Der Lärm ist ohrenbetäubend. Als der Sonderzug mit 1300 französischen Conti-Mitarbeitern morgens um kurz vor 9 Uhr verspätet am Hauptbahnhof einfährt, sind schon knapp hundert Landsleute da, Arbeiter aus dem Werk in Sarreguemines, dem französischen Conti-Stammwerk. Sie sind mit dem Bus gekommen, sehen noch ein wenig unausgeschlafen aus. Trotzdem begrüßen sie die eintreffenden Kollegen mit Gesängen, Gejohle und Geklatsche. Der Bahnhof erzittert für einen Moment, die zahlreichen deutschen und französischen Kamerateams halten den grenzüberschreitenden Schulterschluss für die Fernsehnachrichten fest. In der großen Halle war es wohl noch nie so laut.
„Tous ensemble, tous ensemble“, brüllen die französischen Conti-Arbeiter – und übersetzen anschließend mit anmutig klingendem Akzent: „Alle susammen, alle susammen!“ Die Deutschen skandieren auch, aber zurückhaltender. Auf dem Weg durch die Stadt entrollen die mit eigens entworfenen T-Shirts und Aufklebern dekorierten Demonstranten ihre Transparente. „Wir sind vereint in derselben Wut“, liest man da. Und das schöne Wort von der „solidarité“. Gemeinsam zieht der Tross zum hannoverschen Congresscentum (HCC), 3000 Köpfe stark.
„Wir sind als Nächste dran“, glaubt Lohnbuchhalter Laurent Kerm aus Sarreguemines, einem anderen bedrohten Conti-Werk.
Grundschullehrer Eric Margely geht neben ihm; auch ihn berührt das Schicksal der Conti-Werker. Er hält die Arbeiter für die Speerspitze einer neuen sozialen Bewegung in Frankreich. „Die Leute fordern, Entlassungen gesetzlich zu verbieten. Das ist absolut revolutionär“, sagt er. Und was die Geiselnahmen von Bossen angeht, die in Frankreich immer häufiger vorkommen, da solle man sich nicht aufregen. „Eine Entlassung ist viel brutaler als eine Nacht im Büro“, meint Eric.
Auf dem Platz vor dem HCC folgt ein wahrer Marathon von Rednern: Deutsche und französische Gewerkschafter schimpfen auf Chefs und Aktionäre. IG BCE-Bundesvorstand Werner Bischoff nennt die Schließungen der Lkw-Reifenproduktion in Stöcken und der Pkw-Reifenproduktion in Clairoix „falsch und eine sozialpolitische Bankrotterklärung des Vorstandes“. Einige Franzosen liegen derweil längst auf dem Rasen und schlafen. Andere warten darauf, dass endlich etwas passiert. Ab und zu knattert mal ein Knallfrosch – das ist alles.
Nachdem der letzte Redner geendet hat, kommt eine Jazzcombo auf die Bühne. Die Franzosen schauen sich irritiert an – fröhliche Musik? „Das würde es bei uns niemals geben“, sagt einer. Gerade noch wurden Grabreden auf die von Schließung bedrohten Werke gehalten – und nun spielt eine Band Tanzmusik. Kaum ist der offizielle Teil vorbei, strömen die deutschen Teilnehmer zum Unmut der Organisatoren in Richtung Stadt. Es ist sonnig, es ist Mittagszeit – warum also vor dem Gebäude ausharren, wenn sich Vorstand und Aktionäre ohnehin nicht für sie interessieren?
Auch einige Franzosen ziehen ab in Richtung der Cafés und Biergärten. Übrig bleiben knapp 600 Demonstranten, die – inzwischen hellwach – vor dem Kuppelsaal Stellung beziehen. Gnadenlos pfeifen sie jeden Aktionär aus, der aus dem Gebäude tritt. Brenzlig wird es allerdings nie. Durch die Linien der Polizeibeamten ist kein Durchkommen.
„Wir sind zufrieden mit dem Verlauf der Veranstaltung“, erklärt die Polizei später. Die französischen Gäste hätten sich „umgänglich und kooperativ“ verhalten. Auch die deutschen Gewerkschafter zeigten sich angetan. „Wir können von den Franzosen lernen, wie man sich richtig bemerkbar macht“, heißt es von den Organisatoren. Ein Gegenbesuch in Clairoix werde vorbereitet.
Im HCC macht Conti-Chef Karl-Thomas Neumann klar, dass für ihn kein Weg an Werksschließungen vorbeiführt. Selbst damit habe man noch nicht alle Überkapazitäten abgebaut. „Wir müssen das Haus Continental kleiner machen“, sagt Neumann. Eine Verlängerung der Kurzarbeit, von der Ende des Monats wohl die Hälfte der Belegschaft in allen deutschen Werken betroffen sei, werde das Ende nur hinauszögern. Die Werksschließung bedeute aber nicht das Aus für den gesamten Standort Stöcken.
Von Belegschaftsvertretern muss er sich dennoch harsche Kritik anhören. Conti-Gesamtbetriebsratschefin Bärbel Bruns berichtet auf der Hauptversammlung unter Tränen von der tiefen Betroffenheit unter den Mitarbeitern, von Zorn und Ohnmacht. Sie erwarte von gut bezahlten Managern in Krisenzeiten Weitsicht statt eines „panikartigen, kurzsichtigen Aktionismus“. Als sie das sagt, sitzen die Franzosen längst wieder im Zug nach Hause. Auch wenn keine Reifen brannten wie in Frankreich – ihre Botschaft ist in Hannover angekommen.
von Alexander Nortrup, Vivien-Marie Drews und Bernd Haase
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Kommentare
Aber, aber Herr Manthey Kurt Neumann – 24.04.09
Herr Manthey, warum gleich in die Beleidigungskiste greifen. Sie haben doch keinerlei Ahnung von meiner Einstellung zur Arbeit - halten mir diese aber als fehlend vor. Keine Angst - ich bin vom Staat und den geliebten Leistungen auf ganzer Linie unabhängig. Auch für meine Rente habe ich selber gesorgt! Ich jammere auch nicht, sondern nehme meine Sache selbst in die Hand.Ich verbreite auch keine Phrasen mit meinen Kommentaren. Ich mag es nur nicht, wenn uninformierte Menschen Gewerkschaftsparolen nachplappern, selbst aber keine Ahnung von den Fakten haben.
Auch Sie lehnen sich sehr weit aus dem Fenster. Besserwisserei wie Sie sie hier äußern - ganz ohne Fakten - könnte ich auch Phrasenverbreitung nennen. Ihre Kommentare klingen sehr nach Gewerkschaftsposition.
Faktisch können die Mitarbeiter in Stöcken nichts erreichen. Wie auch. Denen gehört das Werk nicht. Wenn also der Vorstand das Werk schließt, so hat die Belegschaft zu akzeptieren. Lange Betriebszugehörigkeit generiert noch lange keinen Anspruch auf was auch immer. Ihre Position scheint an dieser Stelle nur allzu kurzsichtig und zu einfach gedacht. Über den Tellerrand sollte ein wenig weiter in die Zukunft gedacht werden.
Hätten die Mitarbeiter über Jahre mehr in sich selbst investiert, wären die Möglichkeiten einen neuen Job zu finden wesentlich verbessert und die Dauerjammerei hätte nur eine geringe Chance.
Richtige Einstellung zur Arbeit Gerhard Manthey – 24.04.09
Herr Neumann, vielleicht könnten sie mal ihre, offenbar fehlende, Einstellung zur Arbeit kundtun, anstatt nur phrasenreiche Kommentare abzugeben. Die Continentäler wollen ihre Arbeit leisten und haben bisher zu den Rekordgewinnen immer beigetragen. Obwhl profitabel sollen sie nun ihre Arbeitsplätze verlieren. Stöcken zu schliessen ist nicht nur unlogisch sondern zeugt von einer Unternehmenspolitik ohne jegliches Nachdenken. Den Vorständen können sie fehlendes Denken vorwerfen, aber nicht den Arbeitern, die völlig berechtigt für ihre Situation auf die Strasse gehen.Falscher Gedanke Kurt Neumann – 24.04.09
....die Arbeitsplätze gehören EUCH gar nicht - was willst Du da verteidigen???Einen Anspruch hast Du auch nicht! Und nun?? Wie wäre es mit einer anderen Einstellung bei der Arbeit?? Denk nach!
Falscher Durchblick Kurt Neumann – 24.04.09
Wenn ich Kommentare wie: Profitstreben....Konzerne....usw. lese, zeigt mir derartiges Geschreibsel, dass der Verfasser zwar rotes Gedankengut pauschal nachplappert - von wirklicher Kenntnis der aktuellen Situation bei Conti hat er allerdings keine Ahnung. Arme, verblödete Arbeiterschaft. Wie wäre es dagegen mit "DENKEN" ?Demo der Continentäler Kurt Kleffel – 23.04.09
Die heutige Demo war eine beeindruckende Aktion der internationalen Arbeitereinheit gegen das Profitstreben von internationalen Konzernen wie Conti. Weiter so! Nur mit Kampf können wir unsere Arbeitsplätze verteidigenReifenproduktion in Hannover börni – 23.04.09
Reifen sollten in Hannover nun wirklich nicht produziert werden, denn Reifen verursachen durch ihren Abrieb Feinstaub. Und gegen solchen sind die Hannoversche(n) SPD und Grünen doch. Oder täusche ich mich?Continental Stefan Beckmeier – 23.04.09
diese Aktion zeigt das die Mitarbeiter der Continental einen zusammenhalt zeigen der Vorbildlich ist. Der Vorstand sollte sich eine scheibe mal davon abschneiden und die Entscheidung zurück nehmen, denn hier geht es um 2000 Arbeitsplätze und deren Familien.