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Aus der Stadt 40.000 singen mit Bruce Springsteen in Hannover
Hannover Aus der Stadt 40.000 singen mit Bruce Springsteen in Hannover
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13:35 29.05.2013
Von Mathias Begalke
Rockt Hannover: Bruce Springsteen in der AWD-Arena. Quelle: Nigel Treblin
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Hannover

Klar, dass wir mit Bruce Springsteen über den Rattlesnake-Speedway rasen wollen. Dass es nur so staubt. Das Leben ist voller Klapperschlangen, denken wir, aber heute Abend ist uns das egal. Mit ihm würden wir auch die Thunder Road nehmen. Das ist mal was anderes als Marienstraße und A 2. Wir singen mit aus vollem Hals. Bei „Badlands“ und „Because the Night“. Bei „The River“. Und bei „Dancing in the Dark“. Das Singen tut uns gut, hier im Stadion von Hannover 96. Wir schreien sogar, und tanzen. Baby, wir sind born to run.

Springsteen und die – wie viele meinen – beste Band des Planeten, seine E Street Band, sind das erste Mal in Hannover. Dass er ein Superrocker ist, dessen Shows seine Fans selig machen, ist bekannt. Auch, dass er an die drei Stunden spielt. Darauf kann man sich verlassen. Doch welche Strategie er wählt, das weiß man bei ihm nie. Ob er auf Nummer sicher geht und ein Greatest-Hits-Programm abliefert? Er war ja schließlich noch nie da, weiß nicht, wie fachkundig die Hannoveraner sind. Vielleicht entscheidet er sich auch für eine Album-Show, so wie vor zwei Tagen im kalten Münchener Regen. Da spielte er „Born in the U.S.A.“. Von Anfang bis Ende. Heute jedenfalls, da regnet es nicht. Der erste trockene Abend seit Tagen. Und wer stoppte den Regen? Der „Boss“, werden die Fans behaupten. Kein Zweifel.

Die Springsteen-Spezialisten vor der Bühne wollen am liebsten Raritäten hören. Einige haben selbst gemalte Schilder mit ihren Songwünschen dabei. Auf einem steht „Trapped“. Gefangen. Darum geht es in vielen Springsteen-Songs, um Menschen, die in der Falle sitzen, gestrauchelt, verwundet.

Um 19:32 Uhr betrat er die Bühne und begrüßte 40.000 Fans mit einem "Moin, moin Hannover". Bruce Springsteen spielte am Dienstag in der AWD Arena.

19.32 Uhr. Springsteen kommt als Letzter auf die Bühne nach der Band. Der Applaus der 40 000 ist schon jetzt gigantisch – und sie haben noch nicht einen Ton gespielt. „Moin, Moin Hannover“, ruft er, und dann spielt die Band das optimistische „Land of Hope and Dreams“, Springsteens „Imagine“. Wir träumen mit ihm von einem Land, in dem jeder die Chance hat, „einigermaßen anständig und einigermaßen würdevoll zu leben“, wie er mal sagte. Es folgt die Durchhalteparole „No Surrender“. Der „Boss“ ist gleich auf Partymodus.

Vom aktuellen Album „Wrecking Ball“ bringt er sechs Stücke, darunter „Death to My Hometown“. Die E Street Band zeigt, dass sie auch Irish Gospel kann. Max Weinbergs Drums marschieren durch den Song wie Plünderer. Bei „Shackled and Drawn“ glänzen die tollen Bläser. Überhaupt: Die Musiker haben beides drauf: Sowohl den Folk von Springsteens „Seeger Sessions“ als auch den typischen E-Street-Sound. Der alte Hit „Hungry Heart“ von 1980 ist ein Höhepunkt. Den Song wollte er damals eigentlich den Ramones überlassen, weil er ihn zu kommerziell fand. Jetzt singen ihn Hannoveraner. Gitarrist und Kumpel Stevie Van Zandt, man kennt ihn auch als Stripclubbesitzer Silvio Dante aus der Fernsehserie „Die Sopranos“, stimmt mit ein – wie immer schön schräg. Und Springsteen nimmt einem Fan ein Bier ab und leert es auf ex. Kurz darauf kippt er noch eins hinterher. Applaus, aber ob er dieses Tempo durchhält?

Irgendwann ist klar, heute gibt es keine Album-Show. Stattdessen sammelt er ein paar Pappschilder der Springsteen-Spezialisten direkt vor der Bühne ein. Wunschkonzert. Vielleicht wollte er „My Love Will Not Let You Down“ und die Coverversion „Drift Away“ sowieso spielen, vielleicht auch nicht, egal. Die Geste zählt. Neulich im dänischen Herning hatte ein schwangerer Fan ihren Lieblingssong sogar auf ihren Bauch geschrieben. „Tougher Than the Rest.“ Klar, dass Springsteen darauf einging. Das stärkt die Kundenbindung noch mehr. Die ist bei ihm ohnehin schon größer als bei vielen Kollegen. Anders als Bob Dylan zum Beispiel spricht er mit seinen Fans.

Und er lässt sie weiter singen: „Waitin’ On A Sunny Day“. Sicherlich machen nicht alle immer mit, aber jetzt hört es sich so an, und es sieht – von den oberen Rängen aus betrachtet – auch so aus. 40 000 werden zu einem einzigen singenden und swingenden Wir. Er würde wahrscheinlich behaupten, das hat er sich beim Gospelgottesdienst in einer Kirche am Mississippi abgeguckt. Man liegt aber auch nicht falsch, wenn man findet: Das ist ja wie bei Gotthilf Fischer. Zwischendrin lässt er einen Jungen aus dem Publikum, vielleicht sechs Jahre alt, ans Mikrofon. Auch so ein Trick, um Verbindung zu seinen Fans aufzunehmen. Hannover jubelt: der Heintje-Effekt.

Springsteen will, dass sich seine Fans verausgaben, sich locker machen, und dabei versuchen, ihren Alltag auszublenden. Und das tun sie wohl. Sie twisten und shouten. Auch für ihn scheint das Konzert ein Akt der Befreiung zu sein. Man kann das gut auf den Monitoren links und rechts der Bühne erkennen. Er tobt, er tanzt, sprintet nach links, sprintet nach rechts, wackelt und zuckt, als steckten beide – Elvis und James Brown – in ihm. Und das mit 63.

Vor den Zugaben spielt Springsteen noch „The Rising“, mit dem er nach 9/11 tröstete. Und dann geht die Party richtig ab: Erst bringt er die mächtige Fanfare „Born in the U.S.A.“, dann „Born to Run“ vom gleichnamigen Album, das den damals dürren 25-Jährigen 1975 zur Rock-Ikone machte. Der Song ist melodramatisch, romantisch sehnsüchtig, schmerzhaft. Das Licht im Stadion ist an. Die Botschaft: Das Publikum ist genauso wichtig wie die Band. Springsteen singt über seine Helden, ob sie nun Mary, Wendy, Terry, Bad Scooter oder Magic Rat heißen. Sie sind auf der Flucht und auf der Suche nach etwas. Aber er singt auch über uns, seine Fans. Gleich machen wir uns auf den Weg nach Hause. Über die Marienstraße. Heute Nacht nennen wir sie Magic Road.

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