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44-Jährige will Verbrecher verpfeifen und verpokert sich

Innenstadt 44-Jährige will Verbrecher verpfeifen und verpokert sich

Sie wollte ihre Freunde vom Steintor verpfeifen – wenn die Polizei ihr eine neue Identität verschafft. Doch der Plan einer 44-jährigen Hannoveranerin ging nicht auf. Eine Geschichte aus der Schattenwelt der Leinestadt.

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Razzia im Januar: Immer wieder wird das Steintorviertel mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Für die Polizei ist es schwierig, in dem Milieu zu ermitteln. Die 44-Jährige versprach, den Beamten Informationen und Hintergründe zu einigen Fällen zu liefern.

Quelle: Burkert (Archivbild)

Hannover, Steintor. Das Geschäft, das die Immobilienmaklerin Sylvia T. den Ermittlungsbehörden vorschlug, war denkbar einfach. Für umfassende Informationen aus der hannoverschen Unterwelt, über die Machenschaften der Hells Angels im Steintor beispielsweise und über Waffen- und Drogengeschäfte, verlangte sie nicht mehr als ein neues Leben als Gegenleistung. Die 44-Jährige, die früher im Rotlichtviertel als Prostituierte gearbeitet und dann den Absprung geschafft hatte, wollte von vorn beginnen und brauchte dazu unbedingt einen neuen Namen.

Denn wo immer die Wedemärkerin in den Monaten zuvor versuchte, Geschäfte zu machen, ihr Ruf war ihr bereits vorausgeeilt. „Sie stopft ihre großen finanziellen Löcher, indem sie sich woanders Geld leiht und noch größere finanzielle Löcher reißt“, hatte Anfang April diesen Jahres ein Wirtschaftsberater vor dem hannoverschen Amtsgericht ausgesagt, wo Sylvia T. wegen Betrugs auf der Anklagebank saß. Obwohl der Prozess mit einem Freispruch endete, wurde in der Verhandlung deutlich, dass die 44-Jährige ihren luxuriösen Lebensstil mit schickem Maserati und teuren Dubai-Urlauben gern auf Kosten anderer pflegte.

Im Herbst des vergangenen Jahres stand ihr das Wasser aber offenbar bis zum Hals, sodass sie nur einen Ausweg sah: Sie liefert ihre ehemalige Clique samt Exmann, die wie sie selbst Verbindungen ins Milieu hatte und teilweise noch hat, den Behörden ans Messer und erkauft sich so den Neuanfang. „Wenn ich mal auspacke, dann können aber viele andere einpacken“, soll sie regelmäßig Freunden und Bekannten gegenüber geprahlt haben.

Am 28. Oktober 2010 ließ sie Taten folgen. An diesem Tag nahm die 44-Jährige um 14.15 Uhr im Beisein eines Oberstaatsanwalts in einem Dienstzimmer der Zentralen Kriminalinspektion in Garbsen Platz, um auszupacken. Vor Spezialisten für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität. Sie berichtete den Ermittlern von großen Summen Drogengeldern, die in einem Bettpfosten im Haus ihres Exmannes versteckt sein sollten. Sie erzählte auch von angeblichen Kokainlieferungen an bekannte Diskothekenbetreiber und weniger bekannte Rechtsanwälte. Und sie erinnerte sich an Drohbotschaften, die sie noch vier Tage vor ihrem Treffen mit den Behörden erhalten hatte, weil ihr Plan, ihren ehemaligen Freundeskreis zu „verzinken“, also bei der Polizei zu belasten, bekannt geworden war. „Plötzlich baumelte ein Herrenhosengürtel an einem Ast“ auf dem Grundstück, auf dem sie sich zu diesem Zeitpunkt versteckt hielt, sagte sie laut Polizeiprotokoll. „Diese Art Botschaften kenne ich aus dem Umfeld des Milieus“, erklärte sie den Ermittlern in Garbsen. „Es bedeutet: Wir werden dir so viel körperlichen Schaden zufügen, dass es besser für dich ist, du hängst dich vorher selbst auf.“ Den Gürtel hatte sie selbstverständlich gleich mitgebracht.

Die Ermittler hörten sich die Aussagen der Immobilienmaklerin in aller Ruhe an. An einigen Stellen hakten sie nach, um mehr über Personen, die in den Berichten der angeblichen Insiderin auftauchten, zu erfahren. Dann machten sie sich daran, den Wahrheitsgehalt der Angaben ihrer Zeugin zu überprüfen.

In den folgenden Tagen durchsuchten sie die Wohnungen mehrerer Beschuldigter und stellten deren Umfeld auf den Kopf. Vergebens. Es gab weder Geldscheine in Bettpfosten noch Hinweise auf Kokainlieferungen und erst recht keine Beweise für die angeblichen Morddrohungen. In einem polizeilichen Vermerk, der Anfang November Eingang in die Ermittlungsakten fand, heißt es: „Es entstand der Eindruck, dass die hier auch als Betrügerin bekannte Sylvia T. wider besseres Wissen und somit zu Unrecht in ihrer Vernehmung Personen beschuldigt.“

Für die Immobilienmaklerin war damit der Traum vom Leben als Kronzeugin gegen die organisierte Kriminalität geplatzt wie ein Ballon. Zudem plagte sie ein neues Problem: Mit ihrem Auftritt bei der Polizei und den sich daraus ergebenden Ermittlungen hatte sie die Clique um ihren Exmann fürchterlich gegen sich aufgebracht. Bereits während ihrer Aussage bei der Polizei hatte sie die Befürchtung geäußert, man werde versuchen, sich an ihr zu rächen. „Alle werden gemeinsam beschließen – da ich ja wohl der einzige Zeuge bin –, mich zu beseitigen. So ist das im Milieu üblich“, diktierte sie den Ermittlern in den Computer.

Doch nach der erlittenen Pleite bei den Ermittlungen, die auf den Angaben der 44-Jährigen basierten, schenkten die Behörden diesen Worten keinen Glauben. Sylvia T. musste schließlich selber für ihren Schutz sorgen. Nach ihrem Freispruch vor dem Amtsgericht ließ sie sich und ihren Anwalt von zwei breitschulterigen, ganz in Schwarz gekleideten Herren aus dem Saal geleiten.

Sollten die Mitglieder ihres ehemaligen Freundeskreises den Aufenthaltsort der 44-Jährigen gerne in Erfahrung bringen wollen, so wären sie nicht die Einzigen. Auch ehemalige Geschäftspartner hätten gern eine Adresse, unter der Sylvia T. zu erreichen ist. „Dann würde ich ihr regelmäßig schreiben, dass sie mir noch Geld schuldet“, sagte eine Immobilienmaklerin, die namentlich nicht genannt werden möchte. Insgesamt 14.000 Euro verlangt sie noch von Sylvia T. – Provisionen aus drei gemeinsam abgewickelten Geschäften. Dabei hatte die 44-Jährige, nach Angaben ihrer ehemaligen Geschäftspartnerin, in der Vergangenheit alles darangesetzt, dass die Forderungen nicht mehr zur Sprache kommen. „Sie hat mir einen Schläger geschickt, der mir Angst einjagen sollte“, sagte die Frau.

Sylvia T. ist inzwischen untergetaucht. Zu einem Gespräch mit dieser Zeitung war sie nicht bereit. Zwar meldete sie sich vor einigen Wochen telefonisch und gab an, alle gegen sie erhobenen Vorwürfe widerlegen zu können. Doch einen Termin für das in Aussicht gestellte Treffen mit ihr und ihrem Kasseler Anwalt hat sie bis heute nicht benannt.

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