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„Man kann hier gut leben“

50 Jahre Mühlenberg „Man kann hier gut leben“

Der hannoversche Stadtteil 
Mühlenberg 
ist von 
Gegensätzen geprägt: von gutbürgerlicher Reihenhausidylle 
genauso wie von 
sozialer Armut. 
Jetzt wird er 
50 Jahre alt.

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Die „Skyline“ entsteht: Die Mehrfamilienhäuser am Canarisweg im Jahr 1972. 

Quelle: Schilling (Archiv)

Hannover. „Skyline“, das ist ein Begriff, den man mit Wolkenkratzern von Metropolen verbindet, ein Begriff, der für die Modernität einer Großstadt steht. Aber die Skyline vom Mühlenberg? So eine Formulierung würde heute wohl kaum jemand für die Hochhaustürme des hannoverschen Stadtteils gebrauchen.

Ende der Sechzigerjahre aber war sie in aller Munde. Als sei es das Selbstverständlichste von der Welt kann man am 9. Juli 1969 in einem Bericht dieser Zeitung lesen: „Die Skyline von Manhattan ist ein Begriff. Die Skyline vom hannoverschen Mühlenberg könnte – mit engerer Ausstrahlung – ein Begriff werden.“ Auch die heute 77-Jährige Erika Binnewies erinnert sich an solche Sätze. So habe der hannoversche Stadtbaurat Hanns Adrian Busse gechartert und sei abends damit von Ronnenberg nach Mühlenberg gefahren, erzählt sie. Er habe den Mitfahrern die Skyline des Stadtteils in der Abendsonne gezeigt.

Notunterkunft für Flüchtlinge und Obdachlose

Binnewies ist Mühlenbergerin der ersten Stunde. Im November 1966 zog sie dort in eine der ersten Wohnungen überhaupt ein. Wer mit der „Ureinwohnerin“, wie manche sie liebevoll nennen, einen Spaziergang durch „ihren“ Stadtteil macht, lernt viel über einen Ort, dessen Geschichte von Gegensätzen geprägt ist: von hochfliegenden architektonischen Träumen und gutbürgerlicher Reihenhausidylle, aber auch von sozialer Armut und Leid. 1945 – lange bevor am Mühlenberg eine Siedlung gebaut wurde – befand sich hier ein KZ-Außenlager. Nach dem Krieg wurde auf dem Mühlenberg eine Notunterkunft für Flüchtlinge, Obdachlose errichtet. Erst 1960 wurde sie endgültig geräumt.

Von 1965 an entstand dann der Stadtteil, den wir heute kennen: in einem Gebiet, das zuvor – bis auf die beiden Lager – nur Felder, Äcker und Wiesen prägten. In diesem Jahr wird er 50 Jahre alt.
Erika Binnewies erinnert sich noch gut an die Aufbruchstimmung, die herrschte, als 1965 die ersten Eigentumswohnungen in der Leuschner- und in der Beckstraße gebaut wurden. Sie selbst hatte es 1946 als Flüchtlingskind von Breslau nach Empelde verschlagen. Sie hatte jung geheiratet, lebte in Ricklingen in einer Dachmansarde, als sie in der Zeitung die Ankündigungen von dem neuen Stadtteil las. „Damals wollten alle raus aus den Altbauwohnungen“, sagt sie: „Wohnungen mit Heizung statt Kohleofen lockten, mit gefliestem Bad“. Ein Blick „bis zum Deister“ sei versprochen worden, eine Gartenstadt mit viel Grün. „Da wollte man hin“, sagt Binnewies: „Das war was für die gute Mittelklasse.“

Dass die Sache mit der Gartenstadt kein Maklertrick war, sondern bis heute den Stadtteil prägt, merkt man, wenn einem Binnewies oder die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Mühlenberg-Bornumer Vereine und Verbände, Brigitte Hurtzig, die schönen Ecken zeigen.

Ein Stadtteil mit zwei Seiten

Hurtzig wohnt „erst“ seit 27 Jahren im Stadtteil. Die Sekretärin lebte mit ihrem Mann in Hannover-Bothfeld. Weil sie ganztags arbeitete, suchte sie für ihre Tochter nach der Grundschule eine Ganztagsschule – und fand sie in der IGS Mühlenberg. Noch heute ist die mit rund 1800 Schülern und 180 Beschäftigten größte Gesamtschule Niedersachsens ein Anziehungspunkt für Kinder aus der ganzen Region – und zugleich eines der ambitioniertesten Zukunftsprojekte: Für 65 Millionen Euro wird sie derzeit neu gebaut, der erste Bauabschnitt wurde im April fertig.

1987, als Hurtzig auf den Mühlenberg zieht, ist von solchen Neubauten natürlich nicht die Rede. Die heute 68-Jährige zieht im hinteren Teil des Ossietzkyrings in eine Reihenhaussiedlung, die heute noch malerische Züge trägt. Blitzblanke Autos stehen am Straßenrand. Gepflegte Vorgärten sieht man allenthalben, Rosenstöcke, Ziersträucher, Straßenzüge lang. An einem Kindergarten, an einem Spielpark kommt man vorbei. Es dauert nur ein paar Minuten, bis sich der Blick ganz in die Natur öffnet. Felder und Wiesen, so weit das Auge reicht: eine Szenerie, die so gar nicht dem Vorurteil vom sozialen Brennpunkt entspricht.

Der Stadtteil Mühlenberg wird 50 Jahre alt. Aus diesem Anlass haben wir ein paar alte Fotos aus dem Archiv geholt.

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Um das Zuhause von Brigitte Hurtzig und Erika Binnewies zu erreichen, muss man aber unter zwei wuchtigen Torbögen hindurch. Die Verbindungsgänge zweier Gebäuderiegel laufen über dem Ossietzkyring entlang. Diese Torbögen schließen den gepflegteren Bereich trutzburgartig vom vorderen Teil des Ossietzkyrings ab. Dort gibt es viel sozialen Wohnungsbau. Sperrmüll liegt an der Straße. Ein Einkaufswagen mit einem alten Teppich steht in einer Ecke herum.

Es gibt viele solche Bruchstellen im Stadtbild von Mühlenberg. Die einschneidenste ist die Bornumer Straße, die den Stadtteil in zwei Hälften teilt. Nüchtern, kalt, wirken die bis zu 14-stöckigen Betonburgen im Canarisweg, die einmal das Wahrzeichen Mühlenbergs werden sollten. Mehr als 1000 Menschen aus über 50 Nationen leben hier, viele von Hartz IV. Für Zuwanderer ist der Canarisweg oft die erste Adresse. Dass viele dem Wohnquartier so schnell wie möglich wieder den Rücken kehren, ist bekannt.
Es gibt aber auch solche, die zurückkehren, nach Jahren noch.

Mühlenberg von innen

Ute Schülein ist so ein Fall. 2006 zieht sie in den Canarisweg, der billigen Wohnungen wegen. 2013 geht sie nach einer Trennung wieder weg, nach Letter, weil dort zwei Geschwister leben. Vor allem ihrer kleinen Tochter bekommt der Umzug nicht, sie findet keine Freunde, in der Grundschule klappt es nicht. Also zieht Schülein zurück nach Mühlenberg, in eine Wohnung auf der anderen Seite der Bornumer Straße.
Aber wo findet sie Arbeit? Im Canarisweg. Die 48-Jährige bessert im Kids-Club seit Kurzem ihre Sozialhilfe auf, einem von mehreren Angeboten, mit denen das Projekt Nachbarschaftsarbeit (NBA) des Vereins „Miteinander für ein schöneres Viertel – MSV e.V.“ den Bewohnern des Canariswegs bei der Bewältigung ihres Alltages hilft. Schülein passt vormittags auf Kinder auf, die keinen Kindergartenplatz haben. „Ich bin nicht der Typ, der den ganzen Tag rumsitzt“, sagt sie: „Die Arbeit hier macht mir Spaß“. Das merkt man, wenn sie erzählt, dass sie den Großen gerade erste Buchstaben beibringt. Das sieht man: Bunte Papierschlangen hat sie mit den Kindern für die Wände gebastelt. Schülein hat unlängst sogar eine Freundin aus dem Canarisweg überredet, doch im Kids-Club mitzuhelfen. Jetzt arbeiten die beiden Frauen gemeinsam hier.

Ute Schülein hat eine andere Geschichte hinter sich als Erika Binnewies oder Brigitte Hurtzig. Sie kennt den Teil von Mühlenberg von innen, der als sozialer Brennpunkt gilt.
Aber was das Leben hier angeht, zieht sie ein ähnliches Fazit wie die beiden anderen Frauen: „Ich habe meine Freunde hier und meine Arbeit gefällt mir. Man kann hier gut leben.“

Mühlenberg in Zahlen: Rund 7000 Menschen leben im Stadtteil

In den Anfangsjahren war geplant, dass der Stadtteil Mühlenberg bis zu 50 000 Bewohner aufnehmen sollte; die Zahl wurde nie erreicht.

Heute leben hier 6696 Menschen auf 120 Hektar Fläche in 3068 Privathaushalten. Die durchschnittliche Haushaltsdichte liegt in diesem Stadtteil besonders hoch: 2,2 Mühlenberger leben im Schnitt in einem Haushalt zusammen. Nur im kinderreichen Stadtteil Lahe (2,4), und in Waldheim (2,5) sind es mehr, in der Südstadt oder in Döhren sind es dagegen nur 1,6.

Mühlenberg ist ein Stadtteil mit besonders vielen Wohnungsleerständen: 3,2 Prozent aller Wohnungen sind derzeit nicht bewohnt. Nur in Hannover-Mitte sind es noch mehr, nämlich 3,4 Prozent. Gegenüber 2009 hat sich der Wohnungsleerstand allerdings deutlich verbessert. Damals waren es noch 5,9 Prozent.

22,0 Prozent aller Familien haben drei oder mehr Kinder. Das ist Stadtrekord. Auf Platz zwei liegt der Sahlkamp mit deutlichem Rückstand. Der Wert liegt dort bei 18,9 Prozent.

Ganz vorne liegt Mühlenberg auch bei der Zahl der Einwohner mit Migrationshintergrund: 3730 haben einen, das sind 55,7 Prozent, mehr als jeder zweite. Knapp dahinter liegt Vahrenheide: Dort haben 4961 Menschen aus dem Stadtteil einen Migrationshintergrund: 52,3 Prozent.

50-Jahr-Feier

Am kommenden Sonnabend, 25. Juli, gibt es im Rahmen des 50. Geburtstages des Stadtteils auf dem Sportplatz des Mühlenberger Sportvereins von 14 bis 17 Uhr ein sportliches Familienfest mit Sportabzeichenstationen, Fun Cup, Kinderprogramm und Kaffee und Kuchen. Der Jux-Pokal am 29. August von 13 Uhr an auf der Wiese des Mühlenberger Sportvereins hat ebenfalls „50 Jahre Mühlenberg“ zum Thema.   

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