagne Halim Dener“ zu einer Gedenkveranstaltung für den getöteten Jungen auf.

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16.000 Kurden beteiligten sich am Trauermarsch für ihren ums Leben gekommenen Landsmann in Hannover.

Quelle: Archiv

Hannover. In der Nacht zum 30. Juni 1994, einem Freitag, entdecken zwei Zivilbeamte der Polizei mehrere Jugendliche, die auf dem Steintorplatz Plakate der Nationalen Befreiungsfront Kurdistans kleben, des politischen Arms der kurdischen Arbeiterpartei PKK. Beide sind seit einem halben Jahr als terroristische Organisationen eingestuft und verboten. Als die Beamten die Jugendlichen überprüfen wollen, flüchten diese. Ein 28-jähriger Polizist wirft den 16-jährigen Kurden Halim Dener, der aus seiner anatolischen Heimat geflohen ist und unter falschem Namen in Neustadt lebt, zu Boden. Darüber, was dann passiert, gibt es unterschiedliche Auffassungen. Der Polizist sagt, im Handgemenge habe sich versehentlich ein Schuss gelöst, der Dener in den Rücken traf und ihn tödlich verletzte. Unter Kurden und Sympathisanten etwa aus der linken Szene hält sich eine andere Version. Der 16-Jährige sei mit Absicht erschossen worden. „Zumindest hat das politisch geschürte Klima von Hass gegen und Angst vor Kurden mittelbar den Tod des Jugendlichen verursacht“, sagt Holger Benz von der „Kampagne Halim Dener“.

Die Folgen der Vorfälle bringen nicht nur die Stadt zum Brodeln, sondern haben Auswirkungen im ganzen Land. Schon am folgenden Sonnabend demonstrierten Kurden und Linksautonome in Hannover, Hamburg, Bremen und Stuttgart. „Die Polizei führt Krieg gegen uns“, skandieren sie. Am Abend dreschen dann in mehr als einem halben Dutzend Städten bundesweit Randalierer auf Streifenwagen der Polizei ein, werfen Brandsätze auf Wachgebäude oder zertrümmern deren Fensterscheiben. Behörden gehen davon aus, dass die Aktionen zentral gesteuert werden.

Ein Polizist hatte am 30. Juni 1994 den 16 Jahre alten Halim Dener beim Plakatieren am Steintor erschossen. Ein Rückblick auf den Fall, der ganz Deutschland bewegete.

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Eine Woche später versammeln sich 16.000 Menschen, weitgehend Kurden, zu einem Trauermarsch, der am auf dem Steintorplatz aufgebahrten Sarg mit dem Leichnam Deners vorbeiführt. Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg spricht den Angehörigen sein Mitgefühl aus. Er teile Angst und Sorge, aber auch Zweifel, was den Tathergang angehe: „Offene Fragen müssen zügig und lückenlos aufgeklärt werden.“

Das wiederum ruft nationalistische Türken auf den Plan. Das auch in Deutschland auflagenstarke Massenblatt „Hürriyet“ macht sich zu ihrem Sprachrohr, bezeichnet Schmalstieg als „Terroristenwerkzeug“ und ruft Leser dazu auf, beim Oberbürgermeister zu protestieren. Die Telefonnummer wird mitgeliefert und als Folge reichlich benutzt, und zwar auch für Drohungen. Auch unter Deutschen polarisieren sowohl der Vorgang an sich als auch Schmalstiegs Rede – die HAZ veröffentlicht mehrere Leserbriefseiten. Als die PDS (heutige Linke) ein Kurdenfestival mit bis zu 100.000 Teilnehmern veranstalten will, werden Stadt und Sicherheitsorgane nervös. Die Veranstaltung wird nicht genehmigt. In Wirklichkeit habe die Vorbereitung in den Händen der PKK gelegen, lautet die Begründung.

Die juristische Behandlung des Falles Dener dauert drei Jahre und geht bis vor den Bundesgerichtshof. Am Ende folgt die Justiz der Version des Polizisten.

Demo: Polizei schickt Großaufgebot

Linke Gruppierungen und Kurdenorganisationen aus dem norddeutschen Raum, aber auch der Flüchtlingsrat und andere Verbände haben unter dem Namen „Kampagne Halim Dener“ zu einer Demonstration am Sonnabend in Hannover aufgerufen, deren erwartete Teilnehmerzahl mittlerweile bei 1000 liegt. „Es soll eine Gedenkveranstaltung werden, kein Trauermarsch“, sagt Versammlungsleiter Dirk Wittenberg. Er verspricht, Eskalationen zu vermeiden. Ob das klappt, könnte nicht zuletzt davon abhängen, ob die Demonstranten Auflagen einhalten. So dürfen sie zum Beispiel nicht Symbole verbotener Organisationen zeigen. Die Polizei wird ein Großaufgebot einsetzen. „Wir halten Störungen nach jetzigen Erkenntnissen nicht für ausgeschlossen und werden konsequent einschreiten, wenn es dazu kommt“, teilt ein Sprecher mit.

Der Zug startet um 14 Uhr auf dem Klagesmarkt und führt über Arndt-, Herschel-, Celler-, Otto-Brenner- und Goethestraße zum Steintorplatz. Dort soll es um 15.45 Uhr, wenn auf der Bühne der parallel laufenden Fete de la Musique gerade Pause ist, zu einer Kundgebung kommen. Danach marschieren die Demonstranten zurück zum Klagesmarkt.

Mit der Kundgebung verbinden sich politische Forderungen etwa nach einer Aufhebung des PKK-Verbotes. Auch an die hiesige Politik richten sich Wünsche. „Es gibt bis heute kein angemessenes Umgehen mit dem Fall Halim Dener“, sagt Wittenberg. Die Stadt solle sich darüber Gedanken machen. Möglich sei zum Beispiel, eine Straße nach dem jungen Kurden zu benennen.

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20. Todestag von Halim Dener
Kurz nachdem die Demonstranten am Steintor eingetroffen waren, holten Mitglieder des Schwarzen Blocks etwa zwei Dutzend verbotene Flaggen der Kurdischen Arbeiterpartei PKK hervor.

Etwa 750 Demonstranten haben am Sonnabend unter dem Namen „Kampagne Halim Dener“ in der Innenstadt an den 1994 getöteten Kurden Halim Dener erinnert. Bis auf Provokationen aus dem Schwarzen Block und einem zeitweiligen Verkehrschaos am Steintor verlief die Demonstration friedlich.

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