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Gedenkmarsch

35.000 Hannoveraner nehmen Abschied von Enke


Mit einem Gottesdienst in der Marktkirche und einem Gedenkmarsch durch die Innenstadt haben am Mittwochabend 35.000 Hannoveraner Abschied von Robert Enke genommen.
35.000 Menschen ziehen durch die Innenstadt und trauern wie hier in der Karmarschstraße um den 96-Torhüter.

35.000 Menschen ziehen durch die Innenstadt und trauern wie hier in der Karmarschstraße um den 96-Torhüter.

© Nico Herzog

Es ist schon eine ungewöhnliche Gemeinde, die sich an diesem Abend in der Marktkirche versammelt. Jungen mit roten Trikots, Fans mit Schals und Mützen in den Vereinsfarben sind gekommen. „Die ersten waren schon Nachmittags da“, sagt Ilse Paul, die hier sonst ehrenamtlich Besucher begrüßt. In den überfüllten Seitenschiffen herrscht vor der Trauerandacht zum Tod von Robert Enke Gedränge wie in einem Fanblock.

Rund 700 Menschen haben es bis in die Kirche geschafft, 35.000 werden anschließend beim Trauermarsch durch die Stadt ziehen. Kurve und Kirche sind sich heute sehr nahe. Doch es herrscht im Gotteshaus eine bemerkenswerte Stille; es geht ruhiger zu als in manchem Weihnachtsgottesdienst. Auch, als all die Stars hereinkommen, deren Auftreten sonst lautstarken Jubel auslöst.

Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack, den Tränen nahe, umarmt stumm die Frau in der ersten Reihe, Teresa Enke, die seit wenigen Stunden Witwe ist. Dann nimmt er in der zweiten Reihe Platz, neben Bundestrainer Joachim Löw, der mit versteinertem Gesicht dasitzt. Teammanager Oliver Bierhoff ist gekommen, 96-Klubchef Martin Kind, DFB-Präsident Theo Zwanziger, sie alle sitzen wenige Meter vor den Fans, vor einfachen Leuten. Heute gibt es da keine Unterschiede. „Eigentlich ein Traum, all denen so nahe zu sein – aber ich wünschte, er wäre nie in Erfüllung gegangen“, sagt eine junge Frau zu ihrer Freundin.

Dumpf läuten die Glocken, als die Mannschaft von Hannover 96 die Kirche betritt. Unsicher wirken viele Spieler, Jiri Stajner in schwarzer Lederjacke, andere in Jeans, als sie da am Altar vorbei gehen. Dann beginnt die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann die Andacht, und in ihrer Predigt findet die Landesbischöfin die richtigen Worte: „Gut, dass der Leistungssport nicht ununterbrochen in Betrieb ist, sondern inne hält“, sagt sie. „Fußball ist nicht alles in unserem Leben.“ Sie spricht von der Heilsamkeit der Stille und der Zerbrechlichkeit des Lebens: „Hinter Beliebtheit und Erfolg kann es auch abgrundtiefe Einsamkeit und Verzweiflung geben“, sagt sie. „Leid, Schwäche und Krankheit sind Teil unseres Lebens. Dafür darf es keine Pfiffe geben, sondern Empathie und Mitleid. Wie traurig ist es, nicht über Depressionen sprechen zu können, weil das unserer Gesellschaft als Schwäche angesehen wird.“

An die Fans gewandt, betont sie eindringlich: „Robert Enke würde nicht wollen, dass ihm jemand auf diesem Weg folgt!“ Am Ende der Andacht entzünden sie Kerzen vor dem Altarraum. Zuerst Teresa Enke, später Ballack, Löw und die vielen Fans – in der Kirche entsteht ein Lichtermeer, ehe sie hinausziehen, zum Trauermarsch durch die Stadt.

Als der Zug am Abend losgehen soll, stehen viele derer, die zu Ehren Robert Enkes gekommen sind, noch etwas unschlüssig mit ihren Handys am Ohr da und suchen ihre Bekannten. „Wo ich stecke?“, sagt ein Fan in sein Telefon und stellt sich suchend auf die Zehenspitzen. „Ich bin auf dem Opernplatz, aber da wirst du mich kaum finden. Ich habe noch nie so viele Menschen gesehen.“

Eine gute Stunde später wird die Polizei sagen, dass es rund 35.000 sind, die vom Kröpcke zum Stadion ziehen. Es sind Familien darunter, junge Väter und Mütter mit ihren Kindern, die im Gehen zu erklären versuchen, der ein beliebter Fußballstar ist, so traurig werden kann. Eingefleischte Fans sind dabei, die das Sonnabendritual auf den Mittwoch verlegt und sich die Schals ihres Klubs an die Handgelenke gebunden haben. Er habe, sagt ein junger Fan zu seinem Freund, die Nachricht vom Tod Enkes von seinem Vater erfahren, am Telefon. „Mir sind die Tränen gekommen, und ihm auch, das hab’ ich gehört“, sagt er. „Und dann haben wir beide einfach aufgelegt. Es ist eine besonders stille, in sich gekehrte Trauer, die diese Prozession vom Opernplatz zum Stadion mit sich bringt. Es gibt keine Redner, keine offiziellen Tröster, kein Programm. Denen, die da marschieren, gibt das Raum zum Nachdenken. „Ich denke jedes Mal wieder darüber nach, wenn jemand vor einen Zug springt“, sagt ein Teenager. In seinem Mundwinkel glimmt eine Zigarette, er trägt Kapuze und Baseballkappe und muss beim Laufen die weite Hose festhalten. „Mir tut der arme Lokführer leid“, sagt er.

Viele sind seit Dienstagabend schon am Stadion gewesen, haben Blumen abgelegt, getrauert. Jetzt, am Abend, scheint es, als hätten die meisten sich ausgeweint. Man erzählt sich, wo man war, als die Nachricht vom Tod des Torwarts kam, wer angerufen, eine Handynachricht geschrieben hat. Der Zug der 35.000 verläuft durchweg verläuft. Von Problemen kann die Polizei nicht berichten. Nur davon, dass ihr das Zählen der Trauernden schwer gefallen ist.

von Simon Benne 
und Felix Harbart


Seelsorger betreut Lokführer

Der Fall Robert Enke gilt bei der Polizei seit Mittwoch offiziell als abgeschlossen. „Es wird keine weiteren Untersuchungen und auch keine Obduktion der Leiche geben“, teilte ein Behördensprecher mit. Die Todesermittler waren am Dienstagabend von den Kollegen der Bundespolizei nach Neustadt-Eilvese gerufen worden.

Am Dienstag um 18.24 Uhr hatte der 42-jährige Lokführer des Regionalexpress 4427, der mit Tempo 160 von Bremen nach Hannover unterwegs war, kurz vor dem Bahnhof Eilvese den Alarm ausgelöst. Er habe eine Person auf den Gleisen sitzen gesehen, teilte er mit und betätigte gleichzeitig die Notbremse. Der vollbesetzte Zug kam jedoch erst mehrere hundert Meter weiter im Bahnhof zum Stehen. Die Einsatzkräfte der Feuerwehr, die durch den Notruf alarmiert worden waren, fanden einen männlichen Leichnam im Gleisbett. Wenig später machte bereits der schreckliche Verdacht die Runde, es könne sich bei dem Toten um Robert Enke handeln. In der Nähe der Unglücksstelle wurde ein schwarzer Mercedes Geländewagen gefunden. „Das Fahrzeug kennt jeder hier in der Gegend“, sagte ein Anwohner.

Etwa zur gleichen Zeit ging bei der Polizei ein Anruf von Robert Enkes Berater Jörg Neblung ein. Er sei soeben von Teresa Enke informiert worden, dass ihr Mann nicht nach Hause gekommen und auch nicht erreichbar sei, teilte er mit. Währenddessen hatte die Kripo in Eilvese auf dem Beifahrersitz des Mercedes die Geldbörse des 96-Torhüters gefunden. Im Wohnhaus der Familie Enke im zwei Kilometer entfernten Empede entdeckten die Polizisten kurz darauf einen Abschiedsbrief. Noch in der Nacht übernahm Notfallseelsorger Pastor Christian Bruns die Betreuung von Robert Enkes Witwe. Auch die Hilfskräfte der Feuerwehr erhielten psychologische Hilfe. „Wir haben nach dem Einsatz sofort die Geschehnisse Revue passieren lassen“, sagte Krisenhelfer Michael Lühring.
Der 42-jährige Lokführer, der bei dem Unfall einen Schock erlitten hatte, ist seit gestern Abend vorerst vom Dienst freigestellt. Dem Vernehmen nach geht es ihm den Umständen entsprechend gut. Er bekommt aber auch professionelle Unterstützung. „Wir haben ein psychologisches Betreuungskonzept entwickeln lassen. Experten werden dem Mann dabei helfen, das Geschehene bestmöglich zu verarbeiten“, sagte ein Bahn-Sprecher.

In Eilvese hatte die Polizei am Tag nach dem Freitod des Fußballprofis alle Hände voll zu tun, dem Ansturm der Fans, die sich von ihrem Idol verabschieden wollten, Herr zu werden. Rund um den Bahnhof regelten die Beamten den Verkehr, damit die Autos der mehreren Hundert Enke-Anhänger nicht die Straßen des 1600-Einwohner-Dörfchens blockierten. Beamte der Bundespolizei waren an den Schienen postiert. „Wir wollen verhindern, dass hier noch etwas Schlimmes passiert“, sagte einer von ihnen. Das Haus der Familie Enke im benachbarten Empede wurde ebenfalls von der Polizei bewacht. Trotzdem hielten dort immer wieder Trauernde mit ihren Fahrzeugen vor dem Gartentor, das in der Nacht noch mit einem Sichtschutz versehen worden war, um Blumen abzugeben oder Kondolenzbriefe einzuwerfen. Detlef Langer (46) war am Nachmittag mit seiner Tochter Vanessa (13) aus dem zwei Kilometer entfernten Schneeren nach Eilvese gekommen. „Wir haben ein Foto von Robert Enke und mir dabei, das wir im Sommer nach dem Training gemacht haben“, sagte die Schülerin. Auch André Dai (12) hatte sich direkt nach dem Unterricht das Trikot seines Vorbildes Enke übergezogen und war mit seinem Vater Reinhold (47) zum Unglücksort gefahren. „Robert war mein Vorbild. Ich stehe in unserer Fußballmannschaft auch im Tor und hoffe, dass ich mal so gut werde wie er“, sagte der Zwölfjährige.

von Tobias Morchner

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  • Robert... alex – 12.11.09
    Robert Enke war ein großartiger Torwart und Mensch - keine Frage. Ich war schon immer ein Fan von ihm. Aber, wie kann man eine Person derart heroisieren, die mit seinem Freitod zig anderen Menschen das Leben gefährdet hat? Wer weiß was hätte passieren können, möglicherweise entgleist der Zug? Und der arme Lokführer befindet sich nun auch in psychologischer Behandlung wegen Depressionen.
    Robert, du hast es nicht leicht gehabt, aber war das der richtige Weg? RIP
  • 35k Martin – 12.11.09
    Nicht, dass jemand meinen Kommentar falsch versteht. Der Tod von Herr Enke ist tragisch und sollte zum nachdenken anregen. Mein Beileid an dieser Stelle an die Angehörigen, Freunde und Fans.

    Was ich krass finde ist, dass es innerhalb kürzester Zeit so viele Menschen auf die Straße treibt. Wenn es darum geht, für politische oder gesellschaftliche Veränderungen zu demonstrieren (was, mit Verlaub, wesentlich wichtiger wäre), schaffen es meist nicht mal ein Zehntel so viele Hannoveraner auf die Straße.
    Sollte ebenfalls zum nachdenken anregen.
  • Artikel G. Andres – 12.11.09
    Trauerflor - Gedenkminute - Spielabsage - und dann nächste Woche wieder weiter wie bisher? - Hannover, der Club, der Fußball benötigen eine anhaltende Mahnung zu mehr Mirmenschlichkeit. Deshalb schlage ich vor, das Stadion in MENSCH-ENKE-STADION umzubenennen.

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