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Wenn taube Kinder hören können

25 Jahre CIC Wilhelm Hirte Wenn taube Kinder hören können

Das CIC Wilhelm Hirte war bei seiner Gründung 1990 weltweit die erste Einrichtung, die Therapien für am Ohr implantierte Kinder anbot. Am kommenden Donnerstag feiert es sein 25-jähriges Jubiläum mit einem Festakt. Am Sonntag gibt es einen Tag der offenen Tür.

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„Man glaubt ja, das Kind wird nie hören, lesen, nie sprechen“: Moritz Thorandt wird all das können – obwohl er taub ist.

Quelle: von Ditfurth

Hannover. Für Moritz ist es vermutlich einfach ein Spiel. Bunte Ringe aus Holz soll der blonde Zweijährige von einem Ständer holen und dann in ein graues Plastikrohr stecken. Einzige Bedingung: Die Ringe dürfen erst ins Rohr, wenn der Ton verklungen ist, den er hören soll. Es gibt viele Töne für Moritz zu hören: schwingende, aber auch knarzende, zischende, einen sogar, der angeblich wie ein Schneesturm klingt. „Da“, sagt Moritz zufrieden, wenn er wieder einen Ring ins Rohr bugsiert hat. Und „Ma’a“, wenn er findet, dass die Mama mal mitmachen soll.

Tatsächlich absolviert Moritz an diesem Morgen im Audiometriezimmer des Cochlear Implant Centrums Wilhelm Hirte (CIC; in der deutschen Schreibweise Cochlea fällt das „r“ weg) etwas, das Fachleute trocken „technische Anpassung“ nennen. Dabei verbirgt sich dahinter ein kleines Wunder. Denn die Patienten im CIC sind taub geboren oder irgendwann ertaubt. Eine Innenohrprothese, ein Cochlea-Implantat (CI), das mithilfe elektronischer Impulse den ertaubten Hörnerv reizt, ermöglicht es ihnen, dennoch zu hören. In regelmäßigen Abständen wird es „angepasst“, das heißt die Stromstärke und andere Parameter werden reguliert, sodass der Patient optimal hören kann.

So funktioniert das Implantat

1: Die wie ein konventionelles Hörgerät hinter dem Ohr getragene Audioeinheit nimmt Sprache und Geräusche per Mikrofon auf und wandelt sie in Impulse um.
2: Die Impulse werden von der außen am Kopf sitzenden Spule zur Spule im Schädelinneren übertragen.
3: Ein Prozessor wandelt die kodierten Signale in elektrische Impulse um und leitet sie zu Elektroden in der Cochlea.
4: Stromimpulse stimulieren Haarzellen in der Hörschnecke (Cochlea), die mit Nervenzellen verbunden sind.
5: Über den Hörnerv werden die Signale an das Hörzentrum im Gehirn weitergeleitet, wo sie als akustische Ereignisse erkannt werden.

Erste Einrichtung

Das allein reicht aber nicht. Die Geräusche zu differenzieren, einzuordnen, Hören lernen also, das tun die Kinder in Einrichtungen wie dem CIC, in einer Therapie, die sich, verteilt auf jeweils mehrtägige Aufenthalte im CIC, über Jahre erstreckt. Das CIC Wilhelm Hirte war bei seiner Gründung 1990 weltweit die erste Einrichtung, die Therapien für am Ohr implantierte Kinder anbot. Am kommenden Donnerstag feiert es sein 25-jähriges Jubiläum mit einem Festakt. Am Sonntag gibt es einen Tag der offenen Tür.

Was geht in einem Menschen vor, der plötzlich aus einer Welt der Stille in eine Welt der Geräusche, Klänge, Stimmen wechselt? Moritz war vermutlich viel zu klein, als er sein CI bekam, um sich je bewusst an diesen Moment zu erinnern. Er wurde gehörlos geboren. Ein Gendefekt, den beide Eltern (beide hörend) tragen, ist die Ursache dafür. Mit einem Jahr wurden ihm in beide Ohren Implantate eingesetzt. Seine erste Reaktion? „Keine Reaktion“, erzählt Mutter Martina Thorandt. „Vielleicht hat er mal kurz aufgeschaut.“ Erst im Verlauf der nächsten Wochen habe man gemerkt, dass der Kleine immer mehr hörte. Wie gut Moritz andere mittlerweile versteht, kann man an diesem Tag bei CIC-Therapeutin Ingeborg Maneke erleben. Da bekommt er ein Stoffpferd in die Hand gedrückt und soll dafür aus dem Puppenhaus einen Stuhl holen. Moritz belässt es nicht dabei, Sessel und Couch werden herausgeräumt. Schließlich sollen die Pferde von Mama und Frau Maneke auch irgendwo sitzen. „Taubheit als Diagnose ist natürlich zuerst ein Schock“, sagt Martina Thorandt. „Man glaubt ja, das Kind wird nie hören, lesen, nie sprechen.“ Dann – mit dem CI – stelle man fest, dass all das doch gehe. „Das Leben ist fast so, wie man es sich mit einem normalen Kind vorgestellt hat.“

Auch CIC-Leiterin Barbara Eßer-Leyding stellt für Moritz eine gute Prognose. Wenn er sich weiter so entwickle, könne er ganz normal in eine Grundschule eingeschult werden. Nicht immer gelingt ein Leben mit einem Cochlea-Implantat so gut. Etwa 40 Prozent der implantierten Kinder hätten nicht nur ein Hörproblem, sagt Eßer-Leyding. Allerdings stelle sich das oft erst im Verlauf ihrer Entwicklung heraus. Konzentrations-, Wahrnehmungs- oder Verhaltensstörungen könnten auftauchen. Manche Kinder entwickelten autistische Züge. Bei einem Kind, das keine weiteren Entwicklungsstörungen habe und gut von den Eltern gefördert werde, liege die Chance, bis zum Schulalter eine Sprachentwicklung wie Gleichaltrige aufzuweisen, aber zwischen 90 und 100 Prozent.

Leben mit Implantat

Constanze Krull ist vermutlich so ein 100-Prozent-Kind. Besser gesagt: Sie war es. Mittlerweile ist sie 29 Jahre alt. Die gehörlose junge Frau mit Cochlea-Implantat hat eine normale Grundschule und das Gymnasium besucht. Danach hat sie Sozialpädagogik studiert. Jetzt ist sie selbst in der Frühförderung von CI-Kindern tätig. Nichts merkt man von ihrer Gehörlosigkeit, wenn man ihr heute gegenübersitzt. Sie spricht klar und deutlich, scheint keine Probleme mit dem Verstehen zu haben. Wenn man länger mit ihr redet, stellt sich aber heraus, dass ihre Erfolgsgeschichte eine Kehrseite hat. Der Kampf des Kindes mit dem CI um einen Platz in der Welt der Hörenden hat Spuren hinterlassen. Denn die kleine Constanze sollte um (fast) jeden Preis in der Welt der Hörenden bestehen. Ihre Familie legt Wert darauf, dass sie weiter spricht, selbst in der Zeit, als sie noch kein Implantat hat und sich selbst beim Sprechen nicht hören kann. Ein sehr mühsames Unterfangen. Krull lernt Lehrer und Mitschüler kennen, die sie unterstützen, und solche, die sie wegen ihrer Behinderung ausgrenzen. Lange verheimlicht sie ihr Handicap deshalb vor anderen. Seit sie es nicht mehr tut, fühlt sie sich wohler in ihrer Haut: „Wenn man nicht zu seiner Behinderung steht, fehlt einem einfach ein Stück Identität.“

Constanze Krull war fünf Jahre alt, als sie plötzlich ertaubte. Sie war stark erkältet, plötzlich hat sie nichts mehr gehört. Anfangs war das Gehör zeitweilig noch wiedergekommen, dann nicht mehr, erinnert sie sich. Mumps wurde als Grund für die Ertaubung diagnostiziert.

Wie war es, als sie plötzlich komplett von Stille umgeben war?

Die Antwort ist für einen Gesunden erstaunlich: Viel schlimmer habe sie es empfunden, dass sie plötzlich im Krankenhaus in Quarantäne war, weil die Ärzte nicht wussten, ob sie eine ansteckende Krankheit hat. Die Fünfjährige, gläubig erzogen, fürchtete, dass die Taubheit eine Strafe Gottes ist, fühlte sich verantwortlich für den Schmerz ihrer Familie. Dass sie plötzlich von Stille umgeben war, hat sie – so sagt sie – einfach nur resigniert hingenommen.

Es gibt allerdings einen Moment, in dem man merkt, wie beängstigend diese Stille ist. Constanze Krull ist eine CI-Patientin der ersten Stunde. 1992 bekam sie das Implantat in Hannover. Heute ist diese Technik veraltet. Es gibt keine Ersatzteile mehr für ihr Gerät. Deshalb muss sie sich jetzt entscheiden, ob sie sich freiwillig wieder operieren lässt oder wartet, bis ein kaputtes Kabel sie dazu zwingt. „Nach einer OP wäre ich vier Wochen lang wieder komplett taub. Ich weiß nicht, ob ich das noch einmal aushalten kann.“

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